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08.07.2018 11:00

FENS FORUM BERLIN STARTET: EINE ERFOLGSGESCHICHTE DER HIRNFORSCHUNG

Barbara Ritzert Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
FENS - Federation of European Neuroscience Societies

    Erkrankungen des Gehirns sind für mehr als ein Viertel der Krankheitslast in der Europäischen Union verantwortlich: Millionen von Menschen leiden unter Alzheimer, Multipler Sklerose, den Folgen von Schlaganfällen, Depressionen oder Psychosen. Dies spiegelt sich auch im Programm des 11. Forums der europäischen neurowissenschaftlichen Gesellschaften wider, an dem vom 7.-11. Juli in Berlin mehr als 7000 Wissenschaftler aus 77 Ländern teilnehmen: rund 1300 Beiträge sind Erkrankungen des Nervensystems gewidmet. Doch es geht ebenso um Wahrnehmung und Verhalten, um Lernen und Denken, um chronische Schmerzen und Schlaf oder auch darum, was im Gehirn abläuft, wenn aus Fremden Freunde werden.

    Die Neurowissenschaften gehören zu den besonders produktiven und spannenden Forschungsrichtungen. „Als wir die Föderation der neurowissenschaftlichen Fachgesellschaften vor 20 Jahren gegründet haben, gab es durchaus auch Skepsis“, erinnert sich Prof. Dr. Helmut Kettenmann, Sprecher der deutschen Neurowissenschaftlichen Gesellschaft im Exekutivausschuss der Vereinigung der europäischen Neurowissenschaftlichen Gesellschaften (FENS), der damals die Vereinigung mit vorangetrieben hat. Zum ersten Forum der frisch gebackenen Union, die ebenfalls vor 20 Jahren in Berlin stattfand, kamen damals 4000 Wissenschaftler. Seitdem sind bei dem zweijährigen Treffen die Zahlen kontinuierlich gestiegen. Nun stellt das Berliner Treffen mit mehr als 7000 Forscherinnen und Forschern einen neuen Rekord auf. Auch „europäisch“ stimmt nicht mehr: Das Forum ist mit Teilnehmern aus 77 Ländern international geworden. Rund 5000 Beiträge zeigen die ganze Bandbreite der aktuellen Forschungslandschaft und deren Schwerpunkte.
    Die Neurowissenschaftler können das Denkorgan, dessen Wachstum vor fünf Millionen Jahren die Basis für die kulturellen und technischen Leistungen von Homo sapiens gelegt hat, mit modernen Methoden zunehmend besser untersuchen. Mit speziellen Mikroskopen und durch den Einsatz sogenannter Reportermoleküle, die farbige Signale aussenden, können sie den Zellen und Molekülen quasi bei der Arbeit zuschauen. „Wir kommen mit unseren modernen Verfahren und Konzepten auf eine neue Ebene“, sagt Prof. Dr. Hartmut Kettenmann, Sprecher der deutschen Neurowissenschaftlichen Gesellschaft im Exekutivausschuss der Vereinigung der europäischen Neurowissenschaftlichen Gesellschaften (FENS). „Wir können Verhalten zusammenbringen mit molekularen und zellulären Ereignissen und so erstmals sehr genau untersuchen und verstehen, was etwa bei Lernprozessen abläuft.“

    Mehr Aufmerksamkeit bekommen inzwischen auch die sogenannten Gliazellen. Obwohl es im Gehirn ebenso viele Gliazellen gibt wie Neurone, wurde diese Zellgruppe in der Forschung kaum beachtet. Sie galten als Stützgewebe für die „wichtigen“ Neurone. „Wir kennen inzwischen die Funktionen der verschiedenen Typen von Gliazellen“ sehr gut, sagt Professor Kettenmann und untersuchen ihre Rolle etwa bei der Entstehung bestimmter Gehirntumore, den sogenannten Glioblastomen. „Wir haben herausgefunden, dass die Mikrogliazellen, die Fresszellen der Immunabwehr im Gehirn, von den Tumorzellen quasi umprogrammiert werden zu Zellen, die das Tumorwachstum fördern: Sie helfen den bösartigen Zellen dabei, in das umgebende gesunde Gewebe einzudringen.

