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03.02.2017 10:18

Geschichten und Filme kennen [keine] Grenzen

Jette Beyer Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Hochschule für Fernsehen und Film München

    Studie von Tanja C. Krainhöfer, Dr. Thomas Wiedemann und Konrad Schreiber schließt an die Untersuchung „Frauen zeigen ihr Gesicht, Männer ihre Filme“ zur Repräsentanz von Filmwerken
    von Frauen im Programm deutscher Filmfestivals aus an / Weiterer Beitrag in der Genderforschung am HFF-Lehrstuhl Medienwissenschaft / Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung Ludwig-Maximilians-Universität München ebenfalls Partner der Studie

    03. Februar 2017 – In Kooperation mit dem Lehrstuhl Medienwissenschaft an der Hochschule für Fern-sehen und Film (HFF) München sowie dem Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienfor-schung der Ludwig-Maximilians-Universität München hat Medienwissenschaftlerin und Strategieberaterin Tanja C. Krainhöfer gemeinsam mit ihren Kollegen Dr. Thomas Wiedemann und Konrad Schreiber eine Studie zur Untersuchung der Programmdiversität der Internationalen Filmfestspiele Berlin mit dem Titel Geschichten und Filme kennen [keine] Grenzen erarbeitet, die nun erscheint. Sie schließt damit an die 2016 erschienene Studie „Frauen zeigen ihr Gesicht, Männer ihre Filme“ an. Beide Studien reihen sich ein in die Gender-Forschung am Medienwissenschafts-Lehrstuhl der HFF München.
    HFF-Präsidentin Prof. Bettina Reitz: „Festivals sind und bleiben auch in Zeiten des digitalen Wandels und des im digitalen Raum stattfindenden Austauschs eine zentrale Plattform für Filme von Studierenden und Alumni der deutschen Filmhochschulen. Hier vereinen sich das gemeinsame Seh-Erlebnis, der anschließende Dialog und natürlich die Anwesenheit der nationalen wie internationalen Branche, die über die spätere Auswertung der Filme entscheiden – deshalb ist es nur konsequent, dass wir als Filmhochschule die Entstehung einer solchen Studie mit initiieren und unterstützen.“

    Fragestellung & Forschungsgrundlagen
    In der aktuellen Studie stellen Krainhöfer, Schreiber und Wiedemann die ausgehende Frage: Inwieweit findet sich im Programm der Berlinale von 1980 bis 2016 ein ausgewogenes Verhältnis der mittels der programmierten Festivalbeiträge repräsentierten Filmemacher im Hinblick auf deren Geschlecht, deren Alter und deren Herkunft bzw. Sozialisation aus den neuen und den alten Bundesländern wider? Ihr Un-tersuchungszeitraum von 37 Jahren umspannt dabei die Amtszeiten der beiden Festivaldirektoren Moritz de Hadeln und Dieter Kosslick. Die Studie ist motiviert durch den Einfluss eines „A-Festivals“ wie der Berlinale, der weit über den nationalen Markt hinaus reicht – vielmehr bedingt die Programmauswahl eines Festivals wie der Berlinale mit, welche Filme Distributoren aus der ganzen Welt sehen und evtl. kaufen, ob für die Kinoauswertung, DVD- oder Online-Releases. Damit kuratiert ein A-Festival nicht nur sein eigenes Programm, sondern in Teilen auch die Entscheidungen der gesamten Film-Industrie.
    Als Datengrundlage wurde nach notwendigen vorab definierten Kriterien eine Stichprobe im Umfang von 10.024 Filmbeiträgen mittels der folgenden Merkmale erfasst: Festivalausgabe, Festivalsektion, Original-name der Sektion, Originaltitel, übersetzter Titel, erstgenannter Regisseur und ggf. Koregisseur(e), erst-genanntes Ursprungsland und ggf. Koproduktionsland/-länder, Herstellungsjahr und Lauflänge. Hinsicht-lich der Berlinale-Programmgestaltung wurde eine Eingrenzung der untersuchten Programmbeiträge auf die folgenden Sektionen vorgenommen: Wettbewerb, Panorama, Forum, Generation, Perspektive Deut-sches Kino und German Cinema inkl. ihrer jeweiligen teils anders heißenden Vorgänger. Einbezogen wurden ebenfalls Neuerungen wie die von Dieter Kosslick eingeführte Sektion Perspektive Deutsches Kino und die seit 2011 programmierte Reihe LOLA@Berlinale (eine Vorauswahl von Filmen für die Nomi-nierung zum Deutschen Filmpreis des Vorjahres). Die im Jahr 2007 ins Leben gerufene Sektion Berlinale Shorts, eine Zusammenführung der Kurzfilme des Wettbewerbs und des Panoramas und gegenwärtige Sektion für den Kurzfilmwettbewerb, wurde mit ihren Beiträgen der Analyse der Wettbewerbs-Sektion zugerechnet.

