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29.10.2015 10:44

Invasive superkoloniale Ameise: Schädling oder halb so schlimm?

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Görlitz, den 29.10.2015. Der Wissenschaftler Dr. Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz hat die Ausbreitung einer invasiven Waldameisenart in Kanada untersucht. Etwa eine Millionen der Insekten wurden 1971 durch den Menschen in einen kanadischen Wald nahe Quebec eingeführt – die Ameisen haben seitdem ihre Anzahl mindestens verzwanzigfacht. In seiner kürzlich im Fachjournal „Myrmecological News“ veröffentlichten Studie zeigt Seifert, dass die Ameisen nur an einen Ort in Quebec vorkommen und bisher keine Gefahr für das kanadische Ökosystem darstellen.

    Ameisen machen weniger als 0,5 Prozent aller weltweit bekannten Tier- und Pflanzenarten aus, dennoch befinden sich gleich fünf superkoloniale Ameisenarten auf der von der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) erstellten Liste der 100 schlimmsten invasiven Tier- und Pflanzenarten.

    „Superkolonien bei Ameisen entstehen durch die Aufspaltung von Nestern mit vielen Königinnen in zahlreiche Tochterkolonien“, erklärt Dr. Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz und fährt fort: „Problematisch sind die durch Menschen verursachten Verschleppungen von Arten, die solche Superkolonien bilden können. Die Ameisen können sich sehr schnell zu ökologischen Plagen im neuen Lebensraum entwickeln.“
    Der Görlitzer Ameisenforscher hat die 1971 nach Kanada eingeführte superkoloniale Waldameisenart Formica paralugubris und ihre bisherige Ausbreitung untersucht. Die größte bekannte Superkolonie der rot-schwarze Ameisenart in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet umfasst 1200 Nester auf 70 Hektar Fläche in den Schweizer Alpen.

    „Kurioserweise wurden die Ameisen 1971 bewusst vom Menschen nach Kanada eingeschleppt“, erzählt Seifert. Die kleinen Insekten sollten für den Schutz kanadischer Wälder sorgen und Schadinsekten bekämpfen. „Solch ein Verfahren würde in der heutigen Zeit zu massiven Protesten führen“, meint Seifert.
    Etwa 1,3 Millionen Arbeiterameisen mit geschätzten 3000 Königinnen wurden gezielt in einer kanadischen Nadelbaumplantage angesiedelt. Bis 1973 hatten die Ameisen fünf Nester gebaut, die circa 3 Millionen Ameisen beherbergten. Die nächste Aufzeichnung stammt aus dem Jahr 2005: Formica paralugubris lebte nun schon in 95 Nestern, die sich auf einer Waldfläche von 3,8 Hektar ausstreckten. „Laut unseren statistischen Berechnungen können wir zu diesem Zeitpunkt von etwa 19 Millionen Arbeiterameisen in dieser zusammenhängenden Superkolonie ausgehen. Heute sind es wahrscheinlich noch deutlich mehr, die Entwicklung wurde aber in den letzten 10 Jahren nicht mehr beobachtet“, erläutert Seifert.

    Die Studie zeigt außerdem, dass im Verbreitungsgebiet der Waldameise heimische Arten lokal verdrängt werden und die eingeführten Ameisen deren Funktionen im Ökosystem mehr oder weniger übernehmen. Doch anders als beispielsweise bei der gelben Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes), die seit ihrer Einfuhr 1978 in Australien durch eine immense Ausbreitung erhebliche Schäden in den heimischen Ökosystemen anrichtet, ist die Ausbreitungsgefahr der untersuchten Waldameise in Kanada über eine größere Fläche eher gering. Die Art macht keine weiten Paarungsflüge, die Paarung der Ameisen findet fast immer im oder auf dem Nest statt und die Jungköniginnen werden anschließend vom Mutternest adoptiert – so bleiben die Tiere an Ort und Stelle. Auch Neuansiedlungen durch zufälligen, unbeabsichtigten Transport durch den Menschen hält Seifert für extrem unwahrscheinlich: Für eine Anfangskolonie müssten große Teile einer Kolonie umgesiedelt werden, dies wäre nur durch ein gezieltes Vorgehen möglich.

    „Demnach besteht momentan keine akute Gefahr für eine Schädigung nordamerikanischer Wälder durch Formica paralugubris. Dennoch würde ich eine weitere Beobachtung der Superkolonie durch meine kanadischen Kollegen dringend empfehlen“, fasst Seifert zusammen.

    Kontakt
    Dr. Bernhard Seifert
    Senckenberg Museum für
    Naturkunde Görlitz
    Tel. 0049-3581-4760-5600
    Bernhard.Seifert@senckenberg.de

    Judith Jördens
    Pressestelle
    Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
    Tel. 069- 7542 1434
    pressestelle@senckenberg.de

    Publikation
    Bernhard SEIFERT (2016): The supercolonial European wood ant Formica paralugubris SEIFERT, 1996 (Hymenoptera: Formicidae) introduced to Canada and its predicted role in Nearctic forests. :
    Myrmecological News, 22: 11-20


    Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.


    Weitere Informationen:

    http://Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie auch unter www.senckenberg.de/presse


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Wurden absichtlich nach Kanada eingeführt: Die superkoloniale Waldameisenart Formica paralugubris.


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    Superkoloniale Waldameise mit einer erbeuteten Blattwespe.


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