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07.09.2015 11:50

Gute Fähigkeiten in der Muttersprache erleichtern den Erwerb der deutschen Sprache

Dr. Anne Klostermann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs)

    Heranwachsende mit Zuwanderungshintergrund profitieren beim Erwerb der deutschen Sprache davon, wenn sie ihre Muttersprache gut beherrschen. Dies gilt auch für die Entwicklung von Lesefähigkeiten, wie eine aktuelle Studie von Psychologinnen der Humboldt-Universität und des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zeigt. Die Forscherinnen untersuchten die Lesefähigkeiten von 662 Schülerinnen und Schülern mit Türkisch und 502 Jugendlichen mit Russisch als Muttersprache. Je besser sie ihre Muttersprache beherrschten, desto höher war ihre Lesekompetenz in Deutsch. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Journal of Educational Psychology“ veröffentlicht.

    Untersuchung von Neuntklässlern mit Russisch oder Türkisch als Muttersprache

    Die Psychologinnen sind der Frage nachgegangen, ob die mündliche Sprachkompetenz von Heranwachsenden mit Zuwanderungshintergrund in ihrer Muttersprache beeinflusst, wie gut sich ihre Lesefähigkeit in der deutschen Sprache ausbildet. Dazu werteten sie Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) aus, einer längsschnittlichen Bildungsstudie, die deutschlandweit durchgeführt wird. In die Analysen gingen die Daten von 662 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern mit Türkisch als Muttersprache und von 502 Heranwachsenden mit russischer Muttersprache ein. Als Muttersprachler Türkisch/Russisch galten Schülerinnen und Schüler, die einerseits grundlegende Fähigkeiten in Russisch bzw. Türkisch zeigten und andererseits entweder selbst in der Türkei bzw. der früheren Sowjetunion geboren sind, oder mindestens eines ihrer Elternteile bzw. mindestens zwei Großelternteile.

    Die Wissenschaftlerinnen prüften den Zusammenhang zwischen der mündlichen Kompetenz in der Muttersprache, die mit einem Hörverstehenstest in Türkisch bzw. Russisch erfasst wurde, und der Lesekompetenz in der Zweitsprache Deutsch, die mit einem Leseverstehenstest erhoben wurde.
    Beim Hörverstehenstest mussten die Jugendlichen eine Reihe von Multiple-Choice-Fragen zu sieben kurzen Texten (Dialog, Sachtext, Geschichte) beantworten. Der Leseverstehenstest bestand aus fünf Texttypen, denen je fünf bis sieben Aufgaben folgten. Die Autorinnen analysierten den Zusammenhang zwischen den Leistungen der Jugendlichen beim Hörverstehenstest und denen beim Leseverstehenstest. Um auszuschließen, dass dem beobachteten Zusammenhang alternative Ursachen zugrunde liegen, kontrollierten sie zahlreiche Merkmale, wie etwa den sozialen Hintergrund der Familie, die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und die mündliche Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler in Deutsch.

    Gutes Verständnis der Muttersprache ist förderlich

    Die Ergebnisse zeigen: Je besser Schülerinnen und Schüler ihre Muttersprache verstehen, desto höher ist ihre Lesekompetenz in Deutsch. Es scheint also ein Sprachtransfer von der Mutter- in die Zweitsprache stattzufinden. Dies gilt nicht nur, wie in bisherigen Studien gezeigt werden konnte, für schriftsprachliche Fähigkeiten in der Muttersprache, sondern auch für mündliche Kompetenzen.
    „Es ist also hilfreich, wenn Heranwachsende mit Zuwanderungshintergrund hohe Kompetenzen in ihrer Muttersprache erwerben. Die Beherrschung der Muttersprache auf hohem Niveau begünstigt den Erwerb von Kompetenzen in der Zweitsprache. Dazu genügt es, die Muttersprache gut verstehen zu können; schriftsprachliche Fähigkeiten scheinen nicht unbedingt notwendig zu sein“, fasst die Psychologin Aileen Edele zusammen.

    Konkurrenz zwischen Erst- und Zweitsprache?

    Die Autorinnen fanden in ihren Analysen zudem Hinweise dafür, dass die Muttersprache und die Zweitsprache in einer konkurrierenden Beziehung zueinander stehen. Heranwachsende, in deren Familie häufig Deutsch gesprochen wird, haben höhere Chancen, gute Lesefähigkeiten in Deutsch zu erlangen als diejenigen, in deren Familie häufig die Muttersprache gesprochen wird.

    „Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse also dass Eltern, die eine andere Sprache als Deutsch in der Familie sprechen, sicherstellen sollten, dass ihre Kinder diese Sprache möglichst gut lernen“, sagt Aileen Edele. Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), ergänzt: „Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass die Kinder möglichst früh Zugang zur deutschen Sprache erhalten – etwa durch den Besuch einer Kita.“

    Die Originalstudie finden Sie hier:

    Edele, A., & Stanat, P. (2015). The Role of First-Language Listening Comprehension in Second-Language Reading Comprehension. Journal of Educational Psychology. Advance Online Publication. doi:10.1037/edu0000060

    Weitere Informationen:

    Aileen Edele
    Institut für Erziehungswissenschaften
    Humboldt-Universität zu Berlin
    E-Mail: aileen.edele@hu-berlin.de

    Prof. Dr. Petra Stanat
    Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB),
    und Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung (BIM)
    an der Humboldt-Universität zu Berlin
    E-Mail: iqboffice@iqb.hu-berlin.de

    Pressestelle der DGPs:
    Dr. Anne Klostermann
    Tel.: 030 28047718
    E-Mail: pressestelle@dgps.de

    Über die DGPs:
    Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 3700 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
    Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
    Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Psychologie, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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