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30.06.2016 09:25

Wechselstrom-Stimulation verbessert Sehleistung bei Glaukom-Patienten und bei Sehnervschädigung

Kornelia Suske Pressestelle
Universitätsklinikum Magdeburg

    Multizentrische, klinische Studie zeigt, dass über die Modulation der Hirnplastizität eine Wiederherstellung und Rehabilitation der Sehleistung möglich ist.

    Der Verlust der Sehkraft durch grünen Star (Glaukom) oder Schädigung des Sehnervs gilt als irreversibel. Jetzt zeigt eine prospektive, randomisierte, multizentrische, klinische Studie signifikante Verbesserungen des Sehvermögens bei teilweise erblindeten Patienten nach 10 Tagen Behandlung mit kleinsten Wechselstrom-Impulsen (alternating current stimulation, ACS). Die Behandlung führte zu einer Aktivierung von Restsehleistungen und Verbesserungen der Lebensqualität wie Sehschärfe, Lesen, Mobilität und Orientierung im Raum. Über die aktuellen Ergebnisse wird in der Fachzeitschrift PLOS ONE berichtet.

    "Die Wechselstrombehandlung ist ein sicheres und wirksames Mittel zur Wiederherstellung von Sehleistungen nach Schädigung des Sehnervs über eine Beeinflussung der Hirnplastizität und Reorganisation von Hirnnetzwerken. Es ist der weltweit erste Nachweis in einer groß angelegten Studie mittels geringer elektrischer Ströme klinisch messbare Verbesserungen der Sehfähigkeit zu erreichen“, kommentiert der wissenschaftliche Leiter der Studie, Prof. Dr. Bernhard A. Sabel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

    Zweiundachtzig Patienten nahmen an der Studie teil, die an drei klinischen Zentren durchgeführt wurde (Universität Göttingen, Universität Magdeburg, Charité Berlin). 33 Patienten hatten Sehverluste durch grünen Star, 32 Patienten litten an einer anterioren ischämischen Optikusneuropathie, verursacht durch eine Entzündung, durch Kompression des Sehnervs (aufgrund von Tumoren oder Hirnblutungen) oder angeborenen Anomalien wie Lebersche hereditäre Optikusatrophie; 8 Patienten hatten mehrere Ursachen für den Sehverlust.

    Nach zufälliger Aufteilung der Patienten in zwei Gruppen erhielten 45 Patienten an 10 Tagen für jeweils 50 Minuten die Wechselstromstimulation und 37 Patienten erhielten die Kontrollbehandlung, die lediglich eine sehr geringe Dosis der Stimulation erhielt. Die Gruppen waren hinsichtlich Alter der Läsion sowie ihrer Sehleistung vergleichbar. Die Behandlung erfolgte durch Platzierung von Elektroden auf der Haut in der Nähe der Augen, über die der Wechselstrom verabreicht wurde. Die Sehfähigkeit wurde sowohl direkt nach Abschluss der Behandlung als auch zwei Monate danach untersucht, um die Stabilität der Verbesserungen zu überprüfen.

    Die behandelten Patienten zeigten signifikant größere Verbesserungen (24%) in der Erkennung von Sehreizen gegenüber Patienten in der Vergleichsgruppe (2,5%). Grund hierfür waren Verbesserungen im defekten Sektor des Gesichtsfelds von 59% in der behandelten Gruppe und 34% in der Vergleichsgruppe. Der Nutzen der Stimulation war auch zwei Monate nach der Behandlung stabil, wie die Verbesserungen in der Stimulationsgruppe (25%) gegenüber den vernachlässigbaren Änderungen der Kontrollgruppe (0,28%) zeigen.

    Wie auch in früheren Vorstudien war das Verfahren ohne nennenswerte Nebenwirkungen, denn kein Teilnehmer äußerte unerwünschte Nebenwirkungen während der Stimulation. Nur in wenigen Fällen wurde von vorübergehendem, leichtem Schwindel oder Kopfschmerzen berichtet.

    Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Resultate von früheren kleineren Studien, in denen die Wirksamkeit und Sicherheit der Wechselstromstimulation gezeigt wurde. Diese Studien zeigten bereits, dass gut funktionierende Hirnnetzwerke für die Verarbeitung von visuellen Informationen von entscheidender Bedeutung sind. Diese können durch den Wechselstrom wieder synchronisiert werden und somit die Restsehfähigkeit aktivieren und verstärken. Prof. Sabel fügt hinzu, dass weitere Studien erforderlich sind, um die Wirkungsmechanismen der Behandlung noch intensiver zu erforschen. „Unsere Ergebnisse zeigen klar, dass die Nutzung der Wechselstrombehandlung in der klinischen Anwendung bei Patienten mit Sehbeeinträchtigungen geeignet sind. Durch Veränderung der Hirnnetzwerke ist es so möglich, bei Patienten mit chronischem Sehverlust durch Schäden des Nervensystems die Sehleistung deutlich zu steigern. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Verlust der Sehkraft, der lange als irreversibel galt, teilweise reversibel ist. Es gibt mehr Licht am Ende des Tunnels für Patienten mit Glaukom oder Schädigung des Sehnervs.“

    Originalpublikation:
    C. Gall, S. Schmidt, M.P. Schittkowski, A. Antal, G. G. Ambrus, W. Paulus, M. Dannhauer, R. Michalik, A. Mante, M. Bola, A. Lux, S. Kropf, S.A. Brandt and B.A. Sabel (2016) Alternating current stimulation for vision restoration after optic nerve damage: a randomized clinical trial, PLOS ONE, 29 Jun 2016
    http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0156134

    Ansprechpartner für Redaktionen:
    Prof. Dr. Bernhard A. Sabel
    Institut für Medizinische Psychologie
    Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
    E-Mail: bernhard.sabel@med.ovgu.de

    Video zur Darstellung der Methode: www.youtube.com/watch?v=g8p3mWsLvAI

    ÜBER DAS INSTITUT FÜR MEDIZINISCHE PSYCHOLOGIE (IMP)
    Das IMP ist eine Lehr- und Forschungseinrichtung der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Sabel hat es sich in über 25 Jahren als ein weltweit anerkanntes Zentrum zur Behandlung von Sehbehinderungen durch die Plastizität des Gehirns mittels neuer Technologien zur Therapie von Glaukom, Schlaganfall und Sehnervschädigung etabliert. Das Institut arbeitet im engen Verbund mit dem SAVIR-Centrum (www.savir-center.com) und internationalen Partnern zusammen und hat über 200 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Erholung nach Schädigungen des Nervensystems vorgelegt. Das IMP ist auch Standort des Herausgeber-Büros der international anerkannten Zeitschrift Restorative Neurology and Neuroscience .www.imp.ovgu.de.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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