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11.10.2016 09:50

Der Weg der dvs ist eine Erfolgsgeschichte

Jennifer Franz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft

    Der Veranstaltungsort für den Festakt war mit Bedacht gewählt. 1976 hatte sich die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) im Münchener Hofbräuhaus gegründet, am 6. Oktober 2016 feierte sie in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin ihren 40. Geburtstag. Die 130 anwesenden Gäste aus Wissenschaft, Sport und Politik bekamen ein erlesenes Festprogramm geboten, das in verschiedenen Grußworten und Reden nicht nur die Erfolgsgeschichte der dvs und Historie der Sportwissenschaft widerspiegelte, sondern auch auf aktuelle Themen wie Schulsport und die Leistungssportreform einging.

    Der Veranstaltungsort für den Festakt war mit Bedacht gewählt. 1976 hatte sich die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) im Münchener Hofbräuhaus gegründet, am 6. Oktober 2016 feierte sie in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin ihren 40. Geburtstag. Die 130 anwesenden Gäste aus Wissenschaft, Sport und Politik bekamen ein erlesenes Festprogramm geboten, das in verschiedenen Grußworten und Reden nicht nur die Erfolgsgeschichte der dvs und Historie der Sportwissenschaft widerspiegelte, sondern auch auf aktuelle Themen wie Schulsport und die Leistungssportreform einging.

    "Die Sportwissenschaft und damit einhergehend die dvs kann als eine interdisziplinäre Wissenschaft angesehen werden, da sie Disziplinarität und Interdisziplinarität verbindet", betonte dvs-Präsident Prof. Dr. Kuno Hottenrott (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) in seiner Grußrede. "Die heutige Struktur der dvs, mit elf Sektionen, zwölf Kommissionen und einem Ethikrat, ist somit beispielgebend in der Deutschen Wissenschaftsorganisation."
    Die Sportwissenschaft, erläuterte der dvs-Präsident, hat durch fundierte Forschungsarbeiten wesentlich dazu beigetragen, dass Bewegung, Spiel und Sport für alle Menschen in unserer Gesellschaft, unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft für Menschen mit Behinderungen, für alte und sehr alte Menschen eine hohe Bedeutsamkeit in ihrem Leben erlangt haben. Auch die Gesundheitsförderung für Menschen in verschiedenen Lebensphasen und Lebenswelten nimmt einen bedeutenden Anteil sportwissenschaftlicher Forschung ein. Darüber hinaus stellt sich die dvs natürlich auch den sportpolitischen Fragen und Entwicklungen, vor allem in der aktuellen Diskussion um die Leistungssportreform.

    Welchen Spitzensport wollen wir in Zukunft?

    „Die Förderung des Spitzensports in Deutschland sollte aus der Perspektive erfolgen, möglichst vielen jungen Menschen die Chance zu geben, sich in ihrer favorisierten Sportart maximal zu verwirklichen, also ihr Potential für Höchstleistungen mit erlaubten Methoden in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen auszuschöpfen. Eine Nation wie Deutschland, die zu den reichsten Ländern der Welt zählt, muss in der Lage sein, eine breit angelegte Leistungssportkultur zu erhalten und zu fördern“, sagte Kuno Hottenrott und unterstrich damit erneut die dvs-Forderungen aus einem Experten/innen-Workshop im Frühjahr dieses Jahres.
    Die neue Fördersystematik auf Basis des Potential-Analyse-Modell, dem so genannten PotAS-Modell, die allein auf den Attributen Erfolg und Perspektive basiert, negiert nach Ansicht der dvs wesentliche gesellschaftliche Attribute des Sports und deren Transfer für Gesundheit und Fitness. Der globalisierte Spitzensport der Zukunft müsse wieder stärker seine traditionelle Symbolkraft für die Gesellschaft entfalten und Werte wie Fairness, Respekt, Solidarität, aber auch Glaubwürdigkeit neben Leistungswille, Fleiß und Durchhaltevermögen in den Fokus stellen. Insofern sei „auch die Frage zu beantworten, welchen Spitzensport wir in Zukunft wollen?“