    Die Forscher wissen auch mehr über Gene und Prozesse, die bei der Entstehung von Erkrankungen eine Rolle spielen. Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung und daraus abgeleitete Konzepte haben etwa die Therapie der Multiplen Sklerose in den letzten Jahren verbessert. Doch bei anderen Erkrankungen, Alzheimer etwa, lassen sich neue Einsichten aus den Laboratorien noch nicht in bessere Behandlungen ummünzen, räumt Professor Kettenmann ein. So manches Mittel, das kranke Mäuse kuriert, versagt in der klinischen Prüfung an Patienten.
    Darum setzen die Neurowissenschaftler große Hoffnung in neue Modelle, die das konventionelle Spektrum – Zellkulturen, Gewebeschnitte und Nagetiere – erweitern. Vor allem sogenannte Organoide, bis zu vier Millimeter kleine organähnliche Mikrostrukturen, die in Laborschalen wachsen. Basis der „Mini-Brains“ sind beispielsweise humane pluripotente Stammzellen, die sich differenzieren und selbst organisieren. So entstehen – je nach den gewählten Wachstumsbedingungen – Modelle verschiedener Gehirnregionen: vom Großhirn über Mittel- und Kleinhirn bis zur Netzhaut des menschlichen Auges. Noch ist die Größe auf zwei bis drei Millionen Zellen beschränkt – das Vorbild besteht aus 100 Milliarden Zellen. Doch es gibt bereits Ansätze, diese Grenzen zu überwinden. Professor Kettenmann plädiert – wie seine Kollegen – nun jedoch keineswegs dafür, auf die etablierten Modelle zu verzichten: „Wir brauchen eine breite Palette von Systemen, die sich ergänzen.“
    Als sich die europäischen neurowissenschaftlichen Fachgesellschaften vor 20 Jahren zusammenschlossen, war es das erklärte Ziel, sich für eine bessere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen und nicht auch für eine bessere Förderung der Forschung einzusetzen. Beides ist gelungen, wie Professor Kettenmann weiß. „Die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und Klinikern hat sich deutlich verbessert, wir arbeiten sehr eng zusammen.“ Auch mit der finanziellen Förderung sind die Neurowissenschaftler durchaus zufrieden. In Deutschland fördert die Bundesregierung 770 neurowissenschaftliche Projekte aus der Grundlagenforschung und der klinischen Forschung mit insgesamt 560 Millionen Euro, die mehrere Jahre laufen. In diesem Jahr fließen 55 Millionen Euro in solche Projekte. Hinzu kommen jährlich 180 Millionen Euro von Bund und Ländern, die in Instituten und Forschungszentren für den Bereich Neurowissenschaften aufgewendet werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat darüber hinaus zwischen 2015 und 2017 insgesamt 2706 Projekte mit 518 Millionen Euro gefördert. Im vergangenen Jahr wurden 1752 Projekte mit 175,6 Millionen Euro unterstützt. Auch die Europäische Union fördert die Neurowissenschaften. Zwischen 2007 und 2015 betrugen die Aufwendungen auf diesem Gebiet 3,1 Milliarden Euro.

    FENS Pressestelle
    Barbara Ritzert, ProScience Communications, Pöcking,
    tel: +49 8157 9397-0 or mobile +49 151 12043311 email: ritzert@proscience-com.de

    Elaine Snell, Snell Communications Ltd, London UK (English language)
    tel: +44 (0)207 738 0424 or mobile +44 (0)7973 953794 email: Elaine@snell-communications.net

    Hinweise für Redaktionen
    Prof. Dr. Helmut Kettenmann, Zelluläre Neurowissenschaften, Max-Delbrück-Centrum Berlin
    https://www.mdc-berlin.de/kettenmann

    Das 11. FENS Forum für Neurowissenschaften ist der größte Kongress für Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften in Europa. Organisiert wird er von der Föderation der Europäischen Neurowissenschaftlichen Gesellschaften (FENS). Sie wurde 1998 gegründet und hat 43 Mitgliedsgesellschaften in 33 europäischen Ländern. Als Organisation repräsentiert FENS 24.000 europäische Neurowissenschaftler. https://forum2018.fens.org/


    Weitere Informationen:

    https://forum2018.fens.org/


    Anhang
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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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