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12.01.2017 09:42

Indien war gar nicht so isoliert wie gedacht

Johannes Seiler Dezernat 8 - Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

    Indien driftete von Afrika und Madagaskar allmählich nach Norden und kollidierte mit der eurasischen Platte. Wissenschaftler nahmen lange Zeit an, dass der Subkontinent während seiner langen Reise durch den Ozean weitgehend isoliert war und sich deshalb einzigartige Tier- und Pflanzenarten auf ihm entwickeln konnten. Doch Paläontologen der Universität Bonn zeigen nun anhand von in Bernstein eingeschlossenen winzigen Mücken, dass zwischen dem scheinbar abgeschotteten Indien sowie Europa und Asien vor rund 54 Millionen Jahren eine Verbindung geherrscht haben muss, über die Lebewesen zu- und abwandern konnten. Die überraschenden Ergebnisse werden nun im Fachjournal „PLOS ONE“ vorgestellt.

    Indien weist zahlreiche einzigartige Tier- und Pflanzenarten auf, die in dieser Form nur auf dem Subkontinent vorkommen. Voraussetzung für eine solch eigene Artentwicklung ist, dass kein Austausch mit anderen Regionen stattfindet. Eine solche Isolation Indiens sei durch die Kontinentaldrift bedingt, nahmen Wissenschaftler lange an. Der Großkontinent Gondwana, zu welchem unter anderem Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien, Madagaskar und Indien gehörten, spaltete sich im Lauf der Erdgeschichte auf. Auch das heutige Indien begann vor rund 130 Millionen Jahren, sich nach Nordosten zu bewegen. Bevor es mit der eurasischen Platte kollidierte, war Indien während seiner Wanderschaft für mindestens 30 Millionen Jahren weitgehend isoliert, so die gängige Meinung der Forschung.

    Nach aktuellen Erkenntnissen von Paläontologen der Universität Bonn kann es mit der postulierten Abgeschiedenheit auf der Reise des indischen Subkontinents doch nicht so weit her gewesen sein. „Bestimmte Mücken, die zu dieser Zeit in Indien vorkamen, weisen eine große Ähnlichkeit mit etwa gleich alten Exemplaren aus Europa und Asien auf“, sagt Erstautorin Frauke Stebner von der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Jes Rust am Steinmann-Institut der Universität Bonn. Dieser Befund ist ein starkes Indiz dafür, dass zwischen dem vermeintlich isolierten Indien, Europa und Asien doch ein Austausch stattgefunden hat.

    Schürfen nach Bernstein in indischen Kohleflözen

    In Kohleflözen in der Nähe der indischen Stadt Surat schürfte die Wissenschaftlerin von der Universität Bonn nach Bernstein. In dem Baumharz wurden vor 54 Millionen Jahren unter anderem auch kleine Mücken eingeschlossen und als Fossil überliefert. Bei den häufig nicht einmal einen Millimeter winzigen Insekten handelt es sich um „Gnitzen“. Den Nachfahren begegnet man heutzutage auch noch in Deutschland auf Weiden oder im Wald - wenn die kleinen Biester in Schwärmen über einen herfallen und Blut saugen.

    Die Paläontologin untersuchte insgesamt 38 in Bernstein eingeschlossene Gnitzen und verglich sie mit ähnlich alten Belegen aus Europa und China. Daran waren auch Wissenschaftler der Universität Danzig (Polen) und Lucknow (Indien) beteiligt. Insgesamt 34 dieser Insekten-Fossilien konnten bereits bekannten Gattungen zugeordnet werden. „Es gab eine sehr große Übereinstimmung mit Gnitzen in Bernstein aus dem Baltikum und Fushun im Nordosten Chinas“, berichtet Stebner.

    Inselketten stellten vermutlich eine Verbindung zu Indien her

    Wie es den Insekten gelingen konnte, sich zwischen dem driftenden Indien und Eurasien auszubreiten, ist noch nicht vollständig geklärt. „Auch etwa für Vögel und verschiedene Säugetiergruppen scheint es jedoch damals möglich gewesen zu sein, den Ozean zwischen Europa und Indien zu überwinden“, verweist die Paläontologin auf Studien weiterer Wissenschaftler. Allerdings sei es nun erstmals gelungen, mit Hilfe der Gnitzen-Fossilien auch einen Austausch zwischen Indien und Asien in diesem Zeitraum nachzuweisen.

    Stebner vermutet, dass eine Kette von Inseln, welche damals zwischen Indien, Europa und Asien existierte, bei der Verbreitung der Gnitzen geholfen haben könnte. Wie von Trittstein zu Trittstein könnten sich die Insekten allmählich auf den Inseln vorwärts bewegt haben. „Einige der im indischen Bernstein gefundenen Gnitzen waren vermutlich nicht besonders gute Fernstreckenflieger“, schmunzelt die Paläontologin der Universität Bonn. Es kann deshalb wahrscheinlich nicht so einfach gewesen sein, während der Wanderschaft Indiens auf den Subkontinent oder von dort weg zu gelangen.

    Publikation: Frauke Stebner, Ryszard Szadziewski, Hukam Singh, Simon Gunkel, Jes Rust: Biting Midges (Diptera: Ceratopogonidae) from Cambay Amber Indicate that the Eocene Fauna of the Indian Subcontinent Was Not Isolated, PLOS ONE, DOI: 10.1371/journal.pone.0169144

    Kontakt:

    Frauke Stebner
    Steinmann-Institut
    Universität Bonn
    Tel. 0228/733336
    E-Mail: frauke.stebner@uni-bonn.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geowissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Gedanohelea gerdesorum in 54 Millionen Jahre altem Cambay-Bernstein aus Indien: Die Insekten sind etwa nur einen Millimeter groß und häufig im Indischen Bernstein zu finden.


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    Eohelea indica: Diese Gattung kommt mit Gedanohelea auch in Bernsteinen aus Europa und Asien vor. Die Gnitzen müssen sich vor der Entstehung des indischen Bernsteins ausgebreitet haben.


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