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20.01.2016 14:24

Achtung: Schildkröte! Invasive Rotwangenschmuck-Schildkröte macht sich breit

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Dresden, den 20.01.2016. Wissenschaftler des Senckenberg-Forschungsinstitutes in Dresden haben mit genetischen Methoden herausgefunden, dass sich die in Europa eingeschleppte Rotwangenschmuck-Schildkröte auch außerhalb des Mittelmeerraumes vermehrt. Die ursprünglich aus Nordamerika stammende Schildkröte stellt eine massive Bedrohung für die heimische Schildkrötenfauna dar und sollte laut den Autoren der kürzlich im Fachjournal „Conservation Genetics“ veröffentlichten Studie in Europa abgefangen werden.

    Die Rotwangenschmuck-Schildkröte (Trachemys scripta) ist die am weitesten über ihren natürlichen Lebensraum verbreitete Art weltweit. Ursprünglich stammen die bis zu 30 Zentimeter langen Panzerträger aus den südöstlichen USA – heute kann man die Tiere aber auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis und einiger ozeanischen Inseln antreffen. „Man findet die Schildkröten praktisch in allen europäischen Ländern in der freien Natur“, erklärt Dr. Melita Vamberger von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Die Reptilien wurden durch den Tierhandel so weit verbreitet.“

    Die Art gilt als Gefahr für einheimische Schildkröten, weil sie mit diesen in direkter Konkurrenz bezüglich Nahrung, Nist- und Sonnenplätze stehen. Zudem sind die eingeschleppten Reptilien potentielle Überträger von Parasiten und anderen Krankheitserregern. Seit den 1990er Jahren ist der Import der beliebten Haustiere mit den kräftig orangenen bis roten Schläfenstreifen nach Europa verboten. „In einigen Ländern, besonders in den Balkanstaaten und im südlichen Europa blüht der illegale Handel aber weiterhin“, ergänzt Vamberger und fährt fort: „Ob die Art innerhalb Europas invasiv werden kann war aber lange ungeklärt.“ Bisher wurde die erfolgreiche Fortpflanzung und Etablierung der Tiere nämlich nur im Mittelmeerraum nachgewiesen.

    Das slowenisch-deutsche Wissenschaftlerteam rund um Dr. Vamberger und den Dresdener Senckenberg-Direktor Prof. Dr. Uwe Fritz hat nun anhand genetischer Untersuchungen gezeigt, dass sich die Schildkröten auch in Slowenien vermehren. Die Biologen haben Proben von 77 Schildkröten an drei Standorten genommen und konnten zeigen, dass sich die Reptilien in allen untersuchten slowenischen Gebieten fortpflanzten. „Wir haben die Standorte nach ihren klimatischen Unterschieden ausgesucht“, erklärt Fritz und ergänzt: „Leider können sich die Rotwangenschmuck-Schildkröten auch nahe Ljubljana verbreiten – in einem gemäßigten, kontinentalen Klima.“
    Die Forschenden konnten so zum ersten Mal genetisch nachweisen, dass sich Trachemys scripta auch außerhalb des Mittelmeergebiets mit seinem mediterranen Klima vermehren kann. Rund um Ljubljana wurden zwar weniger miteinander verwandte Tiere gefunden als in den wärmeren Regionen, was darauf hindeutet, dass die Schildkröten sich hier seltener fortpflanzen. „Wahrscheinlich werden in Stadtnähe aber auch mehr Tiere mit neuem Genmaterial ausgesetzt. Dies führt dann zwangsläufig zu weniger verwandten Tieren“, gibt Vamberger zu bedenken.

    Aufgrund des Ausbreitungspotentials über den Mittelmeerraum hinaus und der potentiellen Bedrohung heimischer Arten sollten die Schildkröten laut den Dresdner Biologen als invasiv eingestuft werden. „Wir empfehlen zudem die Rotwangenschmuck-Schildkröte mindestens in Lebensräumen mit heimischen Arten abzufangen und so eine Verbreitung der invasiven Art und einer Verdrängung der ursprünglichen Arten zu vermeiden“, schließt Fritz.

    Kontakt
    Dr. Melita Vamberger
    Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden
    Tel. 0351 795841 4328
    melita.vamberger@senckenberg.de

    Prof. Dr. Uwe Fritz
    Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden
    Tel. 0351 795841 4326
    Uwe.Fritz@senckenberg.de

    Judith Jördens
    Pressestelle
    Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
    Tel. 069 7542 1434
    pressestelle@senckenberg.de

    Publikation
    Benjamin Standfuss, Gregor Lipovšek, Uwe Fritz, Melita Vamberger (2015): Threat or fiction: is the pond slider (Trachemys scripta) really invasive in Central Europe? A case study from Slovenia. Conservation Genetics: pp 1-7,
    DOI:10.1007/s10592-015-0805-2


    Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

    2016 ist Leibniz-Jahr. Anlässlich des 370. Geburtstags und des 300. Todestags des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (*1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) veranstaltet die Leibniz-Gemeinschaft ein großes Themenjahr. Unter dem Titel „die beste der möglichen Welten“ – einem Leibniz-Zitat – rückt sie die Vielfalt und die Aktualität der Themen in den Blick, denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der bundesweit 88 Leibniz-Einrichtungen widmen. www.bestewelten.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Kann sich auch außerhalb des Mittelmeerraumes vermehren: Trachemys scripta.


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    Die invasiven Rotwangenschmuck-Schildkröten beim Sonnenbad.


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