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22.06.2018 10:30

Ergebnisse aus dem Nationalen Bildungsbericht 2018 zur Beruflichen Aus- und Weiterbildung

Dr. Jennifer Villarama Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI)

    Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) hat am heute erschienenen nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2018“ mitgewirkt und zum Bereich der beruflichen Bildung sowie der Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter geforscht. Zentrale Ergebnisse sind regionale Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt, eine Polarisierung von Angebot und Nachfrage auf Berufsebene, das Auseinanderklaffen von Beschäftigung und Ausbildung sowie ungelöste Fragen der Benachteiligung im Ausbildungszugang von Jugendlichen ohne oder mit niedrigem Schulabschluss und von Personen mit Migrationshintergrund.

    „Die berufliche Ausbildung in Deutschland hat sich weiter in eine Richtung entwickelt, die die zentralen Ziele der beruflichen Bildung schwieriger erreichbar werden lässt“, betont Prof. Susan Seeber (Universität Göttingen / SOFI), die als Mitglied einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Bildungsbericht 2018 erstellt hat. „Diese sind die Sicherstellung eines auswahlfähigen Berufsausbildungsangebots für Jugendliche und die bedarfsgerechte Versorgung des Arbeitsmarktes mit Fachkräften.“

    Insgesamt betrachtet hat sich zwar die Ausbildungssituation in der letzten Dekade verbessert, jedoch weisen immer noch rund drei Viertel aller Arbeitsagenturbezirke eine höhere Nachfrage im Vergleich zu den Angeboten aus. Der Zuwachs in der Beschäftigung der letzten zehn Jahre aufgrund einer anhaltend guten konjunkturellen Lage hat sich also nicht in einer entsprechenden Entwicklung von Ausbildungsangeboten niedergeschlagen. Darüber hinaus fallen insbesondere wachsende Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt ins Auge. Diese betreffen die regionale Ebene, in denen das Angebot an Ausbildungsplätzen und die Nachfrage nicht zusammenpassen. Sichtbar wird dies am steigenden Anteil an „Problemregionen“, in denen Bewerberinnen und Bewerber unversorgt und zugleich Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Das zeitgleiche Auftreten beider Phänomene ist vor allem in ostdeutschen Arbeitsagenturbezirken auffällig, aber auch in einzelnen Regionen in Westdeutschland zu beobachten.

    Passungsprobleme zeigen sich zudem in einer Polarisierung der Angebots-Nachfrage-Situation auf Berufsebene: Hier steht ein Angebotsüberhang in einigen wenigen Berufsgruppen wie den Berufen der Lebensmittelherstellung und -verarbeitung sowie des Hotel-, Tourismus-, und Gastgewerbes einem teils gravierenden Unterangebot in einer Vielzahl von Berufsgruppen gegenüber. Zu den Berufen mit einer deutlich höheren Nachfrage gegenüber dem Angebot gehören IKT-Berufe, Verkehrs-, Logistik-, Finanzdienstleistungs- und andere kaufmännische Berufe, aber auch Berufe der Metallerzeugung und verarbeitung, Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe sowie Gesundheitsberufe. Von einem auswahlfähigen beruflichen Angebot aus der Sicht der Jugendlichen kann also kaum die Rede sein.

    Ein weiteres Indiz verweist auf drohende Probleme der Fachkräftesicherung: die gestiegene Übernahmequote der Jugendlichen nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung. Dies ist einerseits eine sehr positive Entwicklung, bedeutet sie doch für die betroffenen Jugendlichen einen reibungsloseren Übergang in Beschäftigung. Andererseits verringert sich damit die Ausbildungsleistung der Unternehmen, die über den eigenen Bedarf hinausgeht. „Insbesondere für nicht ausbildende Unternehmen könnten künftig Probleme der Fachkräftesicherung erheblich zunehmen“, so Markus Wieck aus dem SOFI-Team.

    Die Funktionsfähigkeit des Ausbildungssystems ist jedoch auch mit Blick auf die Ausbildungsintegration bestimmter sozialer Gruppen kritisch zu hinterfragen. Die seit langem beobachtbaren Benachteiligungsmuster im Ausbildungszugang für Jugendliche mit höchstens Hauptschulabschluss, für junge Männer und für Bewerber mit ausländischer Staatsangehörigkeit konnten nicht abgebaut werden. Im Gegenteil: Hier zeigt sich in den letzten Jahren eine Verschärfung zuungunsten junger Männer ohne Schulabschluss. Dies muss allerdings vor dem Hintergrund der verstärkten Zuwanderung von Schutz- und Asylsuchenden gesehen werden, die häufiger in berufsvorbereitende Bildungsangebote aufgenommen wurden.

