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08.02.2018 10:50

Deutsche Wildkatzen bleiben unter sich - Geringe Hybridisierungsrate bei deutschen Wildkatzen

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Frankfurt/Gelnhausen, 08.02.2018. Senckenberg-Forschende habe in einer groß angelegten Studie gezeigt, dass sich Wildkatzen in Deutschland nur sehr selten mit Hauskatzen paaren. Das Wissenschaftlerteam untersuchte über 1000 „genetische Fingerabdrücke“ der Katzen und zeigt in der kürzlich im Fachjournal „Ecology and Evolution“ erschienenen Studie, dass nur etwa drei Prozent der untersuchten Wildkatzen deutliche Spuren von Hauskatzen-DNA im Erbgut tragen.

    Wildkatzen sind aufgrund ihrer scheuen Lebensweise nur sehr schwer zu beobachten und nicht einfach von getigerten Hauskatzen zu unterscheiden. „In Deutschland kommen rein rechnerisch auf eine Wildkatze mehr als tausend Hauskatzen. Man sollte demnach davon ausgehen, dass Wild- und Hauskatze häufig aufeinandertreffen und sich auch paaren“, erklärt Annika Tiesmeyer, Doktorandin am Senckenberg Forschungsinstitut und an der Goethe-Universität Frankfurt.

    Verpaaren sich Haus- und Wildkatze, entstehen sogenannte „Blendlinge“ oder „Hybride“, die weiter fortpflanzungsfähig sind. „Im Laufe der Zeit könnten im schlimmsten Fall die heimischen Wildkatzen durch eine andauernde Vermischung mit Hauskatzen sogar gänzlich aussterben“, fügt Tiesmeyer hinzu.
    Genau dies ist in einigen Europäischen Regionen bereits weit fortgeschritten: In Schottland etwa gibt es wahrscheinlich keine echten Wildkatzen mehr, die Population besteht vollständig aus Mischlingen aus Haus- und Wildkatze. Auch in der Schweiz und Frankreich wurde in 12 Prozent der untersuchten Proben Merkmale von Haus- und Wildkatzen im Erbgut gefunden, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt.

    Umso überraschender ist das Ergebnis der Senckenberger Wildtiergenetiker: „Wir haben 1071 Wildkatzen-Proben aus ganz Deutschland untersucht, die uns von Kooperationspartnerinnen und -partnern, wie etwa dem BUND, eingeschickt wurden. Nur bei 37 der untersuchten Tiere wurde ein Hybridisierungsereignis festgestellt. Wir haben damit in Deutschland eine der geringsten Hybridisierungsraten in Europa“, fasst Dr. Katharina Steyer zusammen, die im Rahmen ihrer Promotion am Senckenberg Forschungsinstitut und der Goethe-Universität Frankfurt an Wildkatzen geforscht hat.
    Warum sich die über 10 Millionen Hauskatzen in deutschen Haushalten so selten mit den 5.000 bis 10.000 Wildkatzen kreuzen, können auch die Forschenden noch nicht genau erklären. Tiesmeyer hierzu: „Wild- und Hauskatzen treffen sich durchaus draußen am Waldrand, das wissen wir durch Untersuchungen mittels Haarfallen. Hybride scheinen aber zumeist dort vorzukommen, wo sich Wildkatzen gerade ausbreiten und wilde Paarungspartner ‚Mangelware’ sind.“

    Seit einiger Zeit geht es der Wildkatze in Deutschland wieder deutlich besser und die Bestände breiten sich aus. „Genau hier liegt wahrscheinlich der Grund für den geringen Hybridisierungsgrad“, erläutert Dr. Carsten Nowak, Leiter des Fachgebiets Naturschutzgenetik am Senckenberg Forschungsinstitut und fährt fort: „Ein gesunder Wildkatzenbestand verhindert Hybridisierung. Verschlechtern sich die Umweltbedingungen, kann sich die Situation auch wieder ändern und die Hybridisierung zunehmen“.

    Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Grad der Hybridisierung sind für einen nachhaltigen Schutz der Wildkatze von großer Bedeutung. Neben dem tagtäglich zunehmenden Lebensraumverlust sowie dem Straßenverkehr galt die Hybridisierung, also die Vermischung von Wild- und Hauskatzen, bislang als hauptsächliche Gefährdungsursache für die Wildkatze. „Die neuen Ergebnisse geben zumindest für den Gefährdungsfaktor Hybridisierung Entwarnung“, so Steyer.

    Daher plädieren die Senckenberger dafür die Wildkatzenbestände auch in Zukunft in ausgewählten Referenzgebieten weiter mit genetischen Methoden im Blick zu behalten. „Trotz der erfreulichen Nachrichten aus dem Labor bleibt das Tier des Jahres 2018, die Wildkatze, eine bedrohte und seltene Art. Die langfristige Beobachtung ihrer Bestände verrät uns viel über den Zustand unserer Umwelt“, resümiert Nowak.

    Kontakt
    Katharina Steyer
    katharina.steyer@gmx.de

    Dr. Carsten Nowak
    Fachgebiet Naturschutzgenetik
    Senckenberg Standort Gelnhausen
    Clamecystraße 12
    63571 Gelnhausen
    Tel.: 06051-61954-3138
    cnowak@senckenberg.de

    Judith Jördens
    Pressestelle
    Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
    Tel. 069- 7542 1434
    pressestelle@senckenberg.de

    Publikation
    Steyer K, Tiesmeyer A, Muñoz-Fuentes V, Nowak C. Low rates of hybridization between European wildcats and domestic cats in a human-dominated landscape. Ecol Evol. 2017;00:1–15. https://doi.org/10.1002/ece3.3650

    Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Bleibt gerne unter sich: Die Wildkatze.


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