idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Thema Corona

Imagefilm
Science Video Project
idw-News App:

AppStore



Teilen: 
24.10.2016 09:15

Toxoplasmose: Parasit beeinflusst Gedächtnisleistung

Eva Mühle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

    Jeder zweite Deutsche trägt den Erreger Toxoplasma gondii in seinem
    Körper. Der weltweit vorkommende Einzeller verursacht eine der häufigsten
    Infektionskrankheiten. Bekannt ist Toxoplasmose schon lange,
    hauptsächlich im Zusammenhang mit gesundheitlichen Risiken in der
    Schwangerschaft und für immunschwache Menschen. Studien am Leibniz-
    Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) zeigen, dass eine
    Infektion auch das Arbeitsgedächtnis im Alter beeinträchtigen kann.

    Eine Maus, die Katzen provoziert. Nicht etwa aus Wagemut, sondern weil sie ihren
    Gegenüber für harmlos hält. Sie ist manipuliert, bzw. hat sich mit Toxoplasma
    gondii infiziert. Der Parasit vermehrt sich nur im Darm von Katzen. Über den
    Katzenkot finden die robusten Parasiteneier ihren Weg in fremde Organismen,
    beispielsweise von Mäusen oder Vögeln. Um wieder zurück zum Stammwirt zu
    gelangen, reduziert der Erreger das Vermeidungsverhalten des Zwischenwirts, wie
    frühere US-Studien zeigten.

    Menschen infizieren sich häufig durch Kontakt mit kontaminiertem Wasser,
    Gemüse oder nicht durchgegartem Fleisch von infizierten Nutztieren. Gefährlich
    kann Toxoplasmose für Schwangere und den Fötus sowie für Menschen mit einem
    geschwächten Immunsystem werden. Im Großteil der Fälle bleibt die Infektion aber
    unbemerkt. Die magensäureresistenten Erreger können jedoch die Blut-
    Hirnschranke passieren und sich lebenslang in Nervenzellen einnisten (latente
    Infektion). Ob dadurch kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt werden, erforschten
    erstmals Wissenschaftler am IfADo. Sie konnten in einer Doppelblindstudie mit
    Senioren zeigen, dass eine latente Infektion Gedächtnisleistungen und die
    subjektive Lebensqualität verschlechtern kann.

    Aus einer Kohorte von gesunden Probanden ab 65 Jahren wurden zwei Gruppen mit
    je 42 Personen ausgewählt: Senioren, bei denen im Blut entsprechende T. gondii-
    Antikörper gefunden wurden, kamen in die erste Gruppe. Senioren mit negativem
    Nachweis bildeten die Kontrollgruppe. Alle Probanden beantworteten Fragen zu
    Lebenssituation und Lebensqualität. Danach folgten verschiedene PC-Tests zu
    Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit und Geschwindigkeit der
    Informationsverarbeitung.

    Die Probanden sollten z.B. in einer schnellen Abfolge von
    einzelnen Buchstaben immer dann eine Taste drücken, wenn der vorletzte
    Buchstabe mit dem aktuell gezeigten übereinstimmte. Auf diese Art müssen
    Buchstaben im Kurzzeitgedächtnis gespeichert und kontinuierlich mit den
    neuankommenden Buchstaben verglichen werden. Dazu ist ein intaktes
    Arbeitsgedächtnis notwendig, das für die vorübergehende Informationsspeicherung und gleichzeitige Verarbeitung zuständig ist. Das Ergebnis: Die Leistungen des
    Arbeitsgedächtnisses waren bei den Toxoplasmose-positiven Probanden um 35
    Prozent geringer als bei den Nicht-Infizierten. Zudem schätzen die betroffenen
    Personen ihre körperliche, psychische und soziale Lebensqualität signifikant
    schlechter ein.

    Objektiviert wurden die gefunden Defizite in der Gedächtnisleistung mit EEGgestützten
    Untersuchungen. Während die Probanden die Aufgaben bearbeiteten,
    wurde die Hirnaktivität gemessen. Dabei zeigte sich u.a. ein deutlich geringerer
    Ausschlag der Hirnpotenziale, die mit Arbeitsgedächtnisfunktionen wie Aktualisierung
    von Gedächtnisinhalten assoziiert werden.

    „Der Unterschied in der Arbeitsgedächtnisleistung zwischen Infizierten und Nicht-
    Infizierten entspricht in etwa der Differenz zwischen gesunden jungen
    Erwachsenen und Senioren“, sagt IfADo-Studienautor Dr. Patrick Gajewski. Für
    die Effekte wird ein durch die Toxoplasmose-Infektion verursachtes
    Ungleichgewicht des neuronalen Botenstoffhaushaltes von Dopamin und
    Norepinephrin verantwortlich gemacht. In Folgestudien sollte daher ein
    Zusammenhang von Toxoplasmose und Demenz untersucht werden, da in beiden
    Fällen die Gedächtnisfunktion als erstes in Mitleidenschaft gezogen wird. „Die
    hohe Prävalenz der Toxoplasmose-Infektion und eine wachsende Anzahl von
    älteren Menschen verdeutlicht die sozioökonomische Bedeutung der Befunde“, so
    Gajewski.


    Weitere Informationen:

    http://www.ifado.de/blog/2016/10/24/toxoplasmose-parasit-beeinflusst-gedaechtnis...
    http://Doi: 10.1016/j.biopsycho.2016.08.002


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Informationstechnik, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Proband mit EEG-Haube: Im Test am Computer sollten Buchstaben oder Zahlen nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt werden.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).