Frankfurt weist gute Suchthilfe-Infrastruktur auf / 2. Alternativer Drogen- und Suchtbericht

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20.05.2015 16:27

Frankfurt weist gute Suchthilfe-Infrastruktur auf / 2. Alternativer Drogen- und Suchtbericht

Nicola Veith Pressestelle
Frankfurt University of Applied Sciences

    Alternativer Drogen- und Suchtbericht aus Sicht der Frankfurter Wissenschaftler

    Der 2. Alternative Drogen- und Suchtbericht wurde im Vorfeld der Veröffentlichung des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung am 21. Mai 2015 herausgegeben. Er hat zum Ziel, Irrtümer in der Drogenpolitik zu korrigieren und Erkenntnisse der Sucht- und Präventionsforschung in dauerhaft erfolgreiche Maßnahmen zu übersetzen. Initiatoren sind akzept e.V. – Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, die Deutsche AIDS-Hilfe und das Selbsthilfe-Netzwerk JES Bundesverband.

    An den Inhalten des Berichts waren die Frankfurter Wissenschaftler Prof. Dr. Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) sowie Dr. Bernd Werse vom Centre For Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt beteiligt.

    Die Kernaussage des Berichts lautet, dass der Markt für illegale Drogen reguliert werden muss, um ihn nicht länger der organisierten Kriminalität zu überlassen. Da Verbotspolitik und Repression gescheitert sind, sei das Betäubungsmittelgesetz dringend reformbedürftig. Es verfehle nicht nur das Ziel, Drogenkonsum und dessen schädliche Folgen für Individuen und Gesellschaft zu verhindern, sondern sei Mitverursacher dieser Schäden. Drogenverbote verdrängten das Geschehen lediglich ins Verborgene: Menschen, die Drogen konsumieren, werden in die Illegalität gedrängt, wo sie für Hilfsangebote schwer erreichbar sind; organisierte Kriminalität und Schwarzmarktpreise ziehen Beschaffungskriminalität nach sich; für inhaftierte Drogenkonsumenten ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV oder HCV zu infizieren um ein Vielfaches höher, u.a. weil keine sauberen Spritzen zur Verfügung stehen; auch ist die Qualität illegaler Substanzen nicht kontrollierbar, oft sind den Drogen gefährliche Strecksubstanzen beigemischt. Das Betäubungsmittelgesetz behindere Prävention, Schadensbegrenzung und Therapie und koste damit vielen Menschen ihre Gesundheit. Mit einer staatlich kontrollierten Produktion und Abgabe von Cannabis-Produkten und einem ausgebauten Zugang zu Diamorphin (pharmazeutisch erzeugtem Heroin) über das Medizinsystem könnten verschiedene Probleme gelöst werden. Durch Drug-Checking-Angebote zur Untersuchung der Zusammensetzung von Drogen könnte der Verbraucherschutz gestärkt werden. Auch müsste der Zugang zu Konsumutensilien, vor allem sterilen Spritzen, in Haft ermöglicht werden. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für Substitutionsärzte müsste verbessert und Substitutionsbehandlungen bundesweit zuverlässig als Therapie anerkannt werden.

    „Mit Blick auf die Suchthilfe-Praxis stellt Frankfurt eine bedeutsame Ausnahme unter deutschen Großstädten dar. Hier gibt es eine differenzierte Suchthilfe-Infrastruktur, begonnen mit den vier Drogenkonsumräumen, der Heroin-Verschreibung und einer guten Substitutionsbehandlung sowie vielen abstinenzorientierten Angeboten verschiedener Träger, das bedeutet Unterstützungsangebote, die zur Drogenfreiheit führen sollen“, erklärt Prof. Dr. Heino Stöver, Vorstandsvorsitzender von akzept e.V. und Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences. „Die Suchthilfe-Praxis leidet unter der repressiven Prohibitionspolitik. Tatsächlich können viele Träger weniger das eigentliche Suchtproblem angehen, sondern arbeiten an den durch die Drogenpolitik induzierten Problemen wie Prostitution, Diebstahl oder Haft. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Drogenhilfeeinrichtungen finden dadurch weniger Zeit, sich um ihre eigentliche Aufgabe zu kümmern, nämlich Drogenkonsumenten bei ihrer Suchtbewältigung zu unterstützen.“

    Als Erfolg der Frankfurter Suchthilfe kann verzeichnet werden, dass es – verglichen mit anderen Städten mit einer ähnlichen Zahl an Drogenabhängigen – im Jahr 2014 in Frankfurt nur 23 Drogentote gab. In Frankfurt besteht eine Vielfalt ineinandergreifender Suchthilfe-Angebote: Europas größte Drogenhilfeeinrichtung, Eastside, befindet sich im Frankfurter Osthafen. Dort leben, wohnen und arbeiten Drogenabhängige unter einem Dach. Im Eastside werden auch Menschen begleitet, die durch ihre langjährige Drogenabhängigkeit unter schweren physischen und psychischen Erkrankungen leiden. Zudem wurde in Frankfurt die Heroin-Abgabe unter ärztlicher Aufsicht durchgesetzt, was aktuell rund 100 schwerabhängige Menschen betrifft, bei welchen die Stabilisierung durch Opioide, u.a. Methadon, nicht funktionierte. So soll deren Verelendung verhindert und ihr Leben stabilisiert werden. In Frankfurt ist durch die Suchthilfeeinrichtungen das Drogenproblem nicht mehr im Alltagsgeschehen sichtbar, was es jenen Einrichtungen gleichzeitig auch erschwert, Gelder für Suchthilfe zu erhalten. Auffällig hoch ist in Frankfurt jedoch noch die HIV-Verbreitungsrate: Rund 9 % aller Heroin-Abhängigen sind HIV-positiv; in anderen Städten seien es hingegen 1 bis 3 %. Trotz vielfältiger Angebote besteht hier ein dringender Handlungsbedarf. „Hauptursache für die hohe Infektionsrate ist die gemeinsame Benutzung insteriler Spritzen – die Einführung von 24 Stunden und sieben Tage die Woche zugänglichen Spritzen-Automaten wäre in Frankfurt eine sinnvolle Maßnahme“, so Stöver. „Viele Gelegenheitskonsumenten von Heroin fahren nicht nachts in ein Hilfezentrum, sondern teilen sich die Spritzen. Es ist höchste Zeit, an der Aids-Prävention für Drogenabhängige zu arbeiten.“

    Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit, Institut für Suchtforschung, Prof. Dr. Heino Stöver, Telefon: 069/1533-2823, E-Mail: hstoever@fb4.fra-uas.de

    Weitere Informationen zum 2. Alternativen Drogen- und Suchtbericht sowie zum Institut für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences unter: http://www.frankfurt-university.de/isff

    Direktlink zum 2. Alternativen Drogen- und Suchtbericht: http://www.frankfurt-university.de/fileadmin/de/Fachbereiche/FB4/Forschung/ISFF/...

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    Weitere Informationen:

    http://www.frankfurt-university.de/isff


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Der Frankfurter Wissenschaftler Prof. Dr. Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung der Frankfurt UAS war an der Erstellung des Alternativen Drogen- und Suchtberichts beteiligt.


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