    Das angesprochene Eckpunkte-Papier zur Reform der Leistungssportförderung war wenige Tage zuvor vom Bundesminister des Innern, Thomas de Maiziere und DOSB-Präsident Alfons Hörmann im Sportausschuss des Bundestags vorgestellt worden und wird am 18. Oktober im Bundestag präsentiert. Beide waren eigentlich auch beim Jubiläum der dvs als Gastredner vorgesehen, mussten ihre Teilnahme jedoch kurzfristig absagen. Anstelle des Innenministers überbrachte Staatssekretär Hans-Georg Engelke die Geburtstagswünsche. „Die dvs hat seit ihrer Gründung eine enorme Wandlung vollzogen“, sagte Engelke, „und sie findet Gehör bei uns“. Engelke ging zwar nicht näher auf die kritischen Worte des dvs-Präsidenten ein, betonte aber, dass „zu einer fairen und offenen Partnerschaft gehört, dass man sich die Meinung sagt.“

    Wichtige Zusammenarbeit zwischen dvs und DOSB

    Für DOSB-Vizepräsidentin Prof. Gudrun Doll-Tepper war ihre Ansprache ein besonderer Moment. Die Ehrenpräsidentin des Weltrats für Sport gehörte vor 40 Jahren selbst zu den Gründungsmitgliedern der dvs. „Für den DOSB ist es wichtig, mit der Sportwissenschaft zusammenzuarbeiten“, sagte sie. Die dvs habe sich immer eingebracht, „und ich möchte Euch weiter ermutigen, mit Euren Ideen zur Ausgestaltung der Leistungssportreform beizutragen. Wir sind in einer offenen Diskussion…“, so Doll-Tepper. Weiter appellierte sie zu einer intensiven Zusammenarbeit im Kampf gegen Doping, beim Schulsport und für Integration. „Es gibt noch viel für die Wissenschaft zu entdecken“, sagte die Vorsitzende der Deutschen Olympischen Akademie und sie hoffe auch weiter auf den wissenschaftlichen Nachwuchs und zukunftsweisende Strategien.

    Schulsport ist heute nicht mehr wegzudenken

    Den Schulsport nahm dvs-Vizepräsidentin Prof. Dr. Ina Hunger (Georg-August-Universität Göttingen) mit durchaus selbstkritischem Blick unter die Lupe. "Auch wenn es tagespolitisch nicht immer so aussieht: Der Schulsport ist heute angesichts der anerkannten Potenziale bezogen auf Persönlichkeitsbildung, Werteaneignung und Habitialisierung sportiver Betätigung an den Schulen nicht mehr wegzudenken", betonte die Pädagogin. Dass er trotz seiner vielbeschworenen Sonderstellung heute einen den anderen Fächern gleichgestellten Bildungsauftrag für das staatliche Unternehmen Schule leiste, sei ein Verdienst einzelner Sportwissenschaftler, aber sicher auch der dvs, so Hunger. Allerdings mahnte sie an, "Selbstzufriedenheit punktuell einzuschränken". Es sei problematisch, dass sich auf dem Weg von der Forschung zur Praxis ursprüngllich differenzierte Thesen im Praxiskontext zu Slogans wie "Sport macht klug" oder "Schwimmen macht schlau" verkürzten. Dies, betonte Ina Hunger, verleihe dem Fach zwar öffentliche Aufmerksamkeit, aber noch lange keine magischen Kräfte. Man dürfte vor diesem Hintergrund das Feld nicht anderen überlassen. "Ich erschrecke auch", sagte sie, "wenn bei bildungspolitischen Fragen zum Schulsport nicht wir, sondern Boris Becker öffentlich um seine fachliche Meinung gebeten werde. Vielleicht müssen wir selbst dafür unsere Rhetorik etwas präzisieren, vielleicht auch die Heilserwartungen an den Schulsport an der einen oder anderen Stelle relativieren. Das schwächt weder uns, noch die Bedeutung des Faches. Im Gegenteil, es schärft den Fokus", appellierte die Leiterin der Expert/innengruppe „Inklusion und Sportwissenschaft“ an die Gäste.

