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30.09.2016 16:14

Im Fokus: Mittelschichten in Afrika – Studie zu urbanen Milieus in Kenia

Christian Wißler Mediendienst Forschung
Universität Bayreuth

    Nicht nur die Sozialwissenschaften, sondern auch Politik, Wirtschaft und Medien interessieren sich zunehmend für die Herausbildung aufstrebender Mittelschichten in afrikanischen Gesellschaften. „Mittelschichten im Aufbruch. Zukunftskonzepte zwischen Freiheit, Konsum, Tradition und Moral“ ist auch das Thema eines interdisziplinären Projekts an der Universität Bayreuth. Erste Forschungsergebnisse zur urbanen Mittelschicht in Kenia sind veröffentlicht; weitere Arbeiten zu dieser Thematik werden von der VolkswagenStiftung gefördert.

    Soziale Ungleichheit und Armut sind in den Ländern Afrikas bis heute stark ausgeprägt. Umso mehr interessiert sich die sozialwissenschaftliche Forschung für eine Entwicklung, die auch von Politik, Wirtschaft und Medien mit wachsender Aufmerksamkeit verfolgt wird: die Herausbildung einer aufstrebenden Mittelschicht in afrikanischen Gesellschaften. „Mittelschichten im Aufbruch. Zukunftskonzepte zwischen Freiheit, Konsum, Tradition und Moral“ ist daher auch das Thema eines interdisziplinären Forschungsprojekts an der Universität Bayreuth. Das Vorhaben wird koordiniert von Prof. Dr. Erdmute Alber (Sozialanthropologie) und Prof. Dr. Dieter Neubert (Entwicklungssoziologie), zum Arbeitsteam gehören auch Dr. Lena Kroeker, Maike Voigt M.A. und Dr. Florian Stoll.

    Soziologische Untersuchungen zur urbanen Mittelschicht in Kenia

    Gemeinsam mit Dr. Florian Stoll hat Prof. Dr. Dieter Neubert erste soziologische Forschungsergebnisse zu dieser Thematik veröffentlicht. Am Beispiel der kenianischen Hauptstadt Nairobi zeigen die Autoren, dass von einer homogenen Mittelschicht, die klar von anderen gesellschaftlichen Gruppierungen abgrenzbar ist, nicht die Rede sein kann. Vielmehr lassen sich starke Ausdifferenzierungen feststellen, sobald man nicht allein sozio-ökonomische Kriterien berücksichtigt, sondern auch sozio-kulturelle Unterschiede in den Blick nimmt. Dies arbeitet die Studie am Beispiel zweier Milieus in Kenia heraus, die beide einer urbanen Mittelschicht zugerechnet werden können. Sie sind beide von konservativen Grundeinstellungen zur Familie und zur Rolle der Geschlechter geprägt und lehnen homosexuelle Beziehungen entschieden ab. Gleichwohl lassen sich im Hinblick auf kulturelle Werte und individuelle Lebensziele deutliche Unterschiede feststellen.

    In „neo-traditionalen Milieus“ beruhen soziale Netzwerke vor allem auf einer gemeinsamen ethnischen Identität, die häufig durch die Verständigung in einer Lokalsprache verstärkt wird. Die Bindungen an Familienmitglieder sowie an die eigene ethnische Gruppe sind wichtiger als Karriereziele, die auf Dauer eine räumliche und emotionale Distanzierung von den eigenen Wurzeln bewirken würden. Erfolgreiches ökonomisches Handeln bleibt daher stets auf die eigene Herkunft bezogen, beispielsweise durch Geldtransfers an Familienangehörige oder Investitionen im eigenen Dorf.

    In „christlichen Milieus“ prägen hingegen starke religiöse Orientierungen das Sozialverhalten. Ein Leben im Einklang mit christlichen Werten, die in der kirchlichen Gemeinde erfahrene Wertschätzung und die Bewahrung der eigenen religiösen Identität, aber auch Hilfeleistungen für Bedürftige und Benachteiligte haben Priorität gegenüber ethnischen Bindungen. Ebenso wie das Ideal eines von christlichen Werten geprägten Familienlebens sind Karriereziele sowie ein hohes Arbeitsethos von großer Bedeutung. Viel Geld wird in die eigene Ausbildung und in die Erziehung der Kinder investiert. Beruflicher Erfolg und Wohlstand werden im engen Zusammenhang mit einer christlichen Lebensführung gesehen. Dahinter verblasst die Bedeutung der ethnischen Zugehörigkeit und der eigenen familiären Herkunft.

