Die Umsiedlung von Feldhamstern wird erstmals erforscht

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04.08.2003 16:20

Die Umsiedlung von Feldhamstern wird erstmals erforscht

Dr. Elisabeth Hoffmann Presse und Kommunikation
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig

    Für Bauherren werden sie bisweilen zur Horrorvision, unter Landwirten galten sie als Schädlinge: Der Schutz der heute seltenen Feldhamster kollidiert häufig mit handfesten wirtschaftlichen und städtebaulichen Interessen. Ein Forschungsprojekt, das Zoologen der TU Braunschweig mit der Stadt Braunschweig durchführen, will die Ansprüchen der Grundstückseigner mit dem Naturschutz versöhnen.

    Feldhamster gehören - freilich ohne es selbst zu ahnen - zu den mächtigsten heimischen Wildtieren der Republik. Ganze Bauprojekte müssen bekanntlich gestoppt werden oder verzögern sich um Jahre, sobald die possierlichen Nager oder ihre Baue auf den neu zu erschließenden Grundstücken gesichtet werden. Weil ihre Zahl in Europa in den letzten 25 Jahren extrem stark zurückgegangen ist, regelt eine EU-Richtlinie seit 1992 einheitlich, dass ihr Lebensraum nicht zerstört werden darf. Sind Hamsterlebensräume von Bauvorhaben betroffen, so besteht durch die gesetzlichen Vorgaben letztlich nur die Wahl, entweder von den Vorhaben abzulassen oder aber die Hamster umzusetzen. Vor vier Jahren versuchten deshalb Naturschützer zum ersten Mal, Feldhamster in andere Gebiete umzusiedeln. Ob die Tiere ihr neues Zuhause wirklich annehmen, dokumentieren Zoologen der Technischen Universität Braunschweig jetzt erstmals im Rahmen eines Forschungsprojektes, das die diesbezüglichen Bemühungen der Stadt Braunschweig näher untersucht. Erste Ergebnisse bestätigen den Erfolg, nicht nur für die Nager. Unterschiedlichste Tier- und Pflanzenarten und sogar die Landwirtschaft können von dem nachhaltigen Umsiedlungskonzept profitieren. Das Braunschweiger Beispiel kann Schule machen.

    1998 plante die Stadt Braunschweig die Erschließung von Baugrundstücken im Gebiet Lammer Busch - auf Hamsterverdachtsflächen, wie sich schnell herausstellte. Als tatsächlich Feldhamster gesichtet wurden, entwickelte man städtischerseits ein Konzept zur Hamsterumsiedlung, damit den gesetzlichen Bestimmungen entsprochen und eine Bebauung überhaupt erst stattfinden konnte. Um die Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Beratung auszuloten, wandte sich Dr. Berd Hoppe-Dominik von der Stadt Braunschweig an Prof. Otto Larink vom Zoologischen Institut der TU Braunschweig. Der erkannte sofort die Chance, die geplante Umsiedlung der Tiere im Rahmen von Diplom- und Doktorarbeiten wissenschaftlich zu begleiten. Gemeinsam mit dem Naturschutzexperten Dr. Gunnar Rehfeldt und seiner Firma LaReG wurden ab Mai 2002 zunächst die Baue kartiert, dann die Tiere eingefangen und markiert. Um die Ortung jederzeit zu ermöglichen, erhielten einige der bis zu 600 Gramm schweren Exemplare einen Sender.

    Das Naturschutzgesetz schreibt bei jedem neuen Baugebiet einen Ausgleich für die neu versiegelten Flächen oder den Verlust von Gehölzen vor, unabhängig davon, ob Hamster dort vorkommen oder nicht. Die Planung dieser obligatorischen Ausgleichsmaßnahmen wurde mit der Suche nach einem geeigneten Areal für die Nager verbunden. Nur 400 Meter Luftlinie entfernt wurden die Hamster schließlich ausgesetzt, auf einem speziell für sie bewirtschafteten Grundstück.

