idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
1000. idw-Mitglied!
1000 Mitglieder
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
02.11.2017 17:00

UZH-Anthropologen beschreiben dritte Orang-Utan-Art

Nathalie Huber Kommunikation
Universität Zürich

    Bis heute gelten der Borneo- und Sumatra-Orang-Utan als zwei getrennte Arten. Nun beschreiben UZH-Forschende mit einem internationalen Team eine neue Menschenaffenart, den Tapanuli-Orang-Utan. Er ist der am stärksten bedrohte Menschenaffe, nur noch rund 800 Tiere leben in den Hochlandwäldern im Norden Sumatras.

    Zwei indonesische Orang-Utan-Arten sind bis anhin beschrieben und offiziell anerkannt. Eine Art lebt auf der Insel Sumatra, sogenannt Pongo abelii. Die andere ist auf Borneo beheimatet, Pongo pygmeaeus. 1997 entdeckten Forscher der Australian National University bei Feldstudien eine Orang-Utan-Population. Diese lebt isoliert in der Region Batang Toru innerhalb der drei Tapanuli-Distrikte auf Nordsumatra. Nun belegen UZH-Anthropologen gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam, dass es sich hierbei um eine dritte Orang-Utan-Art handelt: Pongo tapanuliensis. Die UZH-Forschenden weisen mit ihrer neuen Studie die umfangreichste je durchgeführte genetische Analyse an wildlebenden Orang-Utans vor.


    Einzigartige Zähne und Schädelform

    Erste Hinweise für die Einzigartigkeit der Tapanuli-Popluation lieferte das Skelettmaterial eines im Jahr 2013 getöteten männlichen Orang-Utans. Im Vergleich mit vielen anderen Schädeln sind beim Tapanuli-Orang-Utan gewisse Merkmale der Zähne und des Schädels einzigartig. «Wir waren völlig überrascht, dass der Schädel in einigen Merkmalen anders ist, als alles, was wir zuvor gesehen hatten», erklärt Matt Nowak, der die morphologischen Merkmale im Rahmen seiner Dokorarbeit erforscht hat und heute für das Sumatra-Organ-Utan-Schutzprogramm (SOCP) arbeitet.


    Drei evolutionäre Abstammungslinien identifiziert

    «Als wir feststellten, dass sich die Tapanuli-Population morphologisch von allen anderen Orang-Utans unterscheiden, passten unsere Puzzleteile zusammen», ergänzt Michael Krützen, Professor für Evolutionäre Anthropologie und Genomik an der UZH. Das Team um Krützen erforscht seit längerem die genetische Abstammung aller lebenden Orang-Utan-Populationen. Frühere Studienergebnisse sowie die aktuelle Genomsequenzierung von 37 Orang-Utans lieferten ein übereinstimmendes Bild mit den morphologischen Details: «Wir identifizierten drei sehr alte evolutionäre Abstammungslinien unter allen Orang-Utans, obwohl derzeit nur zwei Arten beschrieben sind», erklärt die frühere UZH-Doktorandin Maja Mattle-Greminger.


    Direkte Nachkommen der ersten Orang-Utan-Population

    Anhand von umfangreichen Computermodellierungen zur Rekonstruktion der Populationsgeschichte verifizierten die UZH-Forschenden ihre neue Erkenntnis. Ihre Berechnungen zeigen, dass die Tapanuli-Population für mindestens 10’000 bis 20'000 Jahre von allen anderen auf Sumatra lebenden Orang-Utans isoliert gewesen war. Alexander Nater, ehemaliger UZH-Doktorand, erläutert: «Die älteste evolutionäre Linie in der Gattung Pongo findet sich tatsächlich bei den Tapanuli-Orang-Utans. Sie sind daher wahrscheinlich die direkten Nachkommen der ersten Population im Sunda Archipel.» Verhaltensbeobachtungen sowie ökologische Studien belegen diese genetischen und morphologischen Analysen.


    Artenschutz steht im Vordergrund

    «Es ist wirklich sehr spannend und aufregend, eine neue Menschenaffenart im 21. Jahrhundert zu identifizieren», sagt Hauptautor Michael Krützen. Jetzt gehe es aber vorderhand darum, den Tapanuli-Orang-Utan zu schützen. «Jegliche Bemühungen zur Erhaltung der Art müssen sich primär auf den Schutz ihres Lebensraums richten», unterstreicht Krützen. Immer mehr Regenwaldgebiete gehen zugunsten der Landwirtschaft verloren. Unberührte Wälder im Batang-Toru-Ökosystem fallen etwa Palmölplantagen zum Opfer. Geplant ist auch der Bau eines hydroelektrischen Damms, der den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans weiter beschneiden wird.


    Nur noch rund 800 Exemplare zählt die Tapanuli-Population, wie eine kürzlich durchgeführte, unabhängige Studie von indonesischen und internationalen Wissenschaftlern bilanziert. Der Tapanuli-Orang-Utan gilt somit als die am meisten bedrohte Menschenaffenart überhaupt. «Wenn nicht früh genug Massnahmen eingeleitet werden, um gegenwärtige und zukünftige Bedrohungen zu reduzieren, und um jedes noch verbleibende Waldstück zu bewahren, stirbt eine Menschenaffenart bereits in wenigen Jahrzehnten aus», warnt Matt Nowak, der sich als Forschungsleiter des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms für die Tapanuli-Orang-Utan einsetzt.


    Literatur:

    Alexander Nater et al. Morphometric, behavioral, and genomic evidence for a new orangutan species. Current Biology. November 2, 2017. DOI:10.1016/j.cub.2017.09.047

    Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm (SOCP)

    Das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm (SOCP) wurde 1999 von der Schweizer Stiftung PanEco gegründet. Im Jahr 2005 verstärkten das SOCP die Erforschung der Orang-Utans im Batang-Toru-Ökosystem – gemeinsam mit mehreren Universitäten und indonesischen Behörden. Im Rahmen dieser Bemühungen wurde 2006 eine Forschungsstation von SOCP ins Leben gerufen, die einen detaillierteren Blick auf die Verhaltensökologie und Genetik des Tapanuli-Orang-Utans ermöglicht.


    https://sumatranorangutan.org/

    http://www.batangtoru.org/

    https://paneco.ch/

    Hauptkontakt

    Prof. Dr. Michael Krützen

    Anthropologisches Institut und Museum

    Universität Zürich

    Tel. +41 44 635 54 12 / +41 79 308 76 09

    E-Mail: michael.kruetzen@aim.uzh.ch



    Fragen zur Genetik/Genomik

    Dr. Maja Mattle-Greminger

    Anthropologisches Institut und Museum

    Universität Zürich

    Tel. +41 76 365 19 27

    E-Mail: maja.greminger@uzh.ch



    Dr. Alexander Nater

    Fakultät Biologie

    Universität Konstanz

    Tel. +49 7531 88 4066

    E-Mail: alexander.nater@uni-konstanz.de



    Fragen zur Taxonomie/Morphologie/Arterhaltung

    Dr. Matt Nowak

    Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm SOCP

    Department of Anthropology

    Southern Illinois University

    E-Mail: nowak.mg@gmail.com



    Media Relations

    Universität Zürich

    Tel. +41 44 634 44 67

    E-Mail: mediarelations@kommunikation.uzh.ch


    Weitere Informationen:

    http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen.html
    http://Video ab 31.10. auf Anfrage vorhanden


    Anhang
    attachment icon Genomanalyse

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Tier- / Agrar- / Forstwissenschaften, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Verteilung der drei Orang-Utan-Arten


    Zum Download

    x

    Tapanuli-Orang-Utan


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).