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23.10.2017 11:03

„Wirkungen der Reformation auf die moderne Welt kaum nachweisbar“

Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

    Historiker Matthias Pohlig warnt in der Debatte um die Verknüpfung von Reformation und Moderne vor gedanklichen Kurzschlüssen – Studie, wie die Geschichte ohne Reformation verlaufen wäre, zeigt: Enge Verbindung „hochgradig problematisch“

    In der Debatte um Auswirkungen der Reformation vor 500 Jahren auf die Zeit der Moderne warnt der Frühneuzeithistoriker Prof. Dr. Matthias Pohlig vor gedanklichen Kurzschlüssen. Spätere Errungenschaften wie der moderne Staat, die Religionsfreiheit, der Kapitalismus oder gar die Säkularisierung ließen sich nicht als direkte Effekte der Reformation nachweisen, schreibt der Reformationshistoriker vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster im Beitrag „Eine Neuzeit ohne Reformation?“ in einem neuen Buch über kontrafaktische Geschichte mit dem Untertitel „Was wäre gewesen, wenn…“. „Die gerade im Jubiläumsjahr 2017 gängige Verknüpfung der Reformation mit guten wie schlechten Phänomenen der Moderne erweist sich bei näherem Hinsehen als hochgradig problematisch“, so Pohlig. Je weiter Ereignisse und Phänomene von der Reformation weg lägen, umso weniger lasse sich wissenschaftlich ein direkter Zusammenhang herstellen.

    Der Autor untersucht in dem Beitrag für viele kurz- und langfristige Phänomene im Detail, wie die deutsche Geschichte und die Weltgeschichte ohne die Reformation des 16. Jahrhunderts verlaufen wären. „Was es vielleicht tatsächlich ohne die Reformation so nicht gegeben hätte, waren die Anfänge einer Trennung von Politik und Religion im Reich“, führt Pohlig aus. Die beiden Religionsfrieden von 1555 und 1648, der Augsburger und der Westfälische Frieden, hätten den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten damit gelöst, religiöse Wahrheitsansprüche politisch auszuklammern und den Untertanen minimale Glaubensrechte einzuräumen. „Ob dies Deutschland auf den Weg zu Toleranz, Säkularisierung und modernem Verfassungsstaat brachte, darf man kritisch diskutieren – und linear ist dieser Weg sicher nicht gewesen.“ Auch die Aufklärung, den Kapitalismus und das moderne Individuum hätten Luther und die Reformatoren nicht angestrebt. Vieles, was heute mit dem Protestantismus assoziiert werde, „widerspricht ziemlich deutlich dem, wofür die Reformation historisch steht.“ Vertreter aus Politik und Kirche hatten die Reformation im Jubiläumsjahr als Teil der europäischen Freiheitsgeschichte und Urheberin vieler moderner Errungenschaften beschrieben.

    „Nur kurzfristige Effekte nachzuweisen“

    Kurzfristige Wirkungen der Reformation lassen sich Matthias Pohlig zufolge jedoch nachweisen: Ereignisse des 16. Jahrhunderts wie die Kirchenspaltung, der Bauernkrieg und die Entstehung einer komplizierten religiösen Friedensordnung im Heiligen Römischen Reich seien „tatsächlich undenkbar ohne die Reformation“. Der Historiker führt diese Zusammenhänge im Beitrag detailliert vor. Er schreibt: „Auch kulturell hätte das Ausbleiben der Reformation einiges verändert: Luthers Bibelübersetzung darf als Grundtext einer deutschen Hoch- und Literatursprache gelten. Ohne die Lutherbibel wäre die Sprach- und Literaturgeschichte des 16. Jahrhunderts und der nachfolgenden vermutlich anders verlaufen.“ Zudem wäre der Buchdruck ohne Reformation nicht so schnell zum Massenmedium geworden. „Für spätere Entwicklungen ist es allerdings höchst fraglich, ob und wie sie mit der Reformation in Verbindung stehen.“

    Kontrafaktische Geschichtsuntersuchungen

    Der Autor reflektiert in seinem Beitrag einerseits, wie die deutsche Geschichte ohne Reformation verlaufen wäre, andererseits erörtert er Grundsatzfragen dieser „kontrafaktischen Methode“, bei der Historiker „Was wäre wenn gewesen…“ fragen. Die Methode erweise sich zwar als guter Einstieg, um über Konsequenzen der Reformation nachzudenken und etablierte Ursache-Wirkung-Muster zu entlarven, so Pohlig. Dann aber bleibe sie in ihrer Aussagekraft begrenzt. „Die Methode isoliert einen kausalen Faktor – hier die Reformation – und behauptet dann kurz- und langfristige Wirkungen. Doch gerade viel spätere Entwicklungen könnten auch auf andere Faktoren zurückgehen. Eine kontrafaktische Engführung verführt also zu Spekulationen.“ Darauf aber fußten viele Einschätzungen, die im Jubiläumsjahr 2017 über die Reformation öffentlich geäußert würden. (vvm)

    Hinweis:
    Pohlig, Matthias: Eine Neuzeit ohne Reformation?, in: Nonn, Christoph/ Winnerling, Tobias (Hgg.): Eine andere deutsche Geschichte (1517-2017). Was wäre wenn…, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017, 20-36.

    Hinweis:
    Ausschnitt des Beitrags unter https://www.schoeningh.de/uploads/tx_mbooks/9783506787880_leseprobe.pdf


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2017/okt/PM_Wirkungen_...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Politik, Religion
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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