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08.05.2017 13:59

4 gewinnt: neue Ameisenarten entdeckt - Statt einer gibt es vier Ameisenarten der Gattung Tapinoma

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Görlitz, den 08.05.2017. Senckenberg-Wissenschaftler haben die aus dem Mittelmeerraum stammende Ameise Tapinoma nigerrimum untersucht, die dort und zunehmend auch nördlich der Alpen als Invasionsameise auftritt. Die großangelegte Studie zeigt, dass es sich dabei nicht um eine sondern vier eigenständige Arten handelt. Sie stehen in direkter Konkurrenz zu anderen Ameisenarten. Die Studie wurde kürzlich im Fachmagazin „Myrmecological News“ veröffentlicht.

    Die effizienten chemischen Waffen und Rekrutierungssysteme der viele Millionen Arbeiterinnen umfassenden Superkolonien und deren Fähigkeit den Imperien der Argentinischen Heeresameise im Mittelmeerraum erfolgreich Widerstand zu leisten machen Ameisen der Tapinoma-nigerrimum-Gruppe zu einem besonders interessanten Forschungsobjekt. Die Ameisen sind ursprünglich im westlichen und zentralen Mittelmeerraum heimisch. Dort fühlen sich die Sechsbeiner besonders in degradierten Landschaften mit wenig Baumwuchs, in Küstengebieten und menschlichen Siedlungsgebieten wohl. Ihr in der Analdrüse produzierter Kampfstoff ist für alle Ameisenarten hochgiftig. Im Vordergrund der Forschung an diesen Ameisen standen bisher vor allem Kampfgebaren und Schadwirkungen in Siedlungen, Gartenbau und Landwirtschaft. Nun hat Dr. Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz zusammen mit einem internationalen Forscherteam einen Blick auf die Systematik der Arten geworfen – und Überraschendes zutage gefördert. „Wir konnten mit unserer Studie zeigen, dass es, anders als bisher angenommen, nicht nur eine, sondern vier Arten dieser Drüsenameise gibt“, erklärt Seifert, der Erstautor der Studie ist. Durch Untersuchung 100 bis 170 Jahre alter, für die zoologische Namensgebung entscheidender Referenzexemplare, der sogenannten Primärtypen, konnten die bislang bestenfalls als innerartliche Varianten angesehenen T. nigerrimum, T. magnum und T. ibericum als verschiedene Arten enttarnt werden. Eine vierte Art, T. darioi, war der Wissenschaft bisher vollständig unbekannt. Sie wurde in der Studie als neue Art beschrieben und zu Ehren des früh verstorbenen römischen Myrmekologen Dario D´Eustaccio benannt, einem der Hauptakteure dieses Projekts.

    Die vier Arten von Tapinoma unterscheiden sich in ihrer Morphologie, ihrem Kolonieaufbau, der Verbreitung und der DNA. „Jedoch sind sie selbst von einem erfahrenen Experten nicht durch einfache Augenscheinbetrachtung unterscheidbar. Zwei Millionen Jahre getrennter Evolution haben praktisch keine Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild erzeugt“, erklärt Seifert. Da eine DNA-analytische Untersuchung die kostbaren und sehr fragilen Primärtypen in unvertretbarer Weise beschädigt hätte, mussten die Wissenschaftler eine beschädigungsfreie Untersuchungsmethode entwickeln, die vom Menschen optisch nicht wahrnehmbare Artunterschiede sichtbar macht. Dies gelingt mit dem sogenannten NUMOBAT-Verfahren (Numeric Morphology-Based Alpha-Taxonomy), in dem unter anderem ein ausgeklügelter, kürzlich entwickelter mathematischer Algorithmus eine wichtige Rolle spielt. Da bei dem Verfahren nur Lichtwellen auf die in den Museen von Wien, Genua und Basel aufbewahrten Typusexemplare einwirken bleiben diese unbeschädigt. Das internationale Wissenschaftler-Team analysierte 159 Nestproben aus elf verschiedenen Ländern (Algerien, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Marokko, Niederlande, Portugal, Spanien und Tunesien).

    Die umfangreiche Analyse förderte neben den vier neuen Arten noch weitere Besonderheiten ans Licht: die drei Superkolonien bildenden Arten T. magnum, T. ibericum und T. darioi sind hoch invasiv und wurden bereits in urbanen Gegenden nördlich des 48. Breitengrads entdeckt. Auslöser der Verbreitung waren eingeführte Pflanzen, in denen die Tiere saßen. Auch kältere Winter wie in Deutschland mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt können die Ameisen ohne nennenswerte Verluste überleben. Die drei Arten wurden schon in Südengland, Nordfrankreich, Belgien, Holland und Deutschland als Schädling und Lästling bekannt.
    „Damit geht von diesen Tapinoma eine nicht zu unterschätzende Belastung für die Städte nördlich der Alpen aus“, sagt Seifert und fährt fort: „Zudem ist in wenigen Jahrzehnen für unsere Breiten durchaus zu erwarten, dass ein permanenter Krieg zwischen den Imperien invasiver Ameisen einsetzt, da sich Superkolonien unterschiedlicher Arten, wo immer sie aufeinandertreffen, sehr feindlich gegenüberstehen."
    Insbesondere wird es spannend sein, so der Experte, zu beobachten wie sich die superkoloniale, nicht näher verwandte Invasionsameise, Lasius neglectus, die ebenfalls nördlich der Alpen vorgedrungen ist und hier Bewohner ganzer Siedlungsgebiete in Unruhe versetzt, mit ihren Tapinoma-Gegnern auseinandersetzt.

    Kontakt
    Dr. Bernhard Seifert
    Department of Entomology
    Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
    Tel. 03581- 4760 5600
    bernhard.seifert@senckenberg.de

    Maria Latos
    Judith Jördens
    Pressestelle
    Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
    Tel. 069- 7542 1434
    pressestelle@senckenberg.de

    Publikation
    B. Siefert, D. D’Eustacchio, B. Kaufmann, M. Centorame, P. Lorite, M.V. Modica (2017): Four species within the supercolonial ants of the Tapinoma nigerrimum complex revealed by integrative taxonomy (Hymenoptera: Formicidae). Myrmecol. News 24: 123-144.

    Pressebilder können kostenfrei für redaktionelle Berichterstattung verwendet werden unter der Voraussetzung, dass der genannte Urheber mit veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zulässig.

    Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie auch unter www.senckenberg.de/presse

    Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.

    200 Jahre Senckenberg! 2017 ist Jubiläumsjahr bei Senckenberg – die 1817 gegründete Gesellschaft forscht seit 200 Jahren mit Neugier, Leidenschaft und Engagement für die Natur. Seine 200-jährige Erfolgsgeschichte feiert Senckenberg mit einem bunten Programm, das aus vielen Veranstaltungen, eigens erstellten Ausstellungen und einem großen Museumsfest im Herbst besteht. Natürlich werden auch die aktuelle Forschung und zukünftige Projekte präsentiert. Mehr Infos unter: www.200jahresenckenberg.de.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Arbeiterin der Tapinoma-Gruppe


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    Kopf der neu entdeckten Art Tapinoma daroi.


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