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23.11.2018 15:35

Gewaltabkehr als gesellschaftliches Projekt – Neue Ausgabe der „Zeithistorischen Forschungen"

Marion Schlöttke Öffentlichkeitsarbeit
Zentrum für Zeithistorische Forschung

    In Deutschland ging seit der Gründung der Bundesrepublik die Gewalt im staatlichen Handeln und in der gesellschaftlichen Praxis zurück. Dennoch gab und gibt es stets auch gegenläufige Tendenzen. Dieser Ambivalenz von Gewalt und Gewaltabkehr geht das neue Themenheft der „Zeithistorischen Forschungen“ nach. Die Beiträge untersuchen, welche Methoden der Gewaltkontrolle in den Sozialbereichen Familie, Heimerziehung, Schule, Strafvollzug, Massenmedien, Sport und Arbeitswelt eingesetzt wurden.

    Mit der Abkehr von der Gewalt wird ein Thema aufgegriffen, das bislang weitgehend im Schatten der Gewaltforschung stand. Die Autorinnen und Autoren des Heftes untersuchen folgende Fragen: Wie verbanden sich ältere und neuere Praktiken der Gewalt? Welche Herausforderungen ergaben sich daraus für die Gewaltprävention? Im Sinne der Leitvorstellungen zivilisierter Gesellschaften ist entscheidend, dass Gewalt NICHT passiert. Aber wie und in welchem Maße setzten sich diese Leitbilder in der sozialen Praxis tatsächlich durch? Ein wichtiges Ergebnis lautet, dass sich der Gewaltbegriff selbst wandelte: Die öffentliche Aufmerksamkeit für Alltags-Gewalt und der Legitimationsdruck für ihre Anwendung stiegen. Die „#MeToo“-Kampagne lässt sich in diesen längeren zeithistorischen Trend einordnen.

    Gewalt an Schulen erscheint oftmals als Symptom einer Verrohung der ganzen Gesellschaft. Demgegenüber haben viele Historiker/innen gerade die Schule in das Zentrum einer Zivilisierungsgeschichte der westdeutschen Gesellschaft seit 1945 gestellt. Till Kössler nimmt diesen Deutungswiderspruch zum Ausgangspunkt einer Analyse schulischer Gewalt zwischen den frühen 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende. Er schlägt eine neue Lesart vor: Untersucht werden die sich wandelnden Vorstellungen, was „Gewalt“ eigentlich sei und wie sie überwunden werden könne. Eine Sensibilisierung gegenüber Gewaltphänomenen war verbunden mit neuen Ansprüchen an schulische Kommunikation – Erwartungen, die von Lehrer/innen und Eltern als Fortschritt erfahren werden konnten, aber auch als Zumutung und Überforderung.

    Die Geschichte des modernen Fußballs ist begleitet von regelmäßigen Gewaltausbrüchen unter Zuschauern und Fans. Diese Tendenz verstärkte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren, wobei nicht nur die Bundesrepublik, sondern ebenso die DDR zum Schauplatz drastischer Gewaltereignisse wurde. Jutta Braun zeichnet nach, wie sich die Methoden und Standards der Gewaltprävention im Fußball verändert haben. Untersucht wird vor allem das spannungsreiche Handlungsdreieck aus Sozialpädagogik, Sicherheitsstrategien der Polizei und gesellschaftlichem Engagement des Deutschen Fußballbundes (DFB). Erst im Angesicht der radikalisierten Fan-Gewalt nach dem Mauerfall fanden diese unterschiedlichen Akteure zu einer stabilen und konstruktiven Zusammenarbeit. Zugleich gewann die gesellschaftliche Rolle des Fußballsports an Gewicht. Das Fan-Milieu gilt mittlerweile als sensibler Indikator politisch-sozialer Spannungen. Zudem erweiterte der DFB seine rein sportpolitische Funktion und beansprucht heute die Rolle eines wichtigen gesellschaftspolitischen Akteurs.

    Das Themenheft bietet u.a. auch Aufsätze zur Gewalt in der Heimerziehung und in Gefängnissen, ein Interview mit dem Soziologen Wolfgang Knöbl zur Gewaltforschung sowie in der Rubrik „Neu gesehen“ einen Beitrag über die „Schimanski“-Tatorte der 1980er-Jahre.

    Die „Zeithistorischen Forschungen“ werden am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (http://www.zzf-potsdam.de) herausgegeben von Frank Bösch, Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow. Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (http://www.v-r.de) und zugleich im Open Access (http://www.zeithistorische-forschungen.de). Die Herausgeber des aktuellen Themenhefts sind Thomas Schaarschmidt, Winfried Süß und Peter Ulrich Weiß.

    Bei redaktionellen Fragen wenden Sie sich bitte an:

    Dr. Jan-Holger Kirsch
    Zentrum für Zeithistorische Forschung
    Am Neuen Markt 1
    D-14467 Potsdam
    Tel.: ++49 (0)331/28991-18
    E-Mail: kirsch@zzf-pdm.de
    Internet: http://www.zeithistorische-forschungen.de

    Abonnements, Einzelhefte und Rezensionsexemplare sind erhältlich bei:

    HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH
    Holzwiesenstr. 2
    72127 Kusterdingen
    Tel.: ++49 (0)7071/9353-16
    Fax: ++49 (0)7071/9353-93
    E-Mail: v-r-journals@hgv-online.de

    ________________________________________

    Weitere Informationen:

    http://www.zeithistorische-forschungen.de – Zeithistorische Forschungen im Open Access
    http://www.zzf-potsdam.de – Website des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam
    http://www.v-r.de – Website des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jan-Holger Kirsch
    kirsch@zzf-potsdam.de


    Originalpublikation:

    http://www.zeithistorische-forschungen.de – Zeithistorische Forschungen im Open Access


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
    überregional
    Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Cover ZF Heft 2/2018: Ausschnitt eines Plakats des Grafikers Manfred Spies mit einem Foto des Deutschen Kinderschutzbundes, 1979


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