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19.12.2017 16:33

Die Bedeutung vergangener Ökosysteme als Maß für die Gesundheit unseres Planeten

Monika Vettori Pressebüro und Kommunikationsabteilung
MUSE Museo delle Scienze

    Ein neues internationales Projekt, koordiniert vom MUSE - Museum für Wissenschaft in Trient und vom Naturmuseum Südtirol in Bozen und auf Norditalien bezogen, zeigt, wie wichtig Ökosysteme aus der Zeit vor 260 Millionen Jahren sind, um die heutige Welt zu verstehen.

    Geleitet wurde das internationale Projekt vom italienischen Paläontologen des MUSE, Massimo Bernardi, beteiligt waren das Field Museum of Natural History in Chicago, das Smithsonian Museum of Natural History in Washington DC, und die Universitäten von Göttingen in Deutschland und von Utrecht in Holland. Die Ergebnisse sind in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift "Earth-Science Reviews" nachzulesen.
    Das Projekt dokumentiert, wie in den Ökosystemen rund um den Äquator in der Zeit des späten Perms erstaunlich viele Arten lebten, obwohl sie sich von den heutigen Regenwäldern stark unterscheiden, darunter auch die zwei archaischen Gruppen die anderswo bereits ausgestorbenen waren sowie ganz neue Formen, die für die Ökosysteme rund um den Äquator noch heute typisch sind. Wenige Millionen Jahre später wurden diese Ökosysteme im Zuge des größten Massensterbens der Erdgeschichte zwischen Perm und Trias erheblich dezimiert.
    Dieses Ereignis – eine Zeit starken Klimawandels und des Aussterbens sehr vieler Arten – gleicht dem heutigen, menschbedingtem Klimawandel und dem Aussterben von Arten. Die Nutzung von paläontologischen Daten zum besseren Verständnis der Krise der modernen Artenvielfalt ist Teil eines neuen Bereichs der Konservationspaläontologie.

    Vor etwa 260 Millionen Jahren lebten auf unserem Planeten bereits bizarre Tiere, wie die Vorfahren der Dinosaurier und der Säugetiere, Krokodil-große Amphibien und viele heute ausgestorbene Arten. Neue Studien eines internationalen Teams von Paläontologen und Geologen zeigen, dass das Gebiet rund um den Äquator im Perm eine einzigartige Gegend war: Zum Großteil bedeckt von einer offensichtlich lebensfeindlichen Wüste, beherbergte es aber eine große Artenvielfalt insbesondere Reptilien und Pflanzen.
    In einem kürzlich erschienenen Artikel der Zeitschrift "Earth-Science Reviews" wird der Vergleich beschrieben, den ein vom Europäischen Wissenschaftsfonds unterstütztes Forschungsteam um den Paläontologen Massimo Bernardi des MUSE zwischen verschiedenen Fossilfundstellen zieht; dabei stieß das Team auf unerwartete Parallelen zwischen den vergangenen Ökosystemen rund um den Äquator und den heutigen.
    „Die Tropen sind Quelle der Artenvielfalt, in der Zeit des Perm genauso wie heute“, sagt Massimo Bernardi. „Mit diesem Projekt haben wir die Bedeutung des Gebietes am Äquator als Ort der schnellen Entwicklung, als Wiege der Biodiversität und als Museen der Artenvielfalt nachgewiesen und gezeigt, wie hier Arten, die anderswo aussterben, durchaus leben können", fügt Kenneth D. Angielczyk, Paläontologe des Field Museum und Seniorautor der Zeitschrift, hinzu.

    Obwohl nachgewiesen ist, dass die heutigen, warmen und feuchten Regenwälder Unterschlupf für eine erstaunlich große Artenvielfalt gewähren, taten dies die trockenen Wüsten des Perm ebenso. "Dieses Projekt beweist”, ergänzt Co-Autor Fabio Massimo Petti, “dass das äquatoriale Band schon in der Urgeschichte eine Schlüsselrolle für die Artenvielfalt der Erde spielte und dies, obwohl diese Gegend in der Vergangenheit von unterschiedlichsten Klima- und Umweltbedingungen charakterisiert war.”

    Die Grundlage dieses Projekts entstand im Zuge von Forschungsarbeiten am Bletterbach in den norditalienischen Dolomiten, die sich zur Zeit des Perms in der Nähe des Äquators befand. Evelyn Kustatscher vom Naturmuseum Südtirol erklärt: “Der Bletterbach ist ein einzigartiger Ort, der im späten Perm an einer geografischen Schlüsselposition lag. Die hier gefundenen Fossilien zeigen eine höhere Diversität an Arten als irgendwo anders auf der Welt.“

    Den Aussagen der Autoren zufolge ist es unentbehrlich, in die Vergangenheit und auf die fossilen Dokumente zu schauen, um das „normale“ Funktionieren der heutigen Ökosysteme ohne den Einfluss des Menschen zu verstehen. Die andauernd vom Menschen verursachten klimatischen Veränderungen und die Zerstörung von Ökosystemen sowie deren Auswirkungen auf die Ökosysteme der Welt zeigen immer größere Ähnlichkeiten auf mit den Ereignissen, die zum Perm-Trias-Massenaussterben vor 252 Millionen Jahren geführt hatten. Forschungsprojekte wie dieses tragen dazu bei, den Gesundheitszustand unseres Planeten zu messen.

    Die Studie ist Teil des Forschungsprojekts "The end-Permian mass extinction in the Southern and Eastern Alps", das vom Naturmuseum Südtirol, Bozen (Italien), dem MUSE – Museum für Wissenschaft, Trient (Italien) und dem Institut für Geographie der Universität Innsbruck (Österreich) entwickelt wurde.

    Der wissenschaftliche Beitrag ist dank der Unterstützung für wissenschaftliche Veröffentlichungen der Abteilung für Innovation und Forschung der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol (Italien) öffentlich zugänglich:
    Massimo Bernardi, Fabio Massimo Petti, Evelyn Kustatscher, Matthias Franz, Christoph Hartkopf-Fröder, Conrad C. Labandeira, Torsten Wappler, Johanna H.A. van Konijnenburg-van Cittert, Brandon R. Peecook, Kenneth D. Angielczyk. Late Permian (Lopingian) terrestrial ecosystems: A global comparison with new data from the low-latitude Bletterbach Biota. Earth-Science Reviews, 2017; 175: 18 DOI: 10.1016/j.earscirev.2017.10.002

    Kontakt für Forschende:
    Massimo Bernardi
    Museum für Wissenschaft MUSE, Italien
    massimo.bernardi@muse.it


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Geowissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Das Forscherteam an der paläontologischen Stätte des Bletterbachs, Dolomiten, Norditalien.


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    Eine Rekonstruktion des saftigen äquatorialen Ökosystems im späten Perm, vor rund 260 Millionen Jahren.


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