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04.06.2018 10:17

Vollgeld – Was eine neue Geldordnung leisten kann

Guido Warlimont Kommunikation
Institut für Weltwirtschaft (IfW)

    Die Volksabstimmung in der Schweiz über ein Vollgeldsystem lässt die Diskussion über dieses schon lange diskutierte Konzept neu aufleben. Tatsächlich bietet der Wechsel zu einem solchen System eine spannende Alternative und einige Vorteile gegenüber dem aktuellen Geldsystem, analysiert IfW-Forscher Ulrich Stolzenburg in einem neuen ‚Kieler Beitrag zur Wirtschaftspolitik‘. Doch es gibt auch erhebliche Nachteile, die bei einer sehr plötzlichen Einführung besonders stark hervortreten würden.

    „Die hervorstechenden Vorteile liegen bei einer höheren Finanzstabilität und höheren Geld-schöpfungsgewinnen für den Staat“, schreibt Stolzenburg. „Gleichwohl erscheint das Vollgeldkonzept, über das in der Schweiz abgestimmt wird, viel zu optimistisch im Hinblick auf die kurzfristigen Aus- und Nebenwirkungen einer so tiefgreifenden Reform der Finanzverfassung.“

    Im gegenwärtigen Geldsystem können Banken ihre langfristigen Kreditforderungen mit täglich fälligen Sichteinlagen refinanzieren – zum Beispiel Guthaben auf Girokonten ihrer Kunden. Nur für einen Bruchteil dieser Sichteinlagen müssen die Banken entsprechende Reserven bei der Zentralbank hinter¬legen. Banken können so Geld quasi aus dem Nichts erschaffen, wenn sie Kredite vergeben. Ein Vertrauensverlust in die Bank, in dessen Folge Kunden ihr Geld abziehen, kann schnell zur Instabilität der Bank und möglichen Ansteckungseffekten auf andere Geldinstitute führen. Im Gegensatz dazu muss in einem Vollreservesystem jede Geldeinheit auf dem Girokonto durch Zentralbankgeld gedeckt sein (bzw. selbst gesetzliches Zahlungsmittel oder „Vollgeld“ sein).

    Die bestechenden Vorteile eines Vollgeldsystems sind im Ergebnis, dass ein Abzug von Kunden-einlagen für die betroffene Bank völlig unproblematisch ist und unbare Zahlungsmittel bei einer Bankenschieflage nicht gefährdet sind. Das Finanzsystem gewinnt durch eine Volldeckung an Stabilität, da Liquiditätskrisen unwahrscheinlicher und ungefährlicher für das Gesamtsystem werden. Außerdem könnte die Geldmengenentwicklung genauer kontrolliert werden.

    Zu den gravierenden Nachteilen gehört, dass die Zinsen im Gegenzug als geldpolitisches Instrument verloren gehen und stärker schwanken. Außerdem müsste das System stark reguliert werden, um eine Umgehung des Vollreservesystems zu verhindern. Zudem sind steigende Kosten für Finanzdienstleistungen und eine wahrscheinliche Anpassungskrise des Bankensektors zu erwarten, was zunächst die Realwirtschaft belasten dürfte.

    Stolzenburgs Fazit: „Entscheidet man sich in der Abwägung von Vorteilen und Risiken letztlich für ein Vollreservesystem, ist eine allmähliche, schrittweise Anpassung dem plötzlichen Systemwechsel vorzuziehen.“ Das Schweizer Modell sieht das nicht vor. „Doch falls eine Systemumstellung letztlich überwiegend geräuschlos gelingen sollte und das neue System im Hinblick auf die Finanzstabilität als überlegen eingeschätzt würde, so dürfte sich mittelfristig auch für den Euroraum die Frage der Einführung eines Vollreservesystems stellen.“

    Den „Kieler Beitrag zur Wirtschaftspolitik“ finden Sie hier:
    https://www.ifw-kiel.de/pub/wipo/volumes/wipo15.pdf

    Fachlicher Ansprechpartner:
    Dr. Klaus Schrader
    Leiter Bereich Schwerpunktanalysen
    T +49 431 8814-280
    klaus.schrader@ifw-kiel.de

    Medienansprechpartner:
    Guido Warlimont
    T +49 431 8814-629
    guido.warlimont@ifw-kiel.de

    Institut für Weltwirtschaft
    Kiel Institute for the World Economy
    Kiellinie 66 | 24105 Kiel, Germany
    www.ifw-kiel.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


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