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03.10.2016 17:00

Archäogenetische Analyse offenbart unbekannte Besiedlungswelle im Südpazifik

Petra Mader Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

    Erst vor rund 3500 Jahren begannen Menschen die im Südpazifik gelegenen Inselarchipele Ozeaniens zu besiedeln. Ein internationales Forschungsteam unter maßgeblicher Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena hat nun erstmals die Genome von Menschen analysiert, die vor 3100 bis 2500 Jahren auf den Inselketten Tonga und Vanuatu lebten und damit zu den ersten Siedlern gehörten. Die heute in Nature veröffentlichten Ergebnisse stehen im Widerspruch zu verbreiteten Annahmen über die Besiedlung dieser Region und deuten auf eine weitere große und bislang unbekannte Migrationswelle aus Melanesien hin.

    Eine Gruppe von Menschen verließ vor mehr als 3500 Jahren die im Südwesten des Pazifischen Ozeans gelegenen Salomoninseln und steuerte ihre Auslegerkanus auf das offene Meer hinaus. Sie und ihre Nachkommen waren die ersten, die eine Strecke von mehr als 350 Kilometern über den offenen Ozean zurücklegten und eine Region besiedelten, die heute als „fernes“ Ozeanien bezeichnet wird. Es war die letzte große Expansion der Menschheit in unbewohnte Regionen dieser Erde.

    Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Harvard Medical School, der Universität Dublin und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte hat jetzt erstmals die Genome von Menschen analysiert, die vor 3100 bis 2500 Jahren auf den Inselketten Tonga und Vanuatu lebten und damit zu den ersten Bewohnern dieser Region zählen.

    „Dies sind die ersten Genome frühgeschichtlicher Menschen aus den Tropen. Möglich wurde dies durch verbesserte Methoden zur Gewinnung von genetischem Material aus alten Skeletten“, sagt Ron Pinhasi von der Universität Dublin, einer der Hauptautoren der Studie. „DNA zerfällt unter tropischen Bedingungen sehr schnell, allerdings haben wir herausgefunden, dass im sehr kompakten Mittelohrknochen, dem Felsenbein, die DNA auch unter widrigen Bedingungen über Jahrtausende erhalten bleibt,“ sagt Cosimo Posth, Doktorand am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

    Genetische Evidenz stellt etabliertes Besiedlungsmodell in Frage

    Das Ergebnis der genetischen Analyse war für das Forschungsteam eine große Überraschung: Im Erbgut der frühgeschichtlichen Insulaner fanden sie praktisch keine genetischen Spuren der Menschen, die heute im nah gelegenen Papua-Neuguinea leben. Und das, obwohl alle heutigen Bewohner der Pazifischen Inselwelt genetisch zu mindestens einem Viertel von dieser Bevölkerungsgruppe, den Papua, abstammen! Stattdessen ähneln die frühen Insulaner genetisch den Menschen, die heute in China und auf Taiwan leben. Das lässt vermuten, dass die frühen Pioniere an Neuguinea vorbeizogen, ohne sich – entgegen bisheriger Annahmen – in größerem Maße mit der lokalen Bevölkerung zu vermischen.

    „Die Verbreitung der Gene der indigenen Bevölkerung Neuguineas, wie wir sie heute im Pazifikraum beobachten, muss demnach durch eine bedeutende, bislang unbekannte Migrationswelle nach Ozeanien gelangt sein“, interpretiert Studienleiter David Reich von der Harvard Medical School das Ergebnis.

    „Die unerwarteten Ergebnisse zur Besiedlungsgeschichte Ozeaniens unterstreichen die Aussagekraft von Analysen alter Genome für die Überprüfung etablierter Modelle zur menschlichen Geschichte“, betont Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

    Ein besonders auffälliges Ergebnis ist die beobachtete unterschiedliche Herkunft des X-Chromosoms, das anteilhaft mehr von Frauen vererbt wird. "Es zeigt, dass die große Mehrheit der Gene der ersten Siedler, die sich heute noch im Pazifikraum befinden, von Frauen abstammt, wohingegen die Y-Chromsomen der heutigen Inselbewohner aus Papua Neuguinea stammen. Das lässt vermuten, dass die zweite große Besiedlungswelle zum Großteil aus melanesischen Männern bestand“, sagt Hauptautor Pontus Skoglund von der Harvard Medical School. „Und das zeigt zugleich, wie DNA-Analysen Einblicke in kulturelle Prozesse antiker Gesellschaften ermöglichen können.“

    Publikation:
    Pontus Skoglund, Cosimo Posth, Kendra Sirak, Matthew Spriggs, Frederique Valentin, Stuart Bedford, Geoffrey A. Clark, Christian Reepmeyer, Fiona Petchey, Daniel Fernandes, Qiaomei Fu, Eadaoin Harney, Mark Lipson, Swapan Mallick, Mario Novak, Nadin Rohland, Kristin Stewardson, Syafiq Abdullah, Murray P. Cox, Françoise R. Friedlaender, Jonathan S. Friedlaender, Toomas Kivisild, George Koki, Pradiptajati Kusuma, D. Andrew Merriwether, Francois-X. Ricaut, Joseph T. S. Wee, Nick Patterson, Johannes Krause5, Ron Pinhasi, and David Reich. Ancient genomics and the peopling of the Southwest Pacific. Nature, published online.

    Weitere Informationen

    Prof. Dr. Johannes Krause
    Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Kahlaische Str. 10,
    07745 Jena, Germany,
    +49 3641 686-600,
    E-Mail: krause@shh.mpg.de

    Cosimo Posth
    Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Kahlaische Str. 10,
    07745 Jena, Germany,
    +49 3641 686-622,
    E-Mail: posth@shh.mpg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Biologie, Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Die Besiedlung der südpazifischen Inselarchipele vor rund 3000 bis 3500 Jahren war die letzte große Expansion der Menschheit in zuvor unbewohnte Regionen.


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    Entnahme einer Probe - im sehr kompakten Mittelohrknochen, dem Felsenbein, kann DNA auch unter widrigen Bedingungen über Jahrtausende erhalten bleiben.


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