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19.05.2017 09:44

Die soziale Kluft an Berliner Schulen bleibt groß

Dr. Harald Wilkoszewski Informations- und Kommunikationsreferat
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

    WZB-Studie: Kaum Veränderung bei sozialer Zusammensetzung der Schülerschaft

    Berliner Schulen bleiben trotz weitreichender Reformen sozial gespalten. Das zeigt eine neue Studie von WZB-Forscher Marcel Helbig und Rita Nikolai (Humboldt-Universität) zur Entwicklung der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft. Die Bildungsforscher haben untersucht, wie sich seit 2010 der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung – ein Indikator für Einkommensarmut der Eltern – an den verschiedenen Schulformen verändert hat. Ihr Fazit: Das Einkommen der Eltern entscheidet immer noch darüber, an welchem Sekundarschultyp ein Kind lernt. So besuchen Schülerinnen und Schüler aus höheren sozialen Schichten eher ein Gymnasium. Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern verbleiben dagegen mehrheitlich an den Integrierten Sekundarschulen.

    Die Berliner Schulstrukturreform von 2010/11 sollte die Abhängigkeit des Schulbesuchs von der sozialen Herkunft der Kinder verringern. Dafür wurden Haupt-, Real- und Gesamtschulen abgeschafft und zu Integrierten Sekundarschulen (ISS) zusammengelegt. Dieses Ziel wurde nach Erkenntnissen der beiden Bildungsforscher verfehlt. So lag der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung an den Gymnasien im Schuljahr 2015/16 lediglich bei 17 Prozent, an allen integrierten Schulformen dagegen bei rund 42 Prozent. Ein soziales Gefälle besteht außerdem zwischen öffentlichen und privaten Schulen.

    Aber auch Sekundarschulen gleichen Typs unterscheiden sich in der sozialen Zusammensetzung ihrer Schülerschaft deutlich voneinander.

    Integrierte Sekundarschulen mit oder ohne eigene gymnasiale Oberstufe

    An den Integrierten Sekundarschulen entscheidet das Vorhandensein einer eigenen gymnasialen Oberstufe über den Anteil einkommensschwacher Schülerinnen und Schüler. So lernen an Schulen mit eigener gymnasialer Oberstufe deutlich weniger Kinder mit Lernmittelbefreiung. Ihr Anteil lag dort im Schuljahr 2015/16 bei 33 Prozent, an Schulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe dagegen bei 52 Prozent. Integrierte Sekundarschulen, die mindestens aus einer Hauptschule hervorgegangen sind, kamen auf einen Wert von 57 Prozent.

    Gymnasien: grundständig oder nicht

    Obwohl Gymnasien unter allen öffentlichen Schulen den geringsten Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung aufweisen (17 Prozent), variiert auch hier die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft. Grundständige Gymnasien werden seltener von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung gewählt (2015/16: 13 Prozent) als Gymnasien, die erst mit Klasse 7 beginnen (21 Prozent).

    Privat oder öffentlich

    Sozial spaltet sich das Berliner Schulsystem in ein privates und öffentliches System. An den öffentlichen Integrierten Sekundarschulen lernen viereinhalb- bis sechsmal so viele Schüler mit Lernmittelbefreiung wie an den privaten, an öffentlichen grundständigen Gymnasien achtmal so viele wie am privaten Pendant.

    Soziale Spaltung schon in der Grundschule

    Überraschend ist der Befund, dass schon an den Grundschulen sozial besser- und schlechtergestellte Kinder weitgehend unter sich bleiben. Die soziale Spaltung bewegt sich hier auf einem ähnlich hohen Niveau wie an den Sekundarschulen. Für die Studie haben die Forscher den sogenannten Segregationsindex berechnet. Dieser zeigt das Ausmaß der sozialen Spaltung. Für die Drittklässler in Berlin liegt er seit knapp einem Jahrzehnt fast unverändert bei 50. Konkret heißt das: Jeder zweite Drittklässler mit Lernmittelbefreiung müsste eine andere Grundschule besuchen, um diese Schüler auf alle Grundschulen der Stadt gleich zu verteilen. Diesen Befund führen die Forscher vor allem auf die Sozialstruktur der Stadt zurück.

    Die Studie untersucht erstmals die Auswirkungen der Schulstrukturveränderungen auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft. Die Forscher nutzten Daten der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zur Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit Lernmittelbefreiung an allen Berliner Schulen für die Schuljahre 2007/8 bis 2016/17. Die Lernmittelbefreiung gilt als Indikator für Einkommensarmut. Sie ist bisher die einzige Datenquelle, mit deren Hilfe die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft für einzelne Schulen abgebildet werden kann.

    Die Studie ist als WZB Discussion Paper erschienen.
    Marcel Helbig, Rita Nikolai: Alter Wolf im neuen Schafspelz? Die Persistenz sozialer Ungleichheiten im Berliner Schulsystem, WZB Discussion Paper P 2017-001, 36 Seiten.

    Marcel Helbig ist Professor für Bildung und soziale Ungleichheit am WZB und an der Universität Erfurt.

    Rita Nikolai ist Heisenberg Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

    Pressekontakt

    Prof. Dr. Marcel Helbig
    Telefon: 030/25491-525
    marcel.helbig@wzb.eu

    Dr. Rita Nikolai
    Telefon: 030/2093-4048
    rita.nikolai@hu-berlin.de

    Claudia Roth
    WZB-Pressestelle
    Tel.: 030/25491-510
    claudia.roth@wzb.eu


    Weitere Informationen:

    http://dsspace.wzb.eu/helbig_dp_apr17_vis/helbig_dp_vis_2.html?headline Anteil der lernmittelbefreiten Schüler an Berlins Sekundarschulen
    http://dsspace.wzb.eu/helbig_dp_apr17_vis/helbig_dp_vis_1.html?headline Entwicklung der sozialen Segregation an Berlins Schulen
    https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2017/p17-001.pdf WZB Discussion Paper


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung
    überregional
    Forschungsergebnisse, Schule und Wissenschaft
    Deutsch


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