    Genderverteilung
    Die Ergebnisse der Studie in Bezug auf die Genderverteilung sind deutlich: Während der Anteil der von männlichen Regisseuren inszenierten Filmbeiträge seit den 1980er Jahren bis heute mit rund 150 inter-nationalen und durchschnittlich 50 nationalen Produktionen pro Festivalausgabe weitgehend konstant blieb, brauchten weibliche Regisseure im internationalen Programm über drei Jahrzehnte, um überhaupt mit 50 Festivalbeiträgen pro Jahr vertreten zu sein. Noch bemerkenswerter ist, dass
    sich dabei zwar im internationalen Programm ein langsamer, aber stetiger Aufwärtstrend für den Anteil von Filmen von Frauen belegen lässt (von 14,95 Prozent im Jahr 1980 auf 28,69 Prozent im Jahr 2016), dass dieser Anteil im deutschen Programm allerdings seit über 20 Jahren bei meistens unter 30 Prozent stagniert. Darüber hinaus offenbart die Analyse der Verteilung aller Produktionen von Frauen und Männern getrennt nach Sektionen, dass ein deutlich steigender Anteil von Regisseurinnen einzig in den Bereichen Kinderfilmfest/ Generation und Perspektive Deutsches Kino zu vermelden ist. Demgegenüber steht jedoch die Sektion Panorama, die seit Jahren bei plus/minus 25 Prozent stagniert, und gemeinsam mit dem Forum beim nationalen Programmanteil sogar einen Abwärtstrend verzeichnet. Erfreulich zu verzeichnen ist mit Blick auf die beiden „Äras“ von Festivalleitern: Zwar sind Filme von Frauen im Wettbewerb bei beiden statistisch signifikant unterrepräsentiert, aber unter der Intendanz von Dieter Kosslick – und damit Heute – zeichnet sich ein deutlicher Anstieg der Frauenquote ab.

    Verteilung des Ost-West-Hintergrunds im deutschen Programm
    In Anlehnung an die Appelle an die Kultur im Kontext der Wiedervereinigung, bei der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft aktiv mitzuwirken, wurde die Verteilung der Herkunft unter den Regisseuren der bei der Berlinale programmierten Filmwerke untersucht. Dabei wurde eine Stichprobe von 2.034 Fil-men in die Untersuchung einbezogen, davon 363 Produktionen eines Regisseurs mit Herkunft aus den neuen und 1.671 Produktionen eines Regisseurs mit Herkunft aus den alten Bundesländern.
    Die Analyse ergab drei Phasen in der Verteilung der Regisseure mit Ost-Hintergrund in den Jahren zwi-schen 1980 und 2016. In dem Bestreben, die Annäherungen zwischen der USA und der UdSSR zu un-terstützen, findet sich von 1980 bis 1990 eine wachsende Plattform für die Präsentation des ostdeutschen Films im nationalen Programmteil, ergänzt um im Westen produzierte Filmwerke von Regisseuren, die nach ihrer Geburt und Jungendzeit in der DDR den Lebensmittelpunkt nach Westdeutschland verlagert haben.
    Die zweite Phase von 1991 bis 2003 symbolisiert eine Zeit des Versuchs, auch weiterhin Ost-Filmemacher im Programm zu präsentieren. Das zunehmend schwindende Angebot an neuen Produktionen von Regisseuren mit einem ostdeutschen Hintergrund wir zunächst noch mit Filmen aus der Vor-Wende-Zeit ausgeglichen, bis schließlich nur noch vereinzelte Filme zur Verfügung stehen.
    2004 erreicht der Anteil an Regisseuren mit ostdeutscher Herkunft den absoluten Tiefpunkt (eine einzige Produktion), der sich auch in den Folgejahren insbesondere im Bereich der Langfilme und trotz der wachsenden Präsenz von Filmemachern mit westdeutschen Wurzeln im Programm nur geringfügig erweitert. Allein Andreas Dresen, der erstmals 1991 mit seinem Abschlussfilm So schnell geht es nach Istanbul (1990) und seither bis zum Jahr 2015 insgesamt 15 Mal von unterschiedlichen Sektionen zur Berlinale geladen wurde (darunter dreimal in den Wettbewerb), scheint unter den ohnehin wenigen Nach-Wende-Regisseuren aus dem Osten Deutschlands Aufmerksamkeit und positive Wahrnehmung bei den Programmverantwortlichen zu erfahren.

    Altersverteilung im deutschen Programm
    Von 2.671 deutschen Festivalbeiträgen gingen 2.584 Produktionen von Filmemachern ein, deren Ge-burtsjahr ermittelbar war und für die Untersuchung der Altersverteilung im Programm der Berlinale von 1980 bis 2016 herangezogen wurde. Berücksichtigt wurden dabei die Werke von Regisseuren aus Ost- wie aus Westdeutschland. Eine Gegenüberstellung des Durchschnittsalters der zu den Festivalausgaben von 1980 bis 2001 eingeladenen Filmemacher zu jenen im Zeitraum zwischen 2002 und 2016 weist mit 43,03 Jahren zu 43,75 Jahren keine große Abweichung auf. Betrachtet man hingegen den Wettbewerb, so sind die Filmemacher in der ersten Periode mit durchschnittlich 48,30 Jahren deutlich älter als im zweiten Zeitraum (45, 38 Jahre).
    Der Wert für das Durchschnittsalter in der Sektion German Cinema im Zeitraum von 2002 bis 2016 liegt mit 43,44 Jahren (bei einer Alterspanne von 26 bis 82 Jahren) allerdings deutlich höher als zwischen 1980 und 2001 (40,81 Jahre bei einer Alterspanne von 22 bis 78 Jahren). Dieses Ergebnis dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit der Neuausrichtung in Form der Reihe Lola@Berlinale und den entsprechenden Beiträgen respektive Regisseuren geschuldet, sowie auf die Zusammenführung der „jungen Wilden“ in der Sektion Perspektive Deutsches Kino zurückzuführen sein. Doch auch in der Perspektive erstreckt sich das Alter der präsentierten Regisseure von 22 bis 54 (!) Jahre in den Jahren 2002 bis 2016 und ergibt demnach ein Durchschnittsalter von knapp 35 Jahren.
    Der Blick auf die einzelnen Sektionen verrät Folgendes: Während im Zeitraum von 1980 bis 2001 insbe-sondere die Sektionen Wettbewerb und Kinderfilmfest von einer höheren Altersstruktur gekennzeichnet waren, sind es im vergangenen Jahrzehnt vor allem die Sektionen German Cinema und Panorama, die sich auf ein sektionsübergreifend höheres Durchschnittsalter auswirken. Belief sich der entsprechende Wert bezogen auf das Langfilmprogramm im Jahr 1980 noch auf 38,72 Jahre, steht im Jahr 2016 ein durchschnittliches Alter von 46,54 Jahren zu Buche.

    Verteilung nationaler zu internationaler Produktionen
    Auf Basis der fünf untersuchten Sektionen erfolgte zwischen 1980 und 2016 ein enormer Anstieg des Programmumfangs von 163 Produktionen auf 340 Produktionen (209 Prozent).
    Der Anteil an nationalen Produktionen im Gesamtprogramm (alle Filmlängen) ist im Zeitraum von 1980 bis 2001 statistisch signifikant höher als im Zeitraum von 2002 bis 2016. Begrenzt auf die Langfilme erzielt der Anteil an nationalen Produktionen mit 28,60 und 28,64 Prozent ein annähernd gleiches Ergeb-nis.
    Trotz der Einführung der Perspektive Deutsches Kino und einer Erweiterung der deutschen Pro-grammbeiträge mit der Reihe Lola@Berlinale steht einer quantitativen Gleichstellung des nationalen Programmanteils in den beiden Perioden ein Rückgang der deutschen Beiträge im Kinderfilmfest (Generation) und im Panorama entgegen.
    Der Anteil deutscher Festivalbeiträge einschließlich der Programmierung von Sondervorführungen und Beiträgen „außer Konkurrenz“ liegt zwischen 1980 und 2001 bei durchschnittlich 4,73 Prozent und im Zeitraum von 2002 bis 2016 bei 3,67 Prozent. Begrenzt auf den mit 24 Beträgen reglementierten origi-nären Wettbewerb weist die erste Periode im Durchschnitt 2,73 deutsche Beiträge (ohne DDR: 2,14), die zweite Periode im Durchschnitt 2,93 deutsche Beiträge aus.
    Der Anstieg des deutschen Produktionsaufkommens gemessen an den jährlichen Kinostarts spiegelt sich nicht in einer Erhöhung der programmierten deutschen Produktionen wider.

    Vielfalt internationaler Produktionen
    Der mit der Digitalisierung einhergehende weltweite Anstieg des Produktionsaufkommens sowie die er-leichterten Distributionsbedingungen führen zu einer Erweiterung der im Programm repräsentierten Ur-sprungsländer von 1980 mit 40 Filmländern auf 2016 mit 66 Filmländern.
    Die Länderschwerpunkte (Top 25) im Programm der Berlinale im 10-Jahres-Vergleich von 1980, 1990, 2000, 2010 und 2016 belegen eine konstante flankierende Darstellung des aktuellen politischen Weltge-schehens. Entwicklungen wie die Annäherung der USA und der UdSSR, die EU-Erweiterung und die Globalisierung finden mit starkem Aktualitätsbezug Ausdruck im Programm.
    Ein Desideratum lässt sich jedoch bei der Abbildung der mittlerweile multikulturell gewordenen deutschen Gesellschaft konstatieren.

    Audiovisuelle Medieninhalte zählen seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu den bedeutendsten Mitteln, unseren Blick auf die Welt zu bestimmen und leisten damit einen entscheidenden Beitrag zur Konstruktion von Realitäten. Deshalb ist es wesentlich, im deutschen Film die Perspektive aus den neuen wie aus den alten Bundesländern, von jungen Regietalenten wie älteren Regiemeistern sowie vor allem von Frauen wie von Männern zu fördern und Zugangschancen zum Kino- und TV-Markt, aber ebenso zu Filmfestivals zu eröffnen. Dass dabei den Internationalen Filmfestspielen Berlin gerade in Zeiten, da die „Welt der Filmherstellung und des Filmvertriebs massiv und grundlegend“ (Holighaus: 2016) neue Formen annimmt, eine besondere Vorbildfunktion zukommt, muss nicht erwähnt werden. Dieser Diversitätsbericht soll mittels empirischer Ergebnisse den Status Quo der programmatischen Verteilungen
    beleuchten und damit dazu beitragen, gezielte Maßnahmen für eine größere Diversität des Berlinale-Programms zu entwickeln und umzusetzen.


    Weitere Informationen:

    http://www.filmfestival-studien.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medien- und Kommunikationswissenschaften
    überregional
    Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Das Forschungsteam der Diversitats-Studie zur Berlinale (v.l.n.r.): Konrad Schreiber, Tanja C. Krainhöfer, Dr. Thomas Wiedemann


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