    „Mittelschichten im Aufbruch. Zukunftskonzepte zwischen Freiheit, Konsum, Tradition und Moral“ ist ein Teilprojekt im Rahmen des Forschungsvorhabens „Future Africa“, das die seit 2012 vom BMBF geförderte Bayreuth Academy of Advanced African Studies aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen bearbeitet. Die Milieustudie zur urbanen Mittelschicht in Nairobi ist unter dem Titel „Socio-Cultural Diversity of the African Middle Class – The Case of Urban Kenya” in der Reihe „Bayreuth African Studies Working Papers“ erschienen, die das Institut für Afrikastudien (IAS) der Universität Bayreuth herausgibt. Sie ist online unter https://epub.uni-bayreuth.de/2500/ veröffentlicht.

    Von Bayreuth nach Yale

    Um seine Forschungsarbeiten im Projekt "Mittelschichten im Aufbruch" der Bayreuth Academy fortzusetzen, erhält Dr. Florian Stoll von Oktober 2016 bis September 2017 ein PostDoc-Stipendium der VolkswagenStiftung. In dieser Zeit wird er an der Yale University in den USA ein Projekt bearbeiten, das dem Thema gewidmet ist: „Understanding the Diversity of Middle Classes in 21st Century Kenya: Social Milieus, Lifestyles and Meanings in Nairobi“. Das Vorhaben geht über die bisherigen Studien zur Mittelschicht in Nairobi insofern hinaus, als darin zwei Herangehensweisen erstmals miteinander verbunden werden sollen: ein milieu-orientierter Forschungsansatz, der vor allem in der deutschen Soziologie angewendet wird, und Konzepte der nordamerikanischen ‚Cultural Sociology‘, die einen besonderen Akzent auf kulturell verankerte Bedeutungen (‚meanings‘) legen, an denen sich Individuen und soziale Gruppen orientieren.

    Auf dem Weg zu einer ‚Globalen Soziologie‘

    Ebenfalls von der VolkswagenStiftung ist Prof. Dr. Dieter Neubert mit einer „Opus magnum“-Förderung ausgezeichnet worden, die herausragenden Forschern aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die Möglichkeit bietet, kontinuierlich an einem größerem wissenschaftlichen Werk zu arbeiten. Ab Oktober 2016 wird der Bayreuther Entwicklungssoziologe für ein Jahr von seinen Lehrverpflichtungen freigestellt. In dieser Zeit wird er sich einem Buchprojekt widmen, das unmittelbar an seine bisherigen Forschungen zur Herausbildung einer afrikanischen Mittelschicht anknüpft.

    „Die bisherigen Debatten über die Entstehung einer afrikanischen Mittelschicht zeigen, dass es bisher nicht gelungen ist, einen angemessenen Zugang zur Analyse von Ungleichheit und Sozialstrukturen im subsaharischen Afrika zu entwickeln“, erklärt Prof. Neubert. Daher wird er einen neuen sozialwissenschaftlichen Rahmen ausarbeiten, der sozio-ökonomische ebenso wie sozio-kulturelle Faktoren einbezieht. Darin sollen empirische Erkenntnisse und Konzepte aus der politischen Soziologie, der Armutsforschung, der Ökonomie, der Ethnologie, der Genderforschung, der Geographie und der Politikwissenschaft integriert werden. Das Ziel ist ein Beitrag zu einer ‚Globalen Soziologie‘, deren Konzepte sowohl für den Globalen Norden wie für den Globalen Süden aussagekräftig sind.

    Weitere Informationen

    zum Mittelstands-Projekt der Bayreuth Academy of Advanced African Studies:
    http://www.bayreuth-academy.uni-bayreuth.de/en/teilprojekt/mittelschichten_im_au...

    zum Projekt von Dr. Florian Stoll:
    http://www.entwicklungssoziologie.uni-bayreuth.de/de/team/Stoll-Florian/

    Kontakt:

    Prof. Dr. Dieter Neubert
    Lehrstuhl für Entwicklungssoziologie
    Kulturwissenschaftliche Fakultät
    Universität Bayreuth
    Universitätsstr. 30 / GW II
    95447 Bayreuth
    vorzugsweise per E-Mail: dieter.neubert@uni-bayreuth.de
    Telefon: +49 (0)921 / 55-4119


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Kulturwissenschaften
    überregional
    Forschungsprojekte, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Dr. Florian Stoll, Universität Bayreuth.


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    Prof. Dr. Dieter Neubert, Universität Bayreuth.


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