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09.07.2018 08:46

Privileg des fremden Zeugnisses

Kathrin Fischer Präsidium
Europa-Universität Flensburg

    DFG-Tagung an der Europa-Universität Flensburg untersuchte neuere Darstellungen des Nationalsozialismus in peripheralisierten Literatur- und Kulturräumen

    „Hier, in Flensburg, in einer Stadt, die sich ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit bewusst ist, aber die Gedenkkultur durchaus Nachholbedarf hat, begrüßen wir Sie ganz herzlich zu der Tagung Globalisierte Erinnerungskulturen und gegenläufige Gedächtnisse.“ Flensburg, unter der Regierung Dönitz im Mai 1945 die „letzte Bastion des Nationalsozialismus“ an der äußersten Peripherie des Reiches, sei schon aufgrund dieser Geschichte ein guter Ort für eine Tagung über neuere Darstellungen des Nationalsozialismus in peripheralisierten Literatur- und Kulturräumen, sagte Marco Thomas Bosshard, Professor für Spanische Literatur- und Kulturwissenschaft im europäischen Kontext an der Europa-Universität Flensburg (EUF). Gemeinsam mit Iulia Patrut, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft im europäischen Kontext an der EUF, hat er vom 5. bis zum 7. Juli 2018 die knapp dreitägige Tagung „Globalisierte Erinnerungskulturen und gegenläufige Gedächtnisse“ veranstaltet.

    Im Mittelpunkt der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Tagung stand die „Pluralisierung der Stimmen und Perspektiven, die Erinnerung und Darstellungsweise nicht mehr an nationalstaatliche und kontinentale, einseitige Selbstbeschreibungen“, knüpft und so die „Repräsentationen des Holocaust weltweit“ vergrößert, wie Iulia Patrut zum Auftakt erklärte.

    In einer transnationalen Perspektive beschäftigten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Indien, Mexiko, Brasilien, Kamerun, Spanien und der Schweiz auf dem Flensburger Campus etwa mit folgenden Fragen: Wie funktionalisieren Kulturen, die den zweiten Weltkrieg nicht unmittelbar selbst erfahren haben, politisch-ästhetisch den Nationalsozialismus? Wie sind Kolonialismus und Nationalsozialismus im nordafrikanischen Diskurs miteinander verflochten? Wie wird das Thema des Nationalsozialismus in Prosawerken der mexikanischen Literatur der Gegenwart dargestellt? Welche Mengele-Fiktionalisierung gibt es in Literatur und Filmen Lateinamerikas?

    Den Auftaktvortrag hielt der Berner Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich. Er bot einen Überblick darüber, was und wie ausländische Autorinnen und Autoren aus und über Nazi-Deutschland berichteten. Die Liste der Zeitzeugen, die zwischen 1933 und 1945 Deutschland besuchten, ist eindrucksvoll: Zu den ausländischen Besucherinnen und Besuchern zählen bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Samuel Beckett, Jean Genet, Max Frisch, Virginia Woolf oder Albert Camus ebenso wie weniger bekannte Journalistinnen, und Journalisten, Diplomaten, Studierende oder Privatleute aus nichtwestlichen Ländern. „Die genozidale Tendenz der systematischen Vernichtung der Juden haben mehrere der ausländischen Beobachterinnen und Beobachter schon früh erkannt“, sagte Lubrich. Sein Fazit: „Der fremde Blick sieht mehr, es existiert ein Privileg des fremden Zeugnisses.“

    Für Iulia Patrut und Marco Bosshard stellt die Tagung den Beginn umfangreicher Grundlagenarbeit dar. „Bisher ist noch nicht einmal das Textkorpus eindeutig definiert, mit dem wir arbeiten können“, erklärte Bosshard. „Wichtige Texte sind noch nicht veröffentlich, die Gattungsformen bzw. Gattungsmodifikationen sind nicht alle definiert.“

    Zum Abschluss am Samstag wurden daher Forschungsperspektiven und mögliche Kooperationen diskutiert.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Philosophie / Ethik
    überregional
    Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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