idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
03.04.2017 11:28

Gesellschaft hält psychisch Kranke für gefährlicher als sie sind

Reto Caluori Kommunikation & Marketing
Universität Basel

    Für wie gefährlich hält die Bevölkerung Menschen mit psychischen Erkrankungen? Wissenschaftler der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel haben untersucht, welche Faktoren die soziale Stigmatisierung beeinflussen. Die Fachzeitschrift «Scientific Reports» hat die Resultate veröffentlicht.

    Menschen mit psychischen Krankheiten leiden unter starker sozialer Stigmatisierung. Zusätzlich zu den eigentlichen Krankheitssymptomen führt eine Diskriminierung durch die Gesellschaft zu weiteren Leiden wie Angst, Stress und niedrigem Selbstwertgefühl bei den Betroffenen. Um der Stigmatisierung zu entgehen, meiden Menschen mit psychischen Leiden häufig eine notwendige Therapie.

    Das Phänomen der Stigmatisierung von psychisch Erkrankten kennt viele Facetten. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Tatsache, dass die Betroffenen oft als gefährlicher wahrgenommen werden, als sie eigentlich sind. Zwar kann eine kleine Zahl an psychischen Erkrankungen zu einem relativ erhöhten Gewaltrisiko führen, die meisten Menschen mit psychischen Störungen sind aber nicht gewalttätig.

    Stigma der psychischen Krankheit

    Psychiater und Psychologen der Universität Basel und der UPK Basel beschäftigen sich mit der Frage, für wie gefährlich die Bevölkerung psychisch Erkrankte hält und welche Faktoren diese Einschätzung beeinflussen. «Wir wollen verstehen, ob eher das Wahrnehmen von Symptomen oder die Information, dass jemand in psychiatrischer Behandlung war, stigmatisierend wirkt», so Prof. Christian Huber.

    Dazu befragten sie 10‘000 Personen im Kanton Basel-Stadt. Anhand unterschiedlicher fiktiver Fallgeschichten mussten die Probanden einschätzen, für wie gefährlich sie die Person hielten. Die Hälfte der Fälle schilderten Symptome verschiedener psychischer Krankheiten (Alkoholabhängigkeit, Psychose, Borderline-Persönlichkeitsstörung). Die andere berichtete über den Ort der psychiatrischen Behandlung (Allgemeinkrankenhaus, Psychiatrie, Psychiatrie mit forensischer Klinik).

    Psychiatrische Symptome besonders bedrohlich

    Bei Fallbeispielen, die nur den Ort der Behandlung beschrieben und bei Fallbeispielen mit einer Beschreibung von Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten wurden die Patienten generell als gefährlich eingeschätzt. Eine Schilderung von Symptomen führte dabei zu stärkerer Zuschreibung von Gefährlichkeit, besonders bedrohlich wahrgenommen wurden Menschen mit Symptomen einer Alkoholabhängigkeit.

    Vorurteile bekämpfen

    Ein wichtiges Ergebnis der Studie besteht darin, dass die Art und Weise, wie die Psychiatrie Patienten behandelt, die Vorurteile beeinflusst, unter denen sie zu leiden haben. Eine Behandlung in einer psychiatrischen Abteilung in einem Allgemeinkrankenhaus war mit einer geringeren Gefährlichkeitszuschreibung verbunden als die in einer spezialisierten psychiatrischen Klinik. Ausserdem zeigte sich, dass Menschen, die in der Vergangenheit persönlichen Kontakt mit der Psychiatrie oder psychisch Erkrankten hatten, das Gefahrenpotenzial generell geringer einschätzten.

    Um Vorurteile abzubauen, so die Autoren, sollte der Kontakt zwischen Allgemeinbevölkerung und psychisch kranken Menschen gefördert werden. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kampagnen zur Entstigmatisierung die Bevölkerung realistisch über das geringe Gefahrenpotenzial von Menschen mit psychischen Erkrankungen aufklären sollten». Des Weiteren könnte eine Verlagerung der stationär-psychiatrischen Behandlung aus eigenständigen Kliniken in Allgemeinkrankenhäuser die Entstigmatisierung fördern und die Ausgrenzung von Betroffenen verringern.

    Diesen Weg beschreiten die UPK in Basel: «Wir haben die psychiatrische Kriseninterventionsstation ausgebaut, welche sich im Universitätsspital Basel befindet, sowie eine Akutambulanz im Stadtzentrum geschaffen, die einen niedrigschwelligen Kontakt mit der Psychiatrie ohne Voranmeldung ermöglicht», so Prof. Undine Lang, Koautorin der Studie und Direktorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik der UPK Basel.

    Originalbeitrag

    Julia F. Sowislo, Franca Gonet-Wirz, Stefan Borgwardt, Undine E. Lang, and Christian G. Huber
    Perceived Dangerousness as Related to Psychiatric Symptoms and Psychiatric Service Use – a Vignette Based Representative Population Survey
    Scientific Reports (2017), doi: 10.1038/srep45716

    Weitere Auskünfte

    Dr. Julia Sowislo, Dipl.-Psych., Universität Basel und Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Tel. +41 61 325 58 78, E-Mail: julia.sowislo@upkbs.ch
    Prof. Dr. Christian Huber, Universität Basel und Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, Tel. +41 61 325 81 88, E-Mail: christian.huber@upkbs.ch


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).