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06.01.2017 17:12

"Für 3.500 Dollar pro Hektar inklusive Rodung hätten wir Wald kaufen können"

Christin Bargel Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Humboldt-Universität zu Berlin

    Bisher wurde in der globalen Klimadiskussion hauptsächlich auf die Abholzung von tropischen Feuchtwäldern geschaut. Dass die Vernichtung von tropischen Trockenwäldern ebenso klimawirksam ist, ist bisher nur wenig bekannt. Am Beispiel des südamerikanischen Gran Chaco zeigt Matthias Baumann, Post Doc an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), wie die Abholzung des Waldes und der Ersatz durch Weide- und Sojaflächen die CO2-Emmissionen beeinflussen. Seine Studie "Carbon Emissions from Agricultural Expansion and Intensification in the Chaco" (2016) wurde im Fachmagazin Global Change Biology veröffentlicht. Im Interview mit der HU-Pressestelle erläutert Matthias Baumann die Ergebnisse.

    Herr Baumann, wie sind Sie darauf gekommen, sich mit einem tropischen Trockenwald zu beschäftigen?

    Bisher wurde in der globalen Klimadiskussion hauptsächlich auf die Abholzung von tropischen Feuchtwäldern, vor allem des Amazonas, geschaut. Entsprechend wurden Anstrengungen unternommen, hier die Entwaldung zu bremsen und somit den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren – zum Teil mit beachtlichem Erfolg. Dass die Vernichtung von tropischen Trockenwäldern ebenso klimawirksam ist, ist bisher nur in der Wissenschaft bekannt. Entsprechend wurde bislang kaum etwas für den Schutz solcher Wälder getan.

    Erklären Sie noch einmal allgemein: Warum wirkt sich die Abholzung von Wald negativ auf das Klima aus?

    Um landschaftliche Flächen zu schaffen, wird nach der Rodung der Wald verbrannt – vor allem, wenn das Holz für die Weiterverarbeitung nicht brauchbar ist. Das ist kostengünstiger und schneller als ein Abtransport. Beim Verbrennen wird Kohlenstoff, der in der Vegetation in Blättern, Ästen, Stämmen und Wurzeln gebunden wird, freigesetzt. Infolge der Entwaldung wird also dasselbe Treibhausgas wie beispielsweise bei der Kohleverbrennung produziert. Das findet in solchen Mengen statt, dass wir heute wissen, dass der Landnutzungswandel neben der Verbrennung fossiler Energieträger einer der treibenden Faktoren des Klimawandels ist.

    Welche Rolle spielt der Gran Chaco in diesem Kontext?

    Wir haben in unserer Studie den Gran Chaco als einen Hotspot der globalen Entwaldung identifiziert. Zwei Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre haben wir aufzeigen können: Zum einen sind dem Chaco mehr als 20 Prozent des Waldes verloren gegangen. Das ist die doppelte Fläche von Bayern. Jetzt weiden dort Rinder für die Fleischproduktion, auf dem Rest werden hauptsächlich Monokulturen angebaut. Zum anderen sind 40 Prozent von den Weideflächen, die schon bestanden, zu Anbauflächen umgewandelt worden – vor allem für Soja. Das Soja wird nach Europa und China verschifft, und hier hauptsächlich für die Tiermast verwendet, um den weiter steigenden Hunger nach Fleisch zu stillen.

    Es gibt also diese zwei Entwicklungen im Chaco: Die Ausdehnung und Intensivierung der Landwirtschaft. Mit welchem Effekt?

    Im Kern konnten wir zeigen, dass die resultierenden Treibhausgasemissionen im Chaco von ähnlicher Größenordnung sind wie jene in den benachbarten Entwaldungshotspots im tropischen Regenwald. Das hat uns schon überrascht, da in letzteren deutlich mehr Kohlenstoff in der Vegetation gebunden ist. Insofern sind unsere Ergebnisse auch ein Indikator dafür, wie schnell die Entwaldung im Chaco voranschreitet. Hauptproblem mit 60 Prozent des Gesamtausstoßes ist die Umwandlung von Wald in Rinderweiden, aber auch die spätere Umwandlung von Weideflächen in Sojafelder schlägt stark durch.

    Wie sind Sie in der Studie vorgegangen, und wie haben Sie die Emissionswerte errechnet?

    Wir haben Satellitenbilder aus dem Zeitraum 1985 bis 2013 ausgewertet. So konnten wir den Verlauf der Entwaldungsfronten rekonstruieren – also sehen, wie an mehreren Stellen von außen in den Kern des Chacos hineingerodet wird. Daraus sind Karten und Schaubilder entstanden, die wiederum Schlüsse auf Ursachen und Lösungen zulassen. Mit einem Kohlenstoffmodell haben wir dann errechnet, wie der Landnutzungswandel zur Kohlenstoffbilanz beiträgt.

    Was ist also zu tun?

    Aufklären und informieren, das Problem beschreiben und in die Öffentlichkeit bringen. Wir haben ganz klar das Ziel, mit der Studie auf die Gefahr des Verschwindens von tropischen Trockenwäldern hinzuweisen. Das ist für uns alle relevant. Wenn die Internationale Gemeinschaft das Problem kennt, besteht auch die Möglichkeit einzugreifen – also zum Beispiel Schutzgebiete nach dem Vorbild der tropischen Feuchtwälder einzurichten. Bisher gibt es im Chaco viel zu wenige: Insgesamt sind nur 15 Prozent der Fläche geschützt, im argentinischen Teil sind es sogar nur drei Prozent. Oft haben im Chaco wirtschaftliche Interessen Vorrang vor Naturschutz. Das haben wir live erlebt: Für 3.500 Dollar pro Hektar inklusive Rodung hätten wir Wald kaufen können. Hier sollte man von staatlicher Seite mehr steuern.

    Werden Sie sich weiter mit dem Chaco beschäftigen?

    Unsere Reise dorthin hat uns enorm motiviert, die Studie weiterzuentwickeln. In der aktuellen sind wir quantitativ vorgegangen, haben uns also auf Daten gestützt. In der nächsten wollen wir unsere Informationen mit sozialwissenschaftlichen Erhebungen kombinieren – also Gespräche vor Ort mit den Eigentümern und Nutzern der Flächen führen. Somit können wir unser Material verfeinern, um noch besser die Entwaldungsentwicklung zu dokumentieren und zu verstehen.

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    Zur Person:
    Matthias Baumann ist PostDoc am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Nach seinem Diplom an der HU ging er an die University of Wisconsin-Madison und kehrte 2014 mit einem Doktortitel zurück. Seitdem forscht er unter der Leitung von Prof. Tobias Kümmerle im gut 10-köpfigen Conservation Biogeography Lab. Hier geht es um Fragestellungen zum globalen Landnutzungswandel und gekoppelten Mensch-Umwelt-Systemen.

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    Das Interview kann unter Angabe der Quelle übernommen werden. Weiteres Bildmaterial auf Anfrage in der Pressestelle: pr@hu-berlin.de


    Weitere Informationen:

    http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/gcb.13521/abstract;jsessionid=BAA32CF...
    https://www.geographie.hu-berlin.de/en/professorships/biogeography/people/curren...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Geowissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


    Gerodete Fläche im Argentinischen Chaco. Drei Wochen vor Aufnahme des Fotos stand hier noch ein Quebrachowald. Der Quebracho blanco ist der typische Baum dieser Region.


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    Die aktuelle Nutzung des Gran Chaco-Gebiets.


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