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17.08.2018 11:13

Griechenland noch lange nicht gerettet

Mathias Rauck Kommunikation
Institut für Weltwirtschaft (IfW)

    Griechenland hat seine Strukturkrise noch längst nicht überwunden und bleibt noch deutlich hinter seiner Wirtschaftskraft vor dem Ausbruch der Finanzkrise zurück. Trotz eines Endes der insgesamt 276 Milliarden Euro schweren Hilfsprogramme ist es fraglich, ob das Land die wirtschaftliche Trendwende schafft und seine Schulden wie geplant zurückzahlen kann. Zu diesem Schluss kommen Krisenländer-Experten des IfW Kiel in einer aktuellen Analyse.

    Zwar signalisierten jüngste Wirtschaftsdaten eine Erholung der griechischen Wirtschaft – die Arbeitslosigkeit sinkt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legt zu. Jedoch seien Griechenlands Probleme weniger konjunktureller, sondern vielmehr struktureller Natur. „Trotz der im Vordergrund des öffentlichen Interesses stehenden Verschuldungsprobleme war die griechische Krise im Kern eine Strukturkrise, aber nach wie vor sind zahlreiche versprochene Strukturreformen nicht umgesetzt“, sagte Klaus Schrader, Leiter des Bereichs Schwerpunktanalysen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) anlässlich der heute erschienenen Analyse „Mission erfüllt? Griechenlands Rettung mit Fragezeichen“. In Standortrankings der Weltbank und des Weltwirtschaftsforums belege Griechenland von den EU-Ländern nur den vorletzten bzw. sogar letzten Platz. „Für die Attraktivität des Standorts Griechenland für Investoren ergeben sich dadurch große Fragezeichen“, so Schrader.

    Auch die realwirtschaftliche Erholung Griechenlands sehen die Autoren deutlich kritischer als von den Geldgebern verlautbart. Trotz des für dieses Jahr erwarteten Wachstums in Höhe von knapp zwei Prozent gehöre Griechenland zu den wachstumsschwächeren EU-Volkswirtschaften. Der Verlust an Wirtschaftsleistung seit dem Ausbruch der Krise von jetzt noch 25 Prozent des BIP werde sich bei diesem Wachstumstempo nur sehr langsam wettmachen lassen. Gleiches gelte für die nicht minder stark geschrumpften Haushaltseinkommen in Griechenland, die zu einem Armutsproblem geführt haben.

    Lebensverhältnisse der 80er und 90er Jahre

    Nach wie vor weise Griechenland die im EU-Vergleich höchste Arbeitslosigkeit auf. Das gelte auch für die Jugendarbeitslosigkeit, die 2017 fast 44 Prozent betrug. Im Vergleich zum Jahr 2008 sei bis 2017 fast jeder fünfte Job verloren gegangen, wobei ein Drittel der Industriearbeitsplätze und mehr als 60 Prozent der Baubeschäftigung abgebaut wurden. Neue Arbeitsplätze seien hingegen eher im Niedriglohnbereich geschaffen worden, insbesondere bei tourismusnahen Dienstleistungen, während besser bezahlte Tätigkeiten tendenziell verloren gingen. Auch wachse der Anteil an Teilzeittätigkeiten. „Die Lage auf dem griechischen Arbeitsmarkt lässt wenig Raum für Euphorie. Eine solche Beschäftigungsentwicklung führt nicht zu altem Wohlstand zurück, sondern knüpft eher an die bescheidenen Lebensverhältnisse der 1980er und 90er Jahre an“, so Schrader.

    Bei den Warenexporten habe Griechenland seinen Anteil von 0,6 Prozent am gesamten EU-Warenexport lediglich konstant halten und nicht vergrößern können. Es dominierten nach wie vor Mineralöl und Mineralölerzeugnisse sowie landwirtschaftliche und andere rohstoffintensive Produkte. „Hightech made in Greece sucht man in der Exportstatistik ebenso vergebens wie die dafür benötigten Industriejobs“, so Schrader. Beim Dienstleistungsexport wurde trotz Tourismusboom das Niveau des Jahres 2008 noch nicht wieder erreicht. Die Einnahmen aus dem schwankungsanfälligen Seetransport seien stark gesunken, zudem fehle es an wertschöpfungsstarken, unternehmensbezogenen Dienstleistungen, die auch interessante Jobperspektiven bieten könnten.

    Schuldenberg bei 178 Prozent des BIP

    Insgesamt hätten durch die drei Rettungsprogramme, bei denen Finanzhilfen in Höhe von 276 Milliarden Euro alleine von den europäischen Hilfsfonds und dem Internationalen Währungsfonds gewährt wurden, der griechische Staat ebenso vor der Pleite gerettet werden können wie die griechischen Banken vor einem Zusammenbruch. Allerdings sei der griechische Schuldenberg, der 2018 etwa 178 Prozent des BIP betrug, ohne den vereinbarten indirekten Schuldenschnitt wohl nicht tragbar. „Die europäischen Partner haben bereits nochmalige Verlängerungen von Fälligkeiten und günstigen Zinskonditionen sowie einen Liquiditätspuffer in Aussicht gestellt, es ist unübersehbar, dass hier ein Sicherungsnetz gegen einen abermaligen griechischen Finanzkollaps gespannt wird“, sagte Schrader.

    „Die griechische Politik hat jetzt die Chance, in eigener Verantwortung den eingeleiteten Reformen einen griechischen Stempel aufzudrücken und der Bevölkerung die bisher häufig fehlende Identifikation mit dem Reformprozess zu ermöglichen. Die europäischen Partner sollten das Land der Bewertung durch die Märkte überlassen und sich mit der latenten Bereitschaft zu einem erneuten „Bail out“ zurückhalten, sonst könnte die Vollendung der Rettung in griechischer Eigenregie schnell scheitern.“

    Medienansprechpartner:
    Mathias Rauck
    T +49 431 8814-411
    mathias.rauck@ifw-kiel.de

    Institut für Weltwirtschaft
    Kiel Institute for the World Economy
    Kiellinie 66 | 24105 Kiel, Germany

    www.ifw-kiel.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Klaus Schrader
    Leiter Schwerpunktanalysen
    T +49 431 8814-280
    klaus.schrader@ifw-kiel.de


    Originalpublikation:

    Zum Kiel Focus:
    https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/kiel-focus/2018/mission-erfuellt-griech...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


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