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10.10.2017 11:06

Lyssenkoismus in Russland: Ein Zombie kehrt zurück

Stephan Laudien Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Biologiedidaktiker der Universität Jena veröffentlichen mit Partnern Forschungsergebnisse über die Rückkehr des Lyssenkoismus in Russland in Fachzeitschrift „Current Biology“

    „Wir beobachten in Russland gegenwärtig in den Biowissenschaften eine unheilvolle Verbindung von Politik und Wissenschaft“, sagt Prof. Dr. Uwe Hoßfeld von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Biologiedidaktiker und -historiker bezieht sich auf die Renaissance einer scheinwissenschaftlichen Ideologie in Russland: die Rückkehr des Lyssenkoismus. Gemeinsam mit Edouard I. Kolchinsky von der Russischen Akademie der Wissenschaften, dem Kasseler Pflanzenphysiologen Ulrich Kutschera und seinem Potsdamer Kollegen Georgy S. Levit hat Uwe Hoßfeld jetzt in einem renommierten Fachmagazin einen Aufsatz unter dem Titel „Russia’s new Lysenkoism“ veröffentlicht. Die Autoren gehen darin auf aktuelle Publikationen ein, analysieren deren Fehler und verknüpfen das Ganze mit einem historischen Rückblick.

    Erkenntnisse zur Genetik ignoriert

    Ideengeber des nach ihm benannten Lyssenkoismus war der sowjetische Agrarwissenschaftler Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976), dessen Stern unter Josef Stalin aufging. Lyssenko behauptete, die Eigenschaften von Pflanzen würden durch die Umweltbedingungen bestimmt werden. Er ignorierte die Erkenntnisse zur Genetik und fälschte nachweislich Forschungsergebnisse. „Der Lyssenkoismus forderte zahlreiche Todesopfer in der Stalinzeit“, sagt Uwe Hoßfeld. Darunter sei der renommierte Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilow gewesen, der 1943 im Gefängnis in Saratow verhungerte. Außerdem sei es im Zuge des Lyssenkoismus trotz staatlicher Propaganda zu Missernten und Hungersnöten gekommen. Erst nach Chruschtschow verlor Lyssenko seine leitende Position und seinen Einfluss.

    Es war eine Besonderheit der historischen Entwicklung in der DDR, dass die Ideen des Lyssenkoismus – anders als beispielsweise in der UdSSR – nicht sehr tiefgreifend und folgenschwer verbreitet gewesen sind. Und dies, obwohl zahlreiche DDR-Schullehrbücher zwischen 1950 und 1955 dieses Gedankengut beinhalteten und es an den biologischen Fachrichtungen der Universitäten zu jener Zeit praktisch unmöglich war, genetische Vorlesungen abzuhalten. Lyssenko konnte trotz allen politischen Nachdrucks unter den Biologen der DDR nie richtig Fuß fassen. Eine Ausnahme ist aber für die Universität Jena zu konstatieren, wo der aus sowjetischer Emigration zurückgekehrte Marxist und Lyssenko-Anhänger Georg Schneider als Professor tätig war und Lyssenkos Thesen experimentell beweisen wollte. Seine Laboruntersuchungen an Schwanzlurchen wurden mit der Methode der Pfropfungen durchgeführt. Dazu übertrug man ganze Organe oder Organteile auf ein anderes Tier derselben oder einer anderen Art. Im Falle Schneiders wurde diese Übertragung auf schwarze und weiße Axolotl (Ambystoma mexicanum) versucht. Er erhoffte sich davon u. a. die „Übertragung“ der genetisch positiven Eigenschaften – was natürlich fehlschlug.

    Georgy S. Levit konstatiert, dass nicht nur der historische Lyssenkoismus gegenwärtig eine Renaissance erlebt: „Selbst renommierte Wissenschaftler im Westen ziehen heute eine Linie vom Lamarckismus über Lyssenko bis zur Epigenetik, dabei ist das grundlegend falsch!“ Es werde behauptet, dass Epigenetik und Lamarckismus eine biologiehistorische Tradition darstellen. „Aber der Lyssenkoismus ist eine politisch motivierte Form des Neo-Lamarckismus.“ Als Lamarckismus wird die Idee des französischen Gelehrten Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) bezeichnet, dass Organismen die im Laufe ihres Lebens erworbenen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben.

    Beispiel für die Verharmlosung des Stalinismus

    Georgy S. Levit sagt, in politischer Hinsicht reihe sich die Wiederkehr des Lyssenkoismus ein in die Tendenz, die Verbrechen Stalins zu relativieren und den Stalinismus zu verharmlosen. Unverständlich bleibe indes, weshalb Wissenschaftler im Westen diese Thesen teilen und sie sogar Eingang in wissenschaftliche Publikationen finden. Prof. Hoßfeld sagt dazu, es genüge nicht, sich auf andere wissenschaftliche Veröffentlichungen zu berufen: „Hier ist feines wissenschaftliches Arbeiten notwendig, das heißt, man muss die Originaltexte lesen.“ Die Ergebnisse dieser Lektüre haben Levit, Hoßfeld, Kolchinsky und Kutschera in ihrem Beitrag für „Current Biology“ dargelegt.

    Original-Publikation:
    Edouard I. Kolchinsky, Ulrich Kutschera, Uwe Hossfeld, and Georgy S. Levit: Russia’s new Lysenkoism, Current Biology, Volume 27, Issue 19, R1042-R1047

    Kontakt:
    apl. Prof. Dr. Uwe Hoßfeld
    Arbeitsgruppe Biologiedidaktik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Am Steiger 3 (Bienenhaus), 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 949491
    E-Mail: uwe.hossfeld[at]uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    https://cms.rz.uni-jena.de/Forschungsmeldungen/FM171010_Lyssenkoismus.html


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Biologie, Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Laboruntersuchungen an Schwanzlurchen wurden mit der Methode der Pfropfungen durchgeführt, im Falle Schneiders, der der Idee des Lyssenkoismus anhing, auf schwarze und weiße Axolotl.


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    Sowjetisches Poster aus dem Jahr 1947, das mit dem Slogan „Gut Arbeiten – Brot wird gedeihen“ die Arbeit der Bauern würdigt; 1947 war die Zeit der Nachkriegshungersnot.


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