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11.01.2017 11:40

Kein Dach über dem Kopf: DJI befragt Straßenjugendliche

Susanne John Medien und Kommunikation
Deutsches Jugendinstitut e.V.

    In Deutschland beginnen Straßenkarrieren von Jugendlichen im Durchschnitt im Alter von 16 Jahren. Rund 40 Prozent von ihnen sind Mädchen. Häufig fliehen die Jugendlichen wegen großer Probleme in ihrer Familie. Unterschlupf finden sie dann meist bei Freunden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des Deutschen Jugendinstituts e.V., für die rund 300 Jugendliche in Berlin, Hamburg und Köln befragt wurden.

    „Genaue Daten dazu, wie viele Jugendliche in Deutschland auf der Straße leben, existieren nicht, da der vielfach verwendete Begriff ‚Straßenkinder‘ nicht einheitlich definiert und die Zielgruppe schwer erreichbar, oft sogar gänzlich unsichtbar, ist“, berichtet Carolin Hoch, die das Projekt „Straßenjugendliche in Deutschland – eine Erhebung zum Ausmaß des Problems“ betreut. Die Soziologin verwendet in ihrer Studie den Begriff „Straßenjugendliche“ und meint damit sowohl Minderjährige als auch junge Volljährige von bis zu 25 Jahren, die entweder obdach- oder wohnungslos sind. Die meisten Straßenkarrieren beginnen, wenn die Jugendlichen bereits 16 Jahre alt sind. „Nur einige der Befragten gaben an, den ersten Kontakt mit der Straße schon vor dem 15. Lebensjahr gehabt zu haben“, so Hoch. Ein Großteil der Jugendlichen war allerdings bereits volljährig.

    Gleichzeitig fällt auf, dass die Unterstützung des Jugendamts meist mit Eintritt der Volljährigkeit endet, wodurch das Risiko wächst, dass gefährdete Jugendliche gänzlich und unbemerkt aus den Hilfestrukturen herausfallen.

    Die Straßenepisoden dauerten, bezogen auf den Befragungszeitraum von zwei Jahren, bei den befragten Jugendlichen durchschnittlich ein Jahr und verstetigen sich, je älter die Jugendlichen werden. Ein Viertel der befragten Jugendlichen war obdachlos, das heißt sie lebten und schliefen tatsächlich auf der Straße. Die große Mehrzahl der Jugendlichen hat bei Freunden Unterschlupf gefunden. Die meisten Jugendlichen haben weiterhin Kontakt zum Elternhaus, obwohl zumeist familiäre Gründe als Auslöser für das Leben auf der Straße angegeben werden.

    Bezüglich der Wohnsituation zeigen sich Unterschiede in der Nutzung von Hilfestrukturen. Wohnungslose Jugendliche nutzen vor allem Beratungsangebote und haben mit zunehmendem Alter Kontakt zum Jobcenter. Überlebenshilfen hingegen werden verstärkt von obdachlosen Jugendlichen genutzt, deren Situation sich deutlich dramatischer gestaltet.

    Die Mehrzahl der befragten Jugendlichen verfügt über einen Hauptschlussabschluss (ca. 42%); etwa gleichviele der Befragten haben keinen Schulabschluss oder einen Realschulabschluss (jeweils rund 30%). Die Straßenjugendlichen sind in der Regel von akuter Armut bedroht. Je älter die Befragten sind, desto häufiger erhalten sie staatliche Unterstützung. Jüngere sind eher auf Betteln und die Unterstützung durch Privatpersonen angewiesen. Der Blick in die Zukunft ist dennoch optimistisch: 76 Prozent der Befragten glauben, dass sich ihre Wohnsituation in den nächsten zwölf Monaten deutlich verbessern wird.

    Für die quantitative Studie wurden rund 300 Jugendliche, die aktuell auf der Straße leben, und ehemalige Straßenjugendliche in persönlichen Interviews befragt. Da es außerordentlich schwierig ist, direkten Kontakt zu obdachlosen Straßenjugendlichen zu bekommen, erfolgte der Zugang zu den Jugendlichen zumeist über typische Anlaufstellen für junge Menschen ohne festen Wohnsitz, wodurch die Ergebnisse verzerrt sein können, da „unsichtbare“ Betroffene, die keine Hilfen in Anspruch nehmen, nicht in die Erhebung eingebunden werden konnten.

    An die Befragung der Straßenjugendlichen schließt sich eine Befragung von Fachkräften kommunaler und freier Träger an, über die eine detailliertere Erfassung der Anzahl betroffener Jugendlicher erfolgen soll. Der Abschlussbericht erscheint im Frühjahr 2017.

    Publikation

    Carolin Hoch (2016): Straßenjugendliche in Deutschland –
    eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens. München
    Download:
    www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2016/Bericht_Strassenjugendliche_2016.pdf

    Kontakt

    Dipl.-Soz. Carolin Hoch
    FSP Übergänge im Jugendalter
    Tel. 0345 68178-13
    E-Mail: hoch@dji.de

    Dr. Felicitas v. Aretin
    Abteilung Medien und Kommunikation
    Tel. 089 62306-258
    E-Mail: aretin@dji.de

    Deutsches Jugendinstitut Nockherstraße 2 81541 München www.dji.de


    Weitere Informationen:

    http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2016/Bericht_Strassenjugendliche_201...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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