idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
30.07.2018 17:24

Sternleiche enthüllt Herkunft radioaktiver Moleküle

ESO Science Outreach Network (Dr. Carolin Liefke) Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Astronomie

    Pressemitteilung der Europäischen Südsternwarte (Garching) - Astronomen haben mit ALMA und NOEMA den ersten endgültigen Nachweis eines radioaktiven Moleküls im interstellaren Raum machen können. Der radioaktive Teil des Moleküls ist ein Aluminium-Isotop. Die Beobachtungen zeigen, dass das Isotop nach der Kollision von zwei Sternen, die einen Überrest namens CK Vulpeculae hinterließen, im Weltraum verteilt wurde. Dies ist das erste Mal, dass dieses Element aus einer bekannten Quelle direkt beobachtet wird. Bisherige Identifikationen dieses Isotops stammen aus dem Nachweis von Gammastrahlen, aber ihre genaue Herkunft war unbekannt.

    Das Team um Tomasz Kamiński vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge in den USA hat mit dem Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array (ALMA) und dem NOrthern Extended Millimeter Array (NOEMA) eine Quelle des radioaktiven Isotops Aluminium-26 gefunden. Die Quelle mit der Bezeichnung CK Vulpeculae wurde erstmals 1670 beobachtet und erschien dem Betrachter damals als leuchtend roter "neuer Stern". Zunächst mit bloßem Auge sichtbar, verblasste dann aber schnell. Mittlerweile benötigt man leistungsstarke Teleskope, um die Überreste der Verschmelzung zu sehen, die hier stattgefunden hat: ein schwacher Zentralstern, der von einem Halo aus leuchtendem Material umgeben ist.

    348 Jahre nach dem ersten Ereignis haben die Überreste der explosiven stellaren Verschmelzung zu einer klaren und überzeugenden Signatur einer radioaktiven Version von Aluminium geführt, die als Aluminium-26 bezeichnet wird. Dies ist das erste instabile radioaktive Molekül, das definitiv außerhalb des Sonnensystems nachgewiesen wurde. Instabile Isotope haben einen Überschuss an Kernenergie und zerfallen schließlich in eine stabile Form.

    "Diese erste Beobachtung dieses Isotops in einem sternartigen Objekt ist auch im weiteren Kontext der galaktischen chemischen Evolution von Bedeutung", erläutert Kamiński "Dies ist das erste Mal, dass ein aktiver Produzent des radioaktiven Nuklids Aluminium-26 direkt identifiziert werden konnte."

    Kamiński und sein Team entdeckten die einzigartige spektrale Signatur von Molekülen aus Aluminium-26 und Fluor (26AlF) in den Trümmerteilen um CK Vulpeculae, die etwa 2000 Lichtjahre von der Erde entfernt sind. Während diese Moleküle durch den Raum taumeln und sich dabei drehen, geben sie einen markanten "Fingerabdruck" bei Millimeterwellenlängen ab, ein Prozess, der als Rotationsübergang bezeichnet wird. Für Astronomen ist dies der "Goldstandard" für den Nachweis von Molekülen [1].

    Die Beobachtung dieses speziellen Isotops liefert neue Einblicke in den Fusionsprozess, der CK Vulpeculae hervorgebracht hat. Es zeigt auch, dass die tiefen, dichten, inneren Schichten eines Sterns, in denen schwere Elemente und radioaktive Isotope geschmiedet werden, durch Sternkollisionen aufgewühlt und ins All geworfen werden können.

    "Wir beobachten die Eingeweide eines vor drei Jahrhunderten durch eine Kollision zerrissenen Sterns", merkt Kamiński an.

    Die Astronomen stellten auch fest, dass die beiden miteinander verschmolzenen Sterne von relativ geringer Masse waren, einer davon ein roter Riesenstern mit einer Masse zwischen 0,8 und 2,5 mal so groß wie unsere Sonne.

    Da Aluminium-26 radioaktiv ist, zerfällt es, um stabiler zu werden, und bei diesem Prozess zerfällt eines der Protonen im Kern in ein Neutron. Dabei emittiert der angeregte Kern ein Photon mit sehr hoher Energie, das wir als Gammastrahlung beobachten [2].

    Früher haben Nachweise der Gammastrahlenemission gezeigt, dass etwa zwei Sonnenmassen Aluminium-26 in der Milchstraße vorhanden sind, aber der Prozess, der die radioaktiven Atome erzeugt hat, war unbekannt. Aufgrund der Art und Weise, wie Gammastrahlen detektiert werden, war auch deren genaue Herkunft weitgehend unbekannt. Mit diesen neuen Messungen haben Astronomen zum ersten Mal ein instabiles Radioisotop in einem Molekül außerhalb unseres Sonnensystems nachgewiesen.

