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10.05.2016 13:17

Wirtschaftsfaktor RB Leipzig: Erstligist spühlt über 16 Millionen Euro pro Saison in die Stadt

MBA Volker Stößel Media Relations
HHL Leipzig Graduate School of Management

    RB Leipzig und die wirtschaftliche Bedeutung eines Erstligisten für die Region. Ein Interview mit Prof. Dr. Henning Zülch, Inhaber des Lehrstuhls Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. In seiner Forschung beschäftigt sich der gebürtige Dortmunder neben der Finanzmarktkommunikation mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

    RB Leipzig hat mit dem Sieg gegen den Karlsruher SC am vergangenen Sonntag alles klar gemacht. Die erste Fußballbundesliga kann kommen. Der viel geschmähte Verein soll nunmehr seine wirtschaftliche Strahlkraft für die Region Leipzig und gar den gesamten ostdeutschen Raum entfalten. Was bedeutet dies konkret?

    ZÜLCH: Zunächst muss man schauen, was eigentlich die wesentlichen Faktoren sind, die die Strahlkraft von RB Leipzig ausmachen können. Mir fallen spontan zwei relevante Faktoren ein, und zwar die Zuschauerentwicklung und der Imagegewinn für die Stadt und die gesamte Region.

    Lassen sie uns zunächst bei der Zuschauerentwicklung bleiben. Was bedeutet der Erstligaaufstieg in diesem Zusammenhang?

    ZÜLCH: Schaut man sich die Zuschauerentwicklung an, so ist festzustellen, dass RB Leipzig in der zweiten Liga durchschnittlich 27.800 Zuschauer pro Spiel ins Stadion gelockt hat. Das bedeutet Platz drei in der Zuschauertabelle der 2. Bundesliga hinter Nürnberg und St. Pauli. Bemerkenswert für einen Club, dem Seelenlosigkeit vorgeworfen wird. Die große Frage ist nun: Wie geht es weiter in Liga 1? Betrachtet man genau die seit 2013 aufgestiegenen Vereine Frankfurt, Berlin, Köln, Ingolstadt und Darmstadt, so fällt auf, dass die Zuschauerzahlen dieser Vereine im Jahr nach dem Aufstieg um 26,8% angestiegen sind und auf diesem Niveau grundsätzlich verharrten. Wird dies auf RB Leipzig und die kommende Saison übertragen und unterstellt man eine Wachstumsrate von 35% aufgrund des besonderen Umfeldes und der bisherigen Erfahrung, so ist für die kommende Saison eine Steigerung der Zuschauerzahlen auf 165.500 Zuschauer zu kalkulieren. Das bedeutet, dass durchschnittlich 37.500 Zuschauer ein Heimspiel von RB Leipzig besuchen werden. Auch die Gästefans werden über kurz oder lang ihre Boykotthaltung aufgeben und zu weiter steigenden Zuschauerzahlen führen. Der Erfolg wird sich durchsetzen und die Erkenntnis, dass RB Leipzig nicht wirklich anders ist als Leverkusen und Bayern.

    Was bedeutet diese Entwicklung nun finanziell für Leipzig?

    ZÜLCH: Laut einschlägiger Studien in den vergangenen Jahren lässt ein Stadionbesucher in Leverkusen ungefähr 25 EUR im Stadion selbst und zusätzliches Einkommen außerhalb des Stadion wird in Höhe von ebenso 25 EUR generiert. In Wolfsburg sieht dies ähnlich aus: 14 EUR im Stadion und 23 EUR außerhalb des Stadions. Hinzu kommt der Steuergewinn der Stadt.

    … Was heißt das nun konkret für Leipzig?

    ZÜLCH: Übertragen auf Leipzig bedeutet dies, dass bei einem Zugewinn von 165.500 Zuschauern in der Saison 2016/2017 bei 25 EUR Ausgaben pro Besucher ca. 4.14 Mio. EUR zusätzliche Einnahmen außerhalb des Stadions generiert werden. In der Summe ergibt sich über alle 17 Heimspiele von RB Leipzig bei einer durchschnittlichen Zuschauerzahl von 37.500 Zuschauern pro Heimspiel eine Gesamtzuschauerzahl von 637.500 Zuschauern (Platz 12 der aktuellen Zuschauertabelle) für die kommende Saison, was Einnahmen i.H.v. ca. 16 Mio. EUR außerhalb des Stadions für die gesamte Saison bedeuten würde. Und dies ist eine meines Erachtens eine noch eher pessimistische Schätzung. Geht man auf realistische 30 EUR pro Besucher hoch, erreicht man Gesamteinnahmen von gar 19,13 Mio. EUR.

    Sie sprachen zuvor die Stadtkasse Leipzig an. Wie profitiert diese denn von den Einnahmen?

    ZÜLCH: Von den Ausgaben der Stadionbesucher in Leipzig profitiert selbstverständlich auch die Leipziger Stadtkasse durch Steuereinnahmen. Die zusätzlichen Zuschauer verursachen auch Kosten für zusätzliche Transportmöglichkeiten und Sicherheitskonzepte. Zieht man von den Einnahmen in der Stadtkasse die zusätzlichen Ausgaben ab, so kommt man in Leverkusen bspw. auf 7,65 Euro pro Stadionbesucher. Legt man diese Maßgröße der Leipziger Berechnung zugrunde, wären es ca. 1,27 Mio. EUR zusätzlich für die Stadtkasse durch den Zuschaueranstieg um 165.500 Besucher in Leipzig pro Jahr. Insgesamt würde die Stadtkasse Leipzig bei dieser Berechnung über die gesamte Saison 2016/2017 bei einer Zuschauerzahl von 637.500 Zuschauern ein Ergebnis von 4,88 Mio. EUR verbuchen. Das ist schon nicht unwesentlich.

    Durch den Erstligaaufstieg wird auch für die Stadt Leipzig ein zusätzlicher Imagegewinn einhergehen. Können Sie uns erklären, was damit alles – auch finanziell – verbunden ist?

    ZÜLCH: Hält sich RB Leipzig in der ersten Bundesliga – wovon ja auszugehen ist, so macht der Verein unzweifelhaft Werbung für die Stadt Leipzig. In Leverkusen müsste die Stadt bspw. 2,2 Mio. EUR, in Wolfsburg 1,2 Mio. EUR zusätzlich an Werbeausgaben tätigen, um denselben Effekt zu erzielen. Wird unterstellt, dass die mediale Aufmerksamkeit von RB Leipzig auf das Niveau vom VfL Wolfsburg steigt – auch oder gerade deshalb, weil Leipzig dann der einzige ostdeutsche Verein der ersten Bundesliga ist, so ergäbe sich ein Äquivalent von 1,2 Mio. EUR Werbeausgaben im Jahr, die für die Stadt Leipzig gratis getätigt würden. Hinzu kommt, dass Leipzig nicht mehr nur als eine Kulturhauptstadt, sondern auch als Fußballstadt wahrgenommen würde, was den Tourismus zusätzlich ankurbeln würde.

    Können Sie diesen Tourismuseffekt auch finanziell beziffern?

    ZÜLCH: Ausgangspunkt sind die sogenannten Ankünfte in Leipzig. Im Zeitraum zwischen 2010 und 2014 ist die Zahl der Ankünfte in Leipzig jährlich um 7,7% gewachsen (2010: 1.121.257 bzw. 2014: 1.510.374). Wenn man dieselbe Wachstumsrate für die Folgejahre ansetzt sowie zusätzlich von einem konservativ geschätzten RB-Sondereffekt von 5% ausgeht, würden sich zusätzliche Ankünfte, die nur auf den Aufstieg zurückzuführen sind, von 95.000 ergeben. Unterstellt man, dass diese zusätzlichen Besucher ebenfalls wie die restlichen Besucher durchschnittlich rund 50 EUR ausgeben, ergeben sich Zusatzerlöse von 4,75 Mio. EUR als indirekter Effekt der zusätzlichen Werbung für Leipzig durch RB pro Jahr. Von diesen Zusatzerlösen würde wiederum der eine oder andere Euro sicherlich auch in die Stadtkasse fließen. Sie sehen, da ist ordentlich Bewegung drin.

    Welche Auswirkungen hat der Aufstieg für den Arbeitsmarkt in Leipzig?

    ZÜLCH: Das ist ganz schwierig zu sagen. Zurzeit kursieren ja die wildesten Zahlen. Die zusätzlichen Zuschauerzahlen, die zusätzlichen Einnahmen der Stadtkasse Leipzig und die Werbewirkung für die Region Leipzig lassen mittel- bis langfristig vermuten, dass bis zu 1.500 neue Arbeitsplätze in den flankierenden Sektoren (Hotel- und Gastgewerbe, Sicherheitsgewerbe, Einzelhandel etc.) geschaffen werden, um den gestiegenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dieser hohe Arbeitsplatzeffekt mag überraschen, beruht aber auf der Tatsache, dass Arbeitsplätze in den erwähnten Gewerben meist durch Teilzeit und relativ geringe Stundenlöhne charakterisiert sind.

    Zum Abschluss noch einige Sätze zum Erstligisten RB Leipzig. Was sind die kommenden Herausforderungen des Vereins?

    ZÜLCH: Der Verein selbst steht jetzt m.E. vor immensen Herausforderungen. Neben der sportlichen Herausforderung „1. Bundesliga“, die die Verpflichtung neuer Stammkräfte bedeuten wird und die Integration des Trainers Hasenhüttl, sind in einem weiteren Schritt zusammen mit der Stadt Leipzig wichtige infrastrukturelle Fragen zu lösen, um die prognostizierten Zuschauermassen zu kanalisieren und Fankrawalle zu vermeiden. Hier stellt sich also eine zunehmend logistische Herausforderung. Ferner muss der Verein beweisen, dass er kein Fremdkörper in der Region ist. Er muss aktiv Gemeinwohl stiften und zeigen, dass er über den Sport hinaus einen gesellschaftlichen Beitrag für die Region leistet, wie dies bereits andere Bundesligisten mit großem Erfolg tun. Seine unternehmerischen Wurzeln hat RB sicherlich in Österreich, der Sport wird aber in Leipzig betrieben. Dies ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Zu guter Letzt hat sich das Unternehmen „RB Leipzig“ so aufzustellen, dass es mit solider Basis auch wirtschaftliche und sportliche Tiefschläge auszuhalten vermag. Die Organisationsstruktur muss Kontinuität und Stabilität ausdrücken. Dies ist eine unternehmerische Herausforderung. Also, alles in allem vier Herausforderungen auf einmal. Manche sind schon mit einer überfordert.


    Weitere Informationen:

    http://www.hhl.de/accounting
    http://www.dierotenbullen.com/


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, jedermann
    Gesellschaft, Sportwissenschaft, Wirtschaft
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Prof. Dr. Henning Zülch (43) von der HHL Leipzig Graduate School of Management forscht zu Finanzmärkten und der Betriebswirtschaftlichkeit von Sportvereinen. Foto: HHL


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