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14.08.2017 21:00

Oxytocin und Normen schwächen Fremdenfeindlichkeit

Dr. Andreas Archut Dezernat 8 - Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

    Wie lässt sich Fremdenfeindlichkeit schwächen und Altruismus stärken? Wissenschaftler des Bonner Universitätsklinikums zeigen in einer Studie, dass das Bindungshormon Oxytocin zusammen mit sozialen Normen die Spendenbereitschaft bei tendenziell skeptisch gegenüber Migranten eingestellten Menschen deutlich erhöht. Die Forscher stellen die Ergebnisse nun in den „Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) vor.

    Die eigene Familie und Freunde stehen einem meist näher als wildfremde Menschen. Auch während der Flüchtlingskrise zeigte sich, dass bei Weitem nicht alle dazu neigen, Migranten zu unterstützen. „Das ist zum Teil auch evolutionär bedingt: Nur durch Zusammenhalt und Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe war es in vorzivilisatorischen Zeiten möglich, den Nachwuchs großzuziehen und im Wettstreit um die knappen Ressourcen mit fremden und rivalisierenden Gruppen zu überleben“, erklärt Prof. Rene Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Dem stünde allerdings das Gleichnis vom barmherzigen Samariter diametral entgegen. Der Samariter hilft einem Fremden unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile und gilt als ein Beispiel für selbstlose Nächstenliebe. „Aus neurobiologischer Sicht sind die Grundlagen von Fremdenfeindlichkeit und Altruismus noch nicht genau verstanden“, sagt Hurlemann.

    Unter der Leitung des Psychiaters testete ein Team von Wissenschaftlern der Universität Bonn, des Laureate Institute for Brain Research in Tulsa (USA) und der Universität Lübeck insgesamt 183 Probanden. Dabei handelte es sich durchweg um Studierende aus Deutschland. Im Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung (BonnEconLab) der Universität Bonn absolvierten sie eine Spendenaufgabe am Computer. Darin wurden die konkreten Spendenanliegen - zum Beispiel Kleidung - von 50 hilfsbedürftigen Menschen vorgestellt, von denen 25 aus Deutschland kamen; 25 weitere waren Flüchtlinge.

    Mit einem Startguthaben von 50 Euro konnten die Versuchsteilnehmer für jeden Fall gesondert entscheiden, ob sie eine Summe zwischen null und einem Euro spenden wollten. Was nicht gespendet wurde, durften die Testpersonen behalten. „Uns überraschte, dass die Teilnehmer des ersten Experiments rund 20 Prozent mehr für Flüchtlinge spendeten als für einheimische Bedürftige“, sagt Nina Marsh aus dem Team von Prof. Hurlemann.

    Fragebogen zur Einstellung gegenüber Migranten

    Bei einem Durchgang mit über 100 Probanden wurde zunächst mit einem Fragebogen die persönliche Einstellung gegenüber Flüchtlingen abgefragt. Dann erhielt die eine Hälfte das Bindungshormon Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht, die andere Hälfte bekam lediglich ein Scheinmedikament und diente als Vergleichsgruppe. Wiederum konnte mit einem Startguthaben von 50 Euro entschieden werden, wie viel davon an Einheimische oder Flüchtlinge gespendet werden sollte.

    Unter dem Einfluss des Bindungshormons verdoppelten sich die Spenden für Flüchtlinge ebenso wie für Einheimische bei denjenigen Versuchsteilnehmern, die eine tendenziell positive Einstellung gegenüber Flüchtlingen zeigten. Gaben die Testpersonen dagegen eine eher abwehrende Haltung Migranten gegenüber an, hatte Oxytocin keinerlei Wirkung: Die Spendenneigung fiel gegenüber allen Bedürftigen sehr gering aus. „Offensichtlich verstärkt Oxytocin die Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen; fehlt diese altruistische Grundhaltung, vermag die Gabe des Hormons sie nicht von allein zu erzeugen“, sagt Hurlemann.

    Oxytocin und Normen zeigen Wirkung

    Wie lassen sich Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung zu mehr Altruismus motivieren? Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass die Vorgabe sozialer Normen ein Ansatzpunkt sein könnte. Deshalb präsentierten sie den Probanden in einem dritten Durchgang zu jedem Fallbeispiel das durchschnittliche Spendenergebnis ihrer Vorgänger im ersten Experiment. Wieder wurde der Hälfte der Probanden Oxytocin verabreicht. Das Ergebnis war erstaunlich. „Jetzt spendeten auch Personen mit einer an sich negativen Grundeinstellung bis zu 74 Prozent mehr für Flüchtlinge als in der vorangegangenen Runde. Die Spenden für Einheimische nahmen hingegen nicht zu“, berichtet Nina Marsh. Durch die kombinierte Darreichung von Hormon und sozialer Norm reichte das Spendenaufkommen der Fremdenskeptiker bis auf nahezu 50 Prozent an das der altruistischen Gruppe heran.

    Welche Schlüsse kann man aus diesem Ergebnis ziehen? „Skepsis gegenüber Migranten könnte mit sozialen Normen begegnet werden“, meint Hurlemann. Wenn etwa vertraute Menschen wie Vorgesetzte, Nachbarn oder Freunde mit gutem Vorbild vorangingen, ihre positive Einstellung für Flüchtlinge öffentlich machten und an den Altruismus appellierten, würden sich wahrscheinlich auch mehr Personen aus der tendenziell fremdenfeindlichen Gruppe durch diese soziale Richtschnur motiviert fühlen mitzuhelfen. Das Bindungshormon Oxytocin könnte dabei Vertrauen stärken und Ängste abmildern - bei gemeinsamen Aktivitäten steigt erfahrungsgemäß der Oxytocin-Spiegel im Blut. „Das wäre eine ideale Situation, um die Akzeptanz und Integration von Zugewanderten zu fördern, die auf unsere Hilfe angewiesen sind“, sagt Hurlemann.

    Publikation: Nina Marsh, Dirk Scheele, Justin Feinstein, Holger Gerhardt, Sabrina Strang, Wolfgang Maier, Rene Hurlemann: Oxytocin-enforced norm compliance reduces xenophobic outgroup rejection, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), DOI: 10.1073/pnas.170585311.

    Kontakt:

    Prof. Dr. Dr. Rene Hurlemann
    Stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
    Direktor der Abteilung für Medizinische Psychologie
    Universitätsklinikum Bonn
    Tel. 0228/28719123
    E-Mail: r.hurlemann@gmail.com


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Die Arbeitsgruppe Hurlemann (v.l.n.r.): Prof. Dr. René Hurlemann, Dr. Holger Gerhardt, Nina Marsh und Dr. Dirk Scheele.


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