    Gleichzeitig ist das Team jedoch zu dem Schluss gekommen, dass die Herstellung von Aluminium-26 durch CK Vulpeculae ähnliche Objekte nicht die Hauptquelle für Aluminium-26 in der Milchstraße sein dürfte. Die Masse von Aluminium-26 in CK Vulpeculae beträgt etwa ein Viertel der Masse des Pluto, und da diese Ereignisse so selten sind, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie die einzigen Produzenten des Isotops in der Milchstraße sind. Damit bleibt die Tür offen für weitere Untersuchungen dieser radioaktiven Moleküle.

    Endnoten

    [1] Die charakteristischen molekularen Fingerabdrücke stammen meist aus Laborexperimenten. Bei 26AlF ist diese Methode nicht anwendbar, da Aluminium-26 auf der Erde nicht vorkommt. Labor-Astrophysiker der Universität Kassel haben daher die "Fingerabdruckdaten" stabiler und reichlich vorhandener 27AlF-Moleküle genutzt, um genaue Daten für das seltene 26AlF-Molekül abzuleiten.

    [2] Aluminium-26 enthält 13 Protonen und 13 Neutronen in seinem Kern (ein Neutron weniger als das stabile Isotop Aluminium-27). Wenn es zerfällt, wird aus Aluminium-26 Magnesium-26, ein völlig anderes Element.

    Weitere Informationen

    Die hier präsentierten Forschungsergebnisse erscheinen demnächst unter dem Titel Astronomical detection of a radioactive molecule 26AlF in a remnant of an ancient explosion erscheinen demnächst in der Fachzeitschrift Nature Astronomy.

    Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind Tomasz Kamiński (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, Cambridge, Massachusetts, USA), Romuald Tylenda (N. Copernicus Astronomical Center, Warschau, Polen), Karl M. Menten (Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn), Amanda Karakas (Monash Centre for Astrophysics, Melbourne, Australien), Jan Martin Winters (IRAM, Grenoble, Frankreich), Alexander A. Breier (Laborastrophysik, Universität Kassel), Ka Tat Wong (Monash Centre for Astrophysics, Melbourne, Australien), Thomas F. Giesen (Laborastrophysik, Universität Kassel) und Nimesh A. Patel (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, Cambridge, Massachusetts, USA).

    Die Europäische Südsternwarte (engl. European Southern Observatory, kurz ESO) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Die Organisation hat 15 Mitgliedsländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und die Tschechische Republik. Hinzu kommen das Gastland Chile und Australien als strategischer Partner. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO verfügt über drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Chile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist außerdem einer der Hauptpartner bei zwei Projekten auf Chajnantor, APEX und ALMA, dem größten astronomischen Projekt überhaupt. Auf dem Cerro Armazones unweit des Paranal errichtet die ESO zur Zeit das Extremely Large Telescope (ELT) mit 39 Metern Durchmesser, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird.

    Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

    Kontaktinformationen

    Carolin Liefke
    ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie
    Heidelberg, Deutschland
    Tel: 06221 528 226
    E-Mail: eson-germany@eso.org

    Calum Turner
    ESO Public Information Officer
    Garching bei München, Germany
    Tel: +49 89 3200 6670
    E-Mail: pio@eso.org


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Tomasz Kamiński
    Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics
    Cambridge, Massachusetts, USA
    E-Mail: tomasz.kaminski@cfa.harvard.edu


    Originalpublikation:

    Die hier präsentierten Forschungsergebnisse erscheinen demnächst unter dem Titel Astronomical detection of a radioactive molecule 26AlF in a remnant of an ancient explosion erscheinen demnächst in der Fachzeitschrift Nature Astronomy.


    Weitere Informationen:

    https://www.eso.org/public/germany/news/eso1826/ - Webversion der Pressemitteilung mit weiteren Bildern (auch in höher aufgelösten Versionen)
    https://www.eso.org/public/images/archive/category/alma/ - Fotos von ALMA
    https://astronomycommunity.nature.com/users/171284-tomasz-kaminski/posts/37006-i... - Blogbeitrag mit weiteren Details


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Europäische Südsternwarte


    Zum Download

    x

    Radioaktive Moleküle in den Überresten einer Sternkollision


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay