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16.10.2018 08:41

Verborgene Schätze unter Schutt

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Wissenschaftler aus Würzburg und Kairo untersuchen in einem neuen Forschungsprojekt eine mehr als 4500 Jahre alte Pyramidenanlage in Ägypten. Unter den Überresten früherer Grabungen haben sie eine bedeutende Entdeckung gemacht.

    Eine Pyramide, davor zwei Tempel und als Verbindungsweg dazwischen ein mehrere hundert Meter langer Gang, eingefasst von zwei dicken Mauern und bedeckt von einem Dach, das nur durch einen schmalen Schlitz Licht in das Innere fallen lässt: So präsentierte sich vor gut 4500 Jahren die ägyptische Pyramidenanlage, die Pharao Sahurê in Abusir hatte errichten lassen. Viel spricht dafür, dass die Tempel nach dem Ende des königlichen Totenkults ein wichtiges Ziel für Pilger waren: Geweiht der Götting Sachmet erhofften sich die Besucher Heilung von ihren Krankheiten. Denn Sachmet war in der ägyptischen Mythologie die Göttin des Krieges aber auch des Schutzes vor Krankheiten und der Heilung.

    Einblicke in die altägyptische Hochkultur

    Heute zeigt sich die einst prachtvolle Anlage wenige Kilometer vor der Stadtgrenze Kairos in weiten Teilen von den Einflüssen während der letzten Jahrtausende zerstört. Trotzdem interessieren sich Archäologen sehr dafür. Von neuen Ausgrabungen und Untersuchungen erhoffen sie sich tiefe Einblicke in das altägyptische Wirtschaftsleben, seinen Verwaltungsapparat sowie in die Grundlagen der altägyptischen Hochkultur. Nur wenige Steine fehlen ihnen noch in ihrem Puzzle; die glauben sie jetzt entdeckt zu haben.

    Die erneuten Grabungen in Ägypten haben vor kurzem begonnen, finanziert mit rund 335.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Verantwortlich für das auf drei Jahre angelegte Projekt ist Dr. Mohamed Ismail Khaled. Der hochrangige Beamte im ägyptischen Ministerium für Altertümer ist für diese Zeit von seiner Tätigkeit im Ministerium freigestellt; stattdessen forscht er nun an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die Uni und das Institut für Altertumswissenschaften kennt er gut: Bereits 2014 bis 2016 hat er als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung hier Fundstücke aus der Pyramidenanlage des Sahurê untersucht.

    Erste Ausgrabungen unter deutscher Leitung

    Dass die Wissenschaft heute noch mit gespannter Erwartung die Ausgrabungen verfolgt, mag verwundern. Schließlich haben schon einmal Forscher aus Deutschland den Komplex untersucht: Eine Expedition des Deutsche Orientgesellschaft unter der Leitung des Archäologen Ludwig Borchardt hat zwischen 11902-1908 die Bauten freigelegt. „Borchardt hat sich damals allerdings auf die Pyramide und die Tempel konzentriert“, erklärt Mohamed Khaled. Den Abraum und den Schutt, den er dabei beseitigen musste, ließ Borchardt in einem Bereich abladen, von dem er keine Funde erwartete. Tatsächlich befanden sich dort die Überreste des Aufwegs, für den sich die Wissenschaftler heute so sehr interessieren.

    Was diesen Weg – oder besser gesagt: dessen Mauern – für die Forschung so interessant macht? „Die Mauern waren vom Anfang bis zu ihrem Ende mit Reliefszenen geschmückt, die uns einmalige Einblicke in die Organisation des frühen ägyptischen Staates liefern“, sagt Khaled. Ein Großteil dieser mehrere Meter hohen Steine ist inzwischen geborgen und untersucht. Jetzt glaubt Khaled, die letzten Bruchstücke gefunden zu haben, die das Ende des Weges markiert haben könnten. Sollte er Recht haben, müssten auf diesen Steinen der Pharao Sahurê zu sehen sein, sitzend und Geschenke aus seinen Domänen empfangend – Landgütern, die eigens dafür eingerichtet worden waren, den königlichen Hofstaat mit Opfergaben zu versorgen.

    Ein riesiger Berg aus Sand und Schutt

    20 Tonnen Steine, Sand und Schutt – der „Müll“, den Borchardt hatte beiseite räumen lassen – mussten Khaled und die von ihm angestellten Arbeiter entfernen, bevor sie auf einen neuen Block aus der ehemaligen Mauer stießen. Dabei zeigte sich auch, dass die Archäologen vor gut 100 Jahren ihre Aufmerksamkeit mehr auf das große Ganze, weniger auf die Details gerichtet hatten. „Wir haben in dem Abraum viele bedeutende Fundstücke entdeckt“, erklärt Khaled, darunter eine kleine hölzerne Statue, Vasen und Amphoren und Abbruchstücke von verzierten Mauersteinen, die heute in Berlin im Neuen Museum auf der Museumsinsel zu sehen sind.

    Dementsprechend sorgfältig ist das jetzige Grabungsteam vorgegangen. „Wir mussten jede Schaufelladung genau untersuchen“, sagt der Ägyptologe. Der Einsatz von schwerem Gerät, etwa einem Bagger, habe sich deshalb verboten. Und dementsprechend lange dauerten diese eigentlich nur vorbereitenden Arbeiten: „Es hat ein Jahr gedauert, diesen Berg abzutransportieren.“ Die penible Vorgehensweise hat sich gelohnt: Neben den Fundstücken stießen Khaled und sein Team auch auf die Überreste von vier kleinen Häusern in direkter Nachbarschaft zu den Tempeln. „Man sieht noch die ehemalige Küche mit den Ascheresten an der Kochstelle“, schwärmt er. Khaled zufolge haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Priester in der griechisch-römischen Zeit die Häuser bewohnt – ein Zeitraum, der sich von ‎332 vor Christi Geburt bis 395 n. Chr. erstreckt.

    Ein Stein voll bedeutender Informationen

    Etwa drei mal zwei Meter groß ist das erste Mauerstück, das das Grabungsteam in den kommenden Wochen freilegen will. Von den Reliefszenen und begleitenden Hieroglpyhentexten erwartet der Forscher neue Einblicke in die Herrschaftsstruktur des alten Ägyptens. „Der frühe ägyptische Staat kann als stark zentralisierter, komplexer politischer und kultureller Organismus aufgefasst werden mit dem König an der Spitze, dem seine engsten Vertrauten als hohe Beamte zur Seite standen“, erklärt Khaled. Königliche Domänen waren dafür verantwortlich, nicht nur den Pharao und seinen Hof mit Nahrung und anderen notwendigen Produkten zu versorgen, sondern beispielsweise auch die Arbeiter, die den Pyramidenkomplex bauten, die Priester und weiteres Kult- und Dienstpersonal. „Somit spielten die königlichen Domänen eine herausragende Rolle in der Ökonomie des Alten Reiches“, so der Ägyptologe.

    Von dem neu entdeckten Material erwarten die Wissenschaftler nun Informationen, die neue Diskussionen über die Bedeutung der königlichen Domänen, ihre Funktion und Nutzungsdauer, ihre geografische Lage und ihre Position im System der Ökonomie des Alten Reiches anstoßen könnten. Darüber hinaus sind sie davon überzeugt, dass das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der altägyptischen Ökonomie und seines administrativen Apparates insgesamt, also zu den Grundlagen der altägyptischen Hochkultur selbst, leisten kann.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Mohamed Ismail Khaled, mohamed.khaled@uni-wuerzburg.de

    Prof. Dr. Martin Stadler, Lehrstuhl für Ägyptologie, T: (0931) 31-82787, martin.stadler@uni-wuerzburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Blick auf die Pyramidenanlage des Sahurê mit dem Aufweg im Vordergrund. Ursprünglich war dieser Weg rechts und links von Mauern gesäumt. Diese sind im Lauf der Jahrtausende umgestürzt.


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    Unter diesen Sand- und Schuttbergen haben die Wissenschaftler einen Block aus der alten Mauer entdeckt, den sie jetzt bergen wollen.


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