    „Eine langfristige Herausforderung für die Bildungspolitik stellen Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss dar“, hebt Prof. Seeber hervor. Sie konstatiert: „Gemessen an den jährlichen Zugängen ins Ausbildungssystem beginnen nur 58% derjenigen mit und 18% derer ohne Hauptschulabschluss eine vollqualifizierende Ausbildung. Diese Gruppen drohen im Zuge der Bildungsexpansion und tendenziell steigender Ausbildungsanforderungen ins gesellschaftliche Abseits zu geraten.“ Der Bericht zeigt aber auch, dass ihre Einmündungschancen weniger von den mitgebrachten Kompetenzen abhängen, als dies in der Öffentlichkeit mitunter diskutiert wird. So liegen die Kompetenzen in Lesen, Mathematik, Naturwissenschaft und Informations- und Kommunikationstechnologie bei Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss zwar durchschnittlich niedriger als bei Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss, jedoch ist ein großer Überschneidungsbereich zwischen beiden Gruppen zu beobachten. Zudem konnten bei Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss zwischen denjenigen, die eine Ausbildung aufgenommen haben und jenen, die ein Angebot im Übergangssektor besuchen, kaum Unterschiede in den Kompetenzmittelwerten festgestellt werden.

    Auch die Ergebnisse im Bereich „Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter“ verweisen auf drängenden politischen Handlungsbedarf: Angesichts der demografischen Entwicklung einerseits und einer zunehmend Fahrt aufnehmenden Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten andererseits kommt der Weiterbildung eine Schlüsselrolle zur Bewältigung der damit verbundenen Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft zu. Dr. Volker Baethge-Kinsky und Dr. Julia Lischewski (SOFI) geben zu bedenken, dass die hohe Beteiligungsquote an Weiterbildung von 50% unter den Personen im erwerbsfähigen Alter und der hohe Anteil an betrieblicher Weiterbildung, auf den drei Viertel aller Teilnahmen entfallen, in einer sowohl positiven als auch kritischen Perspektive zu sehen ist. Positiv, weil sich für einzelne, bislang benachteiligte Gruppen die Zugangstüren zur Weiterbildung weiter geöffnet haben und insbesondere Ältere nicht mehr in dem Maße abgehängt zu werden scheinen, wie dies noch in der Vergangenheit war. Kritisch, weil die Kehrseite der Dominanz von betrieblicher Weiterbildung eine schwache Institutionalisierung Lebenslangen Lernens ist: Weiterbildungsangebote hängen damit mehr von konjunkturellen Entwicklungen und wirtschaftlicher Ertragskraft des einzelnen Unternehmens als von individuellen Bedarfen ab. Zudem sind die Zugänge zur Weiterbildung – wie das Fortbestehen sozialer Disparitäten der Beteiligung (Migrationsstatus, Bildungsabschluss, Erwerbsstatus) andeutet – in hohem Maße an betriebliche Positionen gebunden.

    Über den nationalen Bildungsbericht:

    Der nationale Bildungsbericht wird von einer unabhängigen Autorengruppe unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und unter Beteiligung des Deutschen Jugendinstituts (DJI), des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) an der Universität Göttingen, des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) und der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (Destatis, StaLÄ) erarbeitet. An der Erstellung der beiden vom SOFI verantworteten Kapitel „Berufliche Ausbildung“ und „Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter“ haben mitgewirkt: Markus Wieck, Dr. Volker Baethge-Kinsky und Dr. Julia Lischewski (SOFI) sowie Patrick Geiser und Dr. Christian Michaelis (Abt. Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung, Universität Göttingen).

    Weitere Informationen und Kontakt:

    Prof. Dr. Susan Seeber
    Abt. Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen
    Tel.: +49 551 39-244 21
    E-Mail: susan.seeber@wiwi.uni-goettingen.de

    Dr. Jennifer Villarama
    Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V.,
    Tel.: +49 551 52205-19
    E-Mail: kommunikation@sofi.uni-goettingen.de

    www.sofi-goettingen.de


    Weitere Informationen:

    http://www.sofi-goettingen.de/


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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