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01.11.2016 10:23

Konsens statt Krieg: Ethnologen erforschen Solidarität auf Madagaskar

Tom Leonhardt Pressestelle
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

    Was sind die Ursachen für Krieg und Frieden? Mit dieser Frage befasst sich ein neues Forschungsprojekt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Der Ethnologe Dr. Peter Kneitz untersucht dafür Konfliktlösungsstrategien und das Konzept von Solidarität auf Madagaskar. Im Vergleich zu anderen ehemaligen Kolonialstaaten werden Konflikte auf der Insel häufig gewaltfrei gelöst. Die Mittel für das Projekt, rund 240.000 Euro für drei Jahre, stammen aus dem Marie Sklodowska-Curie Stipendien-Programm der Europäischen Kommission im Rahmen von "Horizon 2020".

    "Bis Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich Madagaskar als kriegerische Insel beschreiben", sagt Dr. Peter Kneitz vom Seminar für Ethnologie der MLU. Es habe zwar immer Regionen gegeben, die von gewalttätigen Konflikten verschont blieben. Die Geschichte des weltweit zweitgrößten Inselstaats sei aber lange Zeit von häufig brutalen Auseinandersetzungen einzelner Herrscher geprägt gewesen. Mit Beginn der französischen Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts endete diese Entwicklung relativ abrupt. "Die Franzosen haben versucht, die Bevölkerung zu befrieden. Das hatte vor allem politische und wirtschaftliche Gründe", so Kneitz weiter. Stabilere Rahmenbedingungen machten den Besatzern das Regieren leichter.

    Erst 1960 erhielt Madagaskar seine Unabhängigkeit und wurde zu einem souveränen Staat. Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten blieb es in dem Land weitgehend friedlich. Weite Teile der Bevölkerung würden auch heute jegliche Form der öffentlichen Gewalt ablehnen. "Natürlich gibt es innerhalb der Gesellschaft bedeutende Konflikte und Spannungen. Diese werden aber in der Regel im Rahmen der madagassischen Konsenskultur gelöst, häufig durch langwierige Verhandlungen. Die Madagassen verstehen sich seit ihrer Unabhängigkeit bis heute dezidiert als friedliche Gesellschaft", so der Ethnologe. Zentral für dieses Selbstverständnis sei der Begriff der nationalen Solidarität, der auch in der Verfassung verankert ist. So existieren sogar Gremien mit Verfassungsrang, die über die Einhaltung des Friedens wachen und künftige Gewalttaten verhindern sollen. Der Wandel von Krieg zu Frieden auf Madagaskar wurde bisher noch wenig erforscht.

    Ein aktuelles Ereignis, das der Ethnologe in seinem Projekt genauer untersuchen will, ist der politische Konflikt von 2009 bis 2014. Dem damaligen madagassischen Präsidenten Marc Ravalomanana wurde vorgeworfen, korrupt zu sein. Während einer Protestaktion vor dem Präsidialpalast eröffneten einige Soldaten des Präsidenten das Feuer auf die Demonstranten. Mehrere Dutzend Menschen kamen dabei ums Leben. "Bis heute ist unklar, wie es dazu kommen konnte", so Kneitz. Bezeichnend für Madagaskar sei, dass die Lage danach aber nicht eskalierte. Anstatt Vergeltung zu üben, reagierten die Demonstranten, beide politischen Lager und weite Teile der Bevölkerung mit Entsetzen und Empörung auf die Geschehnisse. Der moralische Druck auf den Präsidenten habe dazu beigetragen, dass er sein Amt schließlich aufgeben musste. Seitdem habe es in dem Land keine derartigen Zwischenfälle mehr gegeben. Dass dieser Konflikt nicht weiter eskalierte, sei, so Kneitz, eher untypisch für postkoloniale Staaten.

    Wie sich auf Madagaskar die Idee der nationalen Solidarität entwickelt hat und warum sie eine so starke Wirkung auf die Bevölkerung hat, will Kneitz genauer erforschen. "Bis heute wird argumentiert, dass die Folgen der Kolonialisierung, wirtschaftliche Probleme und ethnische Konflikte nahezu unausweichlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in den postkolonialen Staaten führen." Doch auch auf Madagaskar sind die Rahmenbedingungen schlecht: Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, das rasche Bevölkerungswachstum führt zu Versorgungsengpässen und es gibt auch lang etablierte Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen auf der Insel. Trotzdem habe sich das Land völlig anders entwickelt: "Statt Krieg und Gewalt stehen Konsens und Solidarität im Vordergrund des gesellschaftlichen Diskurses."

    In den kommenden zwei Jahren will Peter Kneitz untersuchen, wie Konflikte in Madagaskar auf nationaler und lokaler Ebene gelöst werden. Dazu spricht er unter anderen mit Vertretern aus Politik und Kirche, sowie anderen Vertretern der Zivilgesellschaft. Auf lokaler Ebene würden außerdem Einzelpersonen eine wichtige Rolle spielen, um die sich zum Teil ein regelrechter Personenkult etabliert hat. "Die Ergebnisse aus dem Projekt regen im Idealfall dazu an, stereotype Vorstellungen und Argumentationslinien zu den Ursachen und Bedingungen von Krieg und Gewalt in Afrika zu überdenken", fasst Kneitz zusammen. Weiterhin könnten sie neue Ansätze für die Politik- und Konfliktberatung liefern.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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