    Um nun aber zu untersuchen, wo genau sich die Hamster wirklich wohlfühlen und damit auch dort verbleiben, wurden auf insgesamt dreieinhalb Hektar 15 Streifen von drei bis 15 Metern Breite mit unterschiedlicher Bepflanzung angelegt: mit Weizen, Gerste, Hafer, Erbse, Ackerbohne, Luzerne und einer Kräutermischung. Die Bearbeitungsmethoden und Erntezeitpunkte wurden dabei auf die ökologischen Ansprüche der Nager abgestimmt. "Schon heute wissen wir, dass die Hamster ihre neue Umgebung sehr gut angenommen haben," erklärt die Biologin Claudia Kupfernagel, die ihre Doktorarbeit der Untersuchung der Population widmet. "In zwei Jahren können wir Aussagen darüber treffen, auf welchen Flächen sie sich optimal entwickeln." Und Prof. Larink ergänzt: "Dabei untersuchen wir, wie auf dem Versuchsacker auch andere Tier- und Pflanzenarten gefördert werden können. Insbesondere Rebhühner, Wachteln und die selten gewordene Feldlerche profitieren von den weitgehend vegetationsarmen Hamstersandinseln." Die Flora hat sich schon jetzt prächtig entwickelt: Während 15 Getreide- und Kräutersorten angepflanzt wurden, konnten die Forscher nach nur einem Jahr bereits 93 Gefäßpflanzenarten entdecken.

    Ziel ist, dass bei künftigen Umsiedlungsprojekten möglichst alle profitieren: die Tier- und Pflanzenwelt durch die neuen und für ihre Ansprüche optimierten Lebensräume, die privaten Investoren und "Häuslebauer" durch die damit erst ermöglichte Bebauung von Arealen und sogar die Landwirtschaft, die für ihre Ernteverluste und Mehraufwendungen eine Entschädigung erhält, wenn die Ausgleichsflächen mit Auflagen nachhaltig bewirtschaftet werden.

    Denn bewirtschaften muss man die neuen Hamster-Areale in jedem Fall. "Ein Hamster kommt mit einer Brache einfach nicht klar. Die Tiere haben sich im Laufe ihrer Entwicklung an die Landwirtschaft und das Leben auf den Getreidefeldern angepasst. Noch vor 25 Jahren galten Hamster als Schädlinge und Kinder konnten sich für jedes gefangene Tier eine Prämie abholen. Heutzutage werden aber die Stoppeln meist direkt nach der Ernte umgepflügt. Gülledüngung und Pestizideinträge haben ein Übriges getan. Die mittlerweile sehr seltenen Nager findet man - wenn überhaupt - nur noch in den äußersten Randbereichen der Felder, wo auch andere Nahrung erreichbar ist", meint Prof. Otto Larink. Zählte man zu jener Zeit etwa zehn Baue pro Hektar auf hamstergeeigneten Flächen, so sind es heute durchschnittlich nur noch 0,3 Baue. Inzwischen sind in Deutschland und Frankreich nur noch Restpopulationen zu finden. In den Niederlanden sind die Vorratsspezialisten ganz ausgestorben, und Naturschützer versuchen die Wiederansiedlung. Vielleicht kann das Wissen aus Braunschweig auch dort den Hamstern und ihrer natürlichen Umgebung im Einklang mit der Landwirtschaft zugute kommen.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Otto Larink,
    Zoologisches Institut
    der TU Braunschweig,
    Abteilung Bodenzoologie, Tel.: 0531/391-3238,
    o.larink@tu-braunschweig.de.

    Bildmaterial ist in höherer Aufllösung erhältlich in der Pressestelle der TU Braunschweig, e.hoffmann@tu-braunschweig.de, Tel.: 0531/391-4122.


    Weitere Informationen:

    http://www.tu-braunschweig.de/
    http://www.tu-braunschweig.de/zoology
    http://www.tu-braunschweig.de/presse


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Informationstechnik, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Vor der Umsiedlung werden die Hamster von Wissenschaftlern der TU Braunschweig gemessen, gewogen und markiert. Foto: C. Kupfernagel, TU Braunschweig.


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    Ein Feldhamster wird in seinem neuen Lebensraum in die Freiheit entlassen. Foto: C. Kupfernagel, TU Braunschweig.


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