idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
15.08.2016 09:11

Wie kommen die gefürchteten multiresistenten Bakterien ins Krankenhaus?

Karola Neubert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

    In Deutschland sterben bis zu 15.000 Patienten im Jahr an Krankenhausinfektionen, so schätzt das Nationale Referenzzentrum für die Überwachung dieser Infektionen. Eine große Rolle spielen hier die multiresistenten Bakterien, denen die gängigen Antibiotika nichts mehr anhaben können. Doch wo kommen diese Keime her? Dieser Frage gingen DZIF-Wissenschaftler von der Uniklinik Köln nach und fanden in einer der bisher größten Studien dieser Art in Europa heraus, dass fast zehn Prozent der aufgenommenen Krankenhauspatienten die gefürchteten Keime bereits von zu Hause mitbringen.

    „Dass fast jeder zehnte Patient mit multiresistenten Keimen besiedelt ist, wenn er in der Klinik ankommt, war für uns überraschend“, erklärt Dr. Axel Hamprecht von der Uniklinik Köln. Er und Prof. Harald Seifert, ebenfalls Uniklinik Köln, hatten zusammen mit Kollegen aus der Charité Berlin diese Studie koordiniert, an der sich sechs deutsche Universitätskliniken beteiligten. Über 4000 Erwachsene wurden bei Klinikaufnahme anhand von Stuhlproben oder Rektalabstrichen auf multiresistente Enterobakterien untersucht.

    Enterobakterien wie Escherichia coli sind Bestandteil der normalen Darmflora und haben – so lange sie auf den Darm beschränkt sind – keinen Krankheitswert. Sie können jedoch Infektionen in anderen Organen hervorrufen wie zum Beispiel eine Harnwegsinfektion. Wenn eine Infektion durch multiresistente Bakterien hervorgerufen wird, ist diese sehr viel schwieriger zu therapieren und erfordert den Einsatz von Reserveantibiotika. Besonderes Augenmerk legten die Forscher in ihrer Untersuchung auf eine Gruppe von multiresistenten Bakterien, die häufig in Krankenhäusern Probleme bereiten: die sog. 3. Generations-Cephalosporin-resistenten Enterobakterien (3GCREB).

    Diese multiresistenten Darmbakterien, die unter anderem gegen Cephalosporine resistent sind, haben sich in den vergangenen Jahren weltweit ausgebreitet. Cephalosporine sind Antibiotika, die ähnlich wie das Penicillin den Aufbau der bakteriellen Zellwand hemmen und die Bakterien auf diese Weise töten. Die neueren Cephalosporine der dritten Generation wirken gegen ein breites Spektrum an Bakterien und gehören zu den am häufigsten eingesetzten Antibiotika. Doch die Bakterien setzen sich zur Wehr und haben im Laufe der Zeit ein Enzym erworben, die Beta-Laktamase, das diese Antibiotika unwirksam macht. Enterobakterien werden durch Schmierinfektion, meistens über Fäkalien oder über Lebensmittel, übertragen.

    Jeder zehnte Patient bringt die Keime mit ins Krankenhaus

    Von den 4376 Erwachsenen, die bei Aufnahme in eine der beteiligten Kliniken auf die 3GCREB-Keime untersucht wurden, waren 416 Träger dieser multiresistenten Keime. Diese Häufigkeit war bisher in Deutschland nicht bekannt. Besonders häufig fanden die Wissen-schaftler Escherichia coli-Bakterien, die Beta-Laktamasen produzieren, sog. ESBL-Enterobakterien. Die Häufigkeit der multiresistenten Keime war von Klinik zu Klinik unterschiedlich.

    Um ursächliche Faktoren für die Besiedelung mit diesen Bakterien aufzudecken, beantworteten die Patienten ergänzend einen Fragenkatalog zu bisherigen Klinikaufenthalten oder Lebensgewohnheiten. „Patienten nach Antibiotika-Einnahme und Reisende außerhalb Europas sind gefährdeter“, nennt Hamprecht zwei wichtige Ergebnisse der Recherchen.

    Experten raten zu mehr Hygiene und weniger Antibiotika

    Was kann getan werden, um die multiresistenten Keime möglichst frühzeitig aufzuhalten? „Bei so vielen Betroffenen funktioniert die Strategie einer Isolation innerhalb des Kranken-hauses nicht mehr“, ist sich Hamprecht sicher. Zudem gebe es bei 3GCREB im Gegensatz zu anderen multiresistenten Bakteriengruppen wie MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus)-Stämme keine etablierten Sanierungsmöglichkeiten.“ Stattdessen empfehlen Hamprecht und Seifert bessere Hygienemaßnahmen in Kliniken und Praxen, einen rationalen Umgang mit Antibiotika sowie insbesondere eine Reduktion nicht gerechtfertigter Antibiotika-Gaben und mehr Schulungen für Ärzte.

    Die Studie wurde im Rahmen der Antibiotika-Therapie-Optimierungs-Studie (ATHOS) durchgeführt. Weitere beteiligte Zentren sind die Charité Universitätsmedizin Berlin sowie die Unikliniken in Freiburg, Lübeck, München und Tübingen.

    Publikation
    A Hamprecht, A M Rohde, M Behnke, S Feihl, P Gastmeier, F Gebhardt, W V Kern, J K Knobloch, A Mischnik, B Obermann, C Querbach, S Peter, C Schneider, W Schröder, F Schwab, E Tacconelli, M Wiese-Posselt, T Wille, M Willmann, H Seifert, J Zweigner; im Auf-trag der DZIF-ATHOS Study Group
    Colonization with third-generation cephalosporin-resistant Enterobacteriaceae on hospital admission: prevalence and risk factors.
    J Antimicrob Chemother 2016 Jun 17. Epub 2016 Jun 17. Doi:10.1093/jac/dkw216

    Kontakt

    Dr. Axel Hamprecht
    Uniklinik Köln
    DZIF-Schwerpunkt „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien
    T: +49 221 478 -32162/-32100
    E-Mail: axel.hamprecht@uk-koeln.de

    Prof. Harald Seifert
    Uniklinik Köln
    DZIF-Schwerpunkt „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien
    T: +49 221 478-32009
    E-Mail: harald.seifert@uni-koeln.de


    Weitere Informationen:

    http://jac.oxfordjournals.org/content/early/2016/06/16/jac.dkw216.long Veröffentlichung


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Multiresistente Enterobakterien in der Petrischale


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay