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17.07.2003 13:15

Elfriede LOHSE-WÄCHTLER (1899-1940)

Dr. Annette Tuffs Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Heidelberg

    Eine Künstlerin in der Psychiatrie / Ausstellung vom 22.5. - 28.9.2003

    Die Lebensgeschichte der Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940) ist von Kämpfen und Katastrophen gezeichnet. Sie endete 1940 in der Gaskammer der Anstalt Pirna-Sonnenstein. Vor wenigen Jahren erst entdeckte man in einer Reihe von Ausstellungen das Werk der Künstlerin: ungestüme Zeichnungen und Aquarelle, mit denen Elfriede Lohse-Wächtler sich am Rande der Ordnung zu halten suchte.

    Wie kam es zu dem langen Verdrängen des Werkes von Elfriede Lohse-Wächtler aus dem Gedächtnis der Kunstgeschichte? War es das Stigma der Psychiatrisierung, das die Künstlerin zur Außenseiterin machte? Die Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn mit privaten und öffentlichen Leihgaben holt das Werk erstmals in den süddeutschen Raum. Viele der Zeichnungen waren bisher noch nie zu sehen. Die Auswahl konzentriert sich auf die künstlerische Entwicklung in den Hamburger Jahren (1925-31) zwischen Expressionismus, Verismus und Neuer Sachlichkeit, darunter schonungslose Selbstporträts und Milieubilder, impulsive Aquarelle in leuchtenden Farben, die oft ins Düstere abdrehen. Die wenigen erhaltenen Bleistiftzeichnungen der "Friedrichsberger Köpfe" setzen sich in den Arnsdorfer Frauenporträts (1932-35) fort. Da die meisten Anstaltspatientinnen wohl das tödliche Schicksal der Künstlerin teilten, sind die Zeichnungen auch aus diesem Grund unschätzbare Dokumente unseres kulturellen Gedächtnisses. Damit behalten die entmündigten Frauen wenigstens im Medium des Bildes ihre Würde.

    Brisant sind Werk- und Lebensgeschichte von Elfriede Lohse-Wächtler, weil sie den gesellschaftlichen Prozess sichtbar machen, der eine rebellische, selbstbewusste und temperamentvolle Künstlerin in eine verstörte, ja traumatisierte Frau verwandelt, bis sie vollends durch die nationalsozialistische Anstaltsinternierung 'ruhig gestellt' und zerstört ist.

    Geöffnet: Di bis So, 11-17 Uhr, Mi bis 20 Uhr
    Öffentliche Führungen: jeden Mittwoch 18 Uhr und jeden Sonntag 14 Uhr
    Sonderführungen nach Vereinbarung

    Weitere Informationen bei:
    Sammlung Prinzhorn, Monika Jagfeld M.A., Tel: 06221 / 56-4725,
    monika_jagfeld@med.uni-heidelberg.de
    http://www.prinzhorn.uni-hd.de

    Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
    http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/

    Biographie Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940)

    Sechzehnjährig verlässt die eigenwillige Kunstgewerblerin das kleinbürgerliche Dresdner Elternhaus und ernährte sich fortan durch Batikarbeiten und Gebrauchsgrafiken. Sie besucht die Klasse für angewandte Grafik von Oskar Erler und befreundet sich mit sozialkritischen Künstlern der Dresdner Sezession wie Otto Dix, Conrad Felixmüller, Otto Griebel und Kurt Lohse, mit denen sie zu malen beginnt. Ihre Werke signiert sie als "Nikolaus Wächtler". 1921 heiratet sie Lohse und zieht mit ihm 1925 nach Hamburg. Das Scheitern ihrer Ehe, fehlende künstlerische Kontakte, Mittellosigkeit und Hunger reiben die Künstlerin auf. Als sie unter Verfolgungsängsten leidet, schicken Freunde, wie der Oberdada Johannes Baader, sie Februar 1929 in die Anstalt Friedrichsberg. Sie erholt sich dort und wird zwei Monate später entlassen.

    Eine erfolgreiche Einzelausstellung der in der Anstalt entstandenen "Friedrichsberger Köpfe" im Hamburger Kunstsalon Maria Kunde bringt für kurze Zeit Ehrungen und einzelne Ankäufe. Leidenschaftlich malt sie gegen die materielle Verelendung an. Es ist ihre produktivste Zeit. Sie lebt, liebt, hungert und malt mit den Randfiguren der Gesellschaft zwischen Hafen und Herbertstraße. Aus der gemeinsamen Perspektive der Not entstehen eruptive Werke. Doch ohne jegliche "Wohlfahrtsunterstützung" verliert sie 1931 ihre Wohnung und landet nun ganz auf der Strasse. Wochenlang schläft sie in Bahnhöfen.

    Mai 1931 kehrt Elfriede Lohse-Wächtler gebrochen und zu Tode erschöpft ins Elternhaus zurück. Im folgenden Jahr lässt der Vater sie in die Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf/Sachsen einweisen: Diagnose "Schizophrenie". Mit dieser Diagnose wird sie auf Betreiben des Ehemanns 1935 geschieden, dann entmündigt, zwangssterilisiert und schließlich am 31. Juli 1940 ermordet. Vergeblich hatte sich die Mutter kurz zuvor um die Entlassung der Tochter bemüht.

    In den ersten Arnsdorfer Jahren entstehen Porträts, die an das Projekt der "Friedrichsberger Köpfe" anschließen. Es sind einzigartige Dokumentationen aus dem Inneren der unzugänglichen Anstalten, angesiedelt in der Nähe von Sozialreportagen, jedoch weit entfernt von den Satiren eines Otto Dix. Elfriede Lohse-Wächtler schafft trotz Papierknappheit genaue physiognomische Studien von den Arnsdorfer Frauen allen Alters: Meist arme und schlichte Personen, die sie entweder in sorgfältigen, raschen oder spontan quirligen Strichen wider gibt - ohne zu pathologisieren. Die oft angespannten, freudlosen Gesichter sind frei gestellt, ohne Verweis auf ihre Umgebung. Es sind Gesichter der Isolation, die Individualität und auch Schönheit besitzen. Obgleich die Künstlerin in der Enge mit den "schwatzenden Weibern" verzweifelt, gibt sie den Porträtierten Würde. Aus den Jahren nach 1935 sind nur noch fünf trostlos-artige, dem NS-Stil 'gleichgeschaltete' Glückwunschkarten erhalten.


    Weitere Informationen:

    http://www.prinzhorn.uni-hd.de
    http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Psychologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Personalia
    Deutsch


    Liebespaar, 1930. Gemälde von Elfriede Lohse-Wächtler. / Abb.: Sammlung Prinzhorn.


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