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25.11.2015 16:00

Virtuelle Ausstellung zur NS-Zeit - Vergessene Orte

Luise Dirscherl Stabsstelle Kommunikation und Presse
Ludwig-Maximilians-Universität München

    Das Lagerbordell im KZ Dachau, Zwangsarbeit im Heeresmunitionsdepot in Hohenbrunn oder in einem Werk der deutschen Reichsbahn in Neuaubing: 70 Jahre nach Kriegsende sind viele Opfer des NS-Regimes in Vergessenheit geraten. Daran erinnern Studierende jetzt in einer virtuellen Ausstellung.

    Ausführlich widmet sich die Gedenkstätte des Konzentrationslagers in Dachau der Aufarbeitung der Opfer des Nationalsozialismus – doch ein Thema findet in der Gedenkstätte nur wenig Raum: In der Ausstellung finden sich nur zwei kleine Hinweise auf das Lagerbordell im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. „Eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema findet in der Gedenkstätte nicht statt. Das Lagerbordell war lange ein Tabu“, berichtet Sanja Tolj, Studentin des Elitestudiengangs Osteuropastudien, der gemeinsam von der LMU und der Universität Regensburg getragen wird. Zusammen mit ihrer Kommilitonin Mirela Delić hat sie sich mit diesem Teil der Lagergeschichte auseinandergesetzt: „Bis heute gibt es im Konzentrationslager in Dachau keine eigene Ausstellung zu den Frauen, die dort zur Prostitution gezwungen wurden.“ Mit der virtuellen Ausstellung „Münchner Leerstellen“ soll sich das ändern: Die Webseite erinnert mit Fotos, Karten und Hintergrundberichten an die vergessenen Opfer des NS-Regimes. „Meinen Blick auf München hat es schon verändert“, erklärt Sanja.

    Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
    „Bei diesem Projekt geht es nicht nur um die Aufarbeitung der Geschichte, sondern auch um unseren Umgang mit den Orten der Erinnerung an die NS-Zeit. Die Frage lautet: Wer erinnert wann an was?“, erklärt Dr. Marketa Spiritova, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie, die zusammen mit Dr. des. Ekaterina Makhotina vom Fach Osteuropäische Geschichte das Projekt „Leerstellen der NS-Gewalt in und um München und Umgebung“ betreut.

    Mit der Website „Münchner Leerstellen“ haben die Studierenden einen neuen Ort geschaffen, der an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Eine virtuelle Ausstellung führt die Besucher zu vergessenen Orten des Unrechtsregimes und zeigt, wie sich die Städte und Gemeinden vor Ort mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Über zwei Semester hinweg haben sich Studierende mit der Geschichte der Stadt München und des Münchner Umlands beschäftigt, Archive durchforstet und sind schließlich selbst an jene Orte gefahren, die bislang noch nicht mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht wurden. „Die Studierenden haben bei ihren Feldforschungsprojekten erstaunliche Ergebnisse zu Tage gefördert“, berichtet Spiritova. „Im zweiten Teil des Seminars ging es eher um praktische Aspekte des Managements: Die Studenten haben Texte redigiert, sich um die Öffentlichkeitsarbeit gekümmert und am Ende gemeinsam mit einer Agentur die Website erstellt.“

    Späte Aufarbeitung

    „Uns ging es im Studierendenprojekt um jene Opfer des Zweiten Weltkrieges, die sich noch immer am Rande des öffentlichen Gedenkens befinden", erklärt Makhotina. „Also um Menschen aus dem östlichen Europa, die als KZ-Häftlinge, Ghetto-Insassen oder verschleppte ‚Ostarbeiter’ und ‚Ostarbeiterinnen’ als Arbeitskräfte für die deutsche Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden. Gerade diese Opfergruppen verschwanden nach dem Krieg hinter dem erinnerungskulturellen Eisernen Vorhang.“ Bis heute gebe es bei der Veröffentlichung der polnischen, russischen, belarussischen und ukrainischen Erinnerungen einen großen Nachholbedarf.

    Die virtuelle Ausstellung widmet sich vor allem dem Leid der Zwangsarbeiter aus Osteuropa – wie zum Beispiel im Heeresmunitionsdepot der Wehrmacht in Hohenbrunn. Bis zu 4.500 Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs zur Arbeit in der Munitionsfabrik gezwungen. Trotzdem fanden die Studentinnen Luisa Lehnen und Maria Levchenko bei ihrem ersten Forschungsaufenthalt in Hohenbrunn keinen Hinweis auf die Verbrechen während der NS-Zeit – obwohl man erst vor einigen Jahren Kinderleichen auf dem Gelände entdeckt hatte: „Wir waren total überrascht, dass die städtische Aufarbeitung dieser Verbrechen gerade erst begonnen hatte“, erklärt Luisa. Erst im Frühjahr 2015 hat die Gemeinde einen Gedenkstein aufgestellt, der an die vielen Zwangsarbeiter in Hohenbrunn erinnert. „Für uns war es sehr spannend, diesen Prozess zu begleiten und unsere Ergebnisse in einer virtuellen Ausstellung zu präsentieren.“

    http://www.muenchner-leerstellen.de

    Eine Präsentationsveranstaltung zur virtuellen Ausstellung „Leerstellen des Zweiten Weltkriegs in München und Umgebung“ findet am 25. November 2015 um 18 Uhr im Senatssaal der Ludwig Maximilians-Universität München, Geschwister-Scholl-Platz 1 (1. Stock) statt.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Kulturwissenschaften
    regional
    Studium und Lehre
    Deutsch


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