    Sportwissenschaft im Wandel

    „Sport-Wissenschaft. Zwischen gesellschaftlicher Erwartung und institutioneller Positionierung" lautete der Titel der Festrede, welche der Vortragende und ehemalige dvs-Präsident Prof. Elk Franke (Humboldt-Universität Berlin) gemeinsam mit Prof. Jochen Hinsching (Universität Greifswald) ausgearbeitet hatte. Dabei ging Franke intensiv auf die Entwicklung der Sportwissenschaft in Deutschland, der vor allem auch in der ehemaligen DDR verankerten Historie sowie auf Zukunftsperspektiven ein.
    „Bemerkenswert ist, wenn man heute - 25 Jahre später - die Reputation der Sportwissenschaft betrachtet“, so Franke in seiner Rede, „dass sowohl die Selbstzweifel der Anfangsjahre als auch die Vorwürfe einer Praxiswissenschaft ohne Praxiserfahrung scheinbar bedeutungslos geworden sind. So erscheint es selbstverständlich, dass im breiten Feld der Empfehlungen für den Freizeit-, Breiten- und Leistungssport nicht nur auf die explizite Rolle der Sportwissenschaft verwiesen wird, sondern sie auch viele neue Berufsprofile mitbestimmt hat.“
    Ob sich daraus nun schließen lasse, dass die gesamtdeutsche Sportwissenschaft in den letzten zwei Jahrzehnten jene wissenschaftstheoretischen Hürden erfolgreich überspringen konnte, die ihr anfangs - zumindest im Westen - so viel Probleme bereitete, ließ er als Frage stehen. Wie andere extern etablierte „junge Wissenschaften“ profitiere auch die Sportwissenschaft inzwischen von der allgemein erkennbaren sogenannten „Verwissenschaftlichung der Gesellschaft“. Sportliche Tätigkeiten werden nicht nur verstärkt nachgefragt, sondern man erwartet auch zunehmend Rechtfertigungen und Begründungen. Die Forschungsqualität werde als Forschungsintensität über den Maßstab eingeworbener Fremdmittel bemessen. Im Konkurrenzkampf der Universitäten bilden sie inzwischen die wesentliche Steuerungsinstanz für die Zuweisung von Ressourcen und Existenzgarantien für einzelner Fächer.
    „Auf diesem transparenten Feld der Forschungsgelder hat sich die Sportwissenschaft in den letzten zwei Jahrzehnten mit durchschnittlich 70.000 Euro Drittmittel im Jahr pro Hochschullehrer eine anerkannte Position erarbeitet - allerdings für den Preis, dass einige Universitätsinstitute inzwischen geschlossen worden beziehungsweise unter Rechtfertigungsdruck geraten sind“, resümierte Elk Franke.
    Vergleiche man diese zunehmende thematische Nachfrage nach sportwissenschaftlichem Wissen mit dem Angebot der dvs in ihren Sektions- und Kommissionsveranstaltungen und Hochschultagen, könne man das Motto des 40. Geburtstages zunächst auch selbstbewusst mit einem Ausrufezeichen versehen: „Der Weg, den die Sportwissenschaft und die sie begleitende dvs in den vergangenen 40 Jahren zurückgelegt haben, ist eine Erfolgsgeschichte“, unterstrich der Festredner.

