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18.05.2017 10:58

Neu erschlossene Quellen zu Reformansätzen im DDR-Bauwesen

Jan Zwilling Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS)

    In einem Erschließungs- und Vermittlungsprojekt haben die Wissenschaftlichen Sammlungen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) eine Vielzahl von Dokumenten für die Forschung zugänglich gemacht, die Hinweise auf Reformansätze im DDR-Bauwesen geben. Die Quellen dokumentieren kritische Diskurse, inopportune Forschungen und nicht-gleichgeschaltete Planungen. Das holzschnittartige Bild der DDR als in jeder Hinsicht hierarchisches und zentralistisches System kann dadurch teilweise differenziert werden.

    Im Januar 1951 schrieb der Landschaftsarchitekt Reinhold Lingner einen Brief an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Darin zeigte sich Lingner verärgert über die Verschleppung eines von ihm geleiteten Projekts, in dessen Rahmen landschaftliche Schäden durch industrielle Abgase, Bergbau oder Wasserwirtschaft auf dem Gebiet der DDR kartiert werden sollten. Ziel dieser „Landschaftsdiagnose“ war, die erhobenen Daten für umfangreiche Schutzmaßnahmen zu nutzen. Lingner führte an, dass erheblicher politischer Widerstand das bereits zu 75 Prozent fertiggestellte Vorhaben torpedieren würde und dies sowohl eine Verschwendung des bereits eingesetzten Geldes sei als auch den Zielen des damals aufgelegten Fünfjahresplans zuwider liefe. Lingner konnte erreichen, dass die Arbeiten nach mehrmonatiger Unterbrechung mit Abstrichen abgeschlossen werden konnten. Die Publikation der politisch unliebsamen Erkenntnisse der Lingner-Gruppe wurde jedoch jahrelang verschleppt, das eigentliche Arbeitsmaterial durfte nur für den Dienstgebrauch genutzt werden und kam daher nur einzelnen Renaturierungsplanungen zu Gute.
    Der Brief Lingners an Grotewohl gehört zu einer Reihe von Archivalien mit Bezug zu Reformansätzen in der DDR, die im Rahmen eines Erschließungs- und Vermittlungsprojekts von den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS aufbereitet und zugänglich gemacht wurden. Das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanzierte und im April 2016 gestartete Projekt stellte eine Vielzahl von Quellen zusammen, die das holzschnittartige Bild der DDR als in jeder Hinsicht hierarchisches und zentralistisches System teilweise differenzieren können. Damit knüpfte das Projekt inhaltlich an jüngere Forschungen im Bereich der Planungsgeschichte an, die zeigen, dass die Verhältnisse auch hinsichtlich der politisch so wichtigen Berufsgruppe der Architekten und Planer vielschichtig waren und teilweise sogar prominente Fachleute in einem bestimmten Rahmen gegen den herrschenden Kurs im Bau- und Planungswesen opponierten. Vor allem in Beständen des Instituts für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR, die am IRS archiviert sind, fanden die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Quellen aus allen Phasen der DDR-Zeit, die gängige Perspektiven auf den sozialistischen Staat nicht revidieren, aber punktuell differenzieren und korrigieren.
    Um Forschungen zu diesem Thema anzustoßen und zu unterstützen, wurde in einer ersten Projektphase zunächst das infrage kommende Archivgut in den Wissenschaftlichen Sammlungen gesichtet und beschrieben. Dabei konnten die Archivarinnen und Archivare von der engen Verschränkung von Forschen und Sammeln in der Historischen Forschungsstelle des IRS profitieren und Potenzial und Aussagekraft einschlägiger Quellen mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diskutieren. So erwiesen sich insbesondere die Unterlagen des letzten ISA-Direktors Bernd Grönwald als reichhaltiger Bestand, der im Rahmen des Projekts in einem eigenen Findbuch erfasst wurde. Grönwald bemühte sich in den 1980er Jahren beispielsweise intensiv um Arbeitskontakte zu Fachleuten in der Bundesrepublik Deutschland und anderen nicht-sozialistischen Staaten. Zu den erschlossenen Quellen zählen unter anderem Briefe an den westdeutschen Architekten Frei Otto oder den Stadtplanungs-Professor Peter Marcuse von der Columbia University in New York.
    Die insgesamt acht Findbücher zu einzelnen Beständen sind gemeinsam mit einer Vielzahl kommentierter Quellen, auch aus verschiedenen Nachlässen, auf dem Onlineportal des IRS zur DDR-Planungsgeschichte www.ddr-planungsgeschichte.de veröffentlicht worden. Die frei zugänglichen Dokumente – neben Plänen und Briefen finden sich beispielsweise auch kritische Beiträge der DDR-Fachzeitschriften „Deutsche Architektur“ und „form+zweck“ – geben erste Hinweise auf jene kritischen Diskurse, inopportunen Forschungen und nicht-gleichgeschalteten Planungen, die weitere Untersuchungen zu Reformansätzen im DDR-Bauwesen befeuern dürften.


    Weitere Informationen:

    http://ddr-planungsgeschichte.de/reformansaetze/


    Anhang
    attachment icon Scan des Briefes von Reinhold Lingner an Otto Grotewohl vom 28. Januar 1951.

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Bauwesen / Architektur, Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


    Scan des Briefes von Reinhold Lingner an Otto Grotewohl vom 28. Januar 1951.


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