    Im Sinne einer wirkungsvollen Wissenschaftsethik müsse man einen wesentlichen Beitrag zum Nachhaltigkeitsdenken im gegenwartsbezogenen Sportbetrieb liefern. Bisher, sagte Franke, habe die Sportwissenschaft im Wettstreit um Reputation und Drittmittel diese ureigene Aufgabe reflexiver Wissenschaft zu häufig den Medien und einigen Einzelkämpfern überlassen.
    „Die dvs sollte sich neben der weiterhin nachgefragten Optimierungsforschung auch zum Anwalt jener wissenschaftlichen Positionen machen, die aus Sicht eines Humanen Sports auf die Endlichkeit der Ressource ‘Menschlicher Körper‘ verweisen“, schloss Elk Franke seine Festrede.

    Kein Staatsgeheimnis aus Erkenntnissen der Sportwissenschaft machen

    Einiges aus den angesprochenen Feldern, vor allem die Leistungssportförderung, wurde auch auf einer kurzen Podiumsdiskussion mit dem Deutschen Marathon-Rekordhalter (2:08:33) Arne Gabius, der Hockey-Olympiasiegerin von 2004 und Fahnenträgerin in London 2012, Natascha Keller und dem Sportwissenschaftler Prof. Martin Lames (TU München) thematisiert.
    "Sportwissenschaft ist Grundlagenforschung, die Institute sind Unterstützungseinrichtungen", erklärte Martin Lames. "Wir suchen immer nach zeitgemäßen Lösungen." Allerdings sei die Wahrnehmung der Sportwissenschaften an den Universitäten noch defizitär. "Wir müssen die Leistungssportforschung am Leben erhalten", forderte Lames.
    Natascha Keller, die inzwischen als Trainerin arbeitet, stellte fest, dass die Sportförderung, die sie zu ihrer Zeit erhalten habe, in Ordung war. Zwar bräuchten Kinder Vorbilder, aber, fragte sie: "Wollen wir im Medaillenspiegel oben stehen oder möglichst viele Kinder, die Sport treiben? Man muss auch nach rechts und links schauen und nicht nur darauf achten, was auf dem Platz passiert. Eine langfristige Perspektive ist für Sportler auch wichtig statt nur kurzfristige Förderung zum Erfolg."
    Sehr kritisch äußerte sich Arne Gabius. "Die deutsche Sportwissenschaft ist beim Laufen zurückgeblieben", sagte der 35-Jährige, der aufgrund einer Verletzung Olympia verpasste, "hier wird noch mit Trainingsplänen aus den 80ern gearbeitet, die enorme Umfänge enthalten." Kein Wunder, glaubt Gabius, dass die Athleten dann kaputt seien. Er selbst berichtet von dem Desinteresse der Trainer. "Ich habe keinen Trainer mit Bezug zur Sportwissenschaft gefunden. Als ich meine Wettkampfvorbereitung öffentlich gemacht habe, hat das die Bundestrainerin gar nicht interessiert." Andere", betonte der schnellste deutsche Marathonläufer, "sind da weiter, machen aus ihren Erkenntnissen kein Staatsgeheimnis."
    Eine Feststellung, die im Übrigen auch vonseiten der dvs immer wieder gemacht wird.

    Gemeinsam den Herausforderungen stellen

    Für dvs-Präsident Prof Dr. Kuno Hottenrott heißt es auch nach 40 Jahren dvs nicht ausruhen. „Wir sollten uns gemeinsam den vielfältigen Herausforderungen im Sport stellen“, so sein abschließender Appell an die Festtagsrunde.

    Text: Michael Küppers/Stefan Waldert - punkt.waldert.küppers.
    Fotos: Henning Schacht


    Weitere Informationen:

    http://www.sportwissenschaft.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik, Sportwissenschaft
    überregional
    Studium und Lehre, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


    dvs-Präsident Prof. Dr. Kuno Hottenrott


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    Im Podiumsgespräch: Prof. Dr. Martin Lames, Arne Gabius, Natascha Keller und Moderatorin Almut Rudel (MDR)


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