idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
19.12.2018 01:01

Gewohnheitstier trifft Multikulti – Langzeitstudie über das Wanderverhalten von Fledermäusen

Dipl.-Geogr. Anja Wirsing Pressestelle des Forschungsverbundes Berlin e.V.
Forschungsverbund Berlin e.V.

    Ähnlich wie Vögel wandern einige Fledermausarten über mehrere Tausend Kilometer – im Schutz der Dunkelheit von Menschen nahezu unbemerkt und nur teilweise erforscht. Eine Rekonstruktion individueller Migrationsbewegungen des Großen Abendseglers (Nyctalus noctula) in Mitteleuropa zeigte nun, dass Weibchen weitere Strecken zurücklegen als Männchen. Zudem sind die Distanzen der Wanderungen sehr variabel, wodurch sich Populationen, die während der Aufzucht von Jungtieren im Sommer räumlich voneinander getrennt sind, in den Winterquartieren stark mischen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences“ erschienen.

    Jedes Jahr unternehmen Billionen Tiere jahreszeitliche Wanderungen. Ähnlich wie Vögel wandern einige Fledermausarten über mehrere Tausend Kilometer – im Schutz der Dunkelheit von Menschen nahezu unbemerkt und nur teilweise erforscht. Eine Rekonstruktion individueller Migrationsbewegungen des Großen Abendseglers (Nyctalus noctula) in Mitteleuropa zeigte nun, dass Weibchen weitere Strecken zurücklegen als Männchen. Zudem sind die Distanzen der Wanderungen sehr variabel, wodurch sich Populationen, die während der Aufzucht von Jungtieren im Sommer räumlich voneinander getrennt sind, in den Winterquartieren stark mischen. Einmal gewählt, weichen Individuen jedoch selten von ihrem gewohnten Wanderungsverhalten ab, was im Kontext rasch verändernder Lebensräume nachteilig sein könnte. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences“ erschienen.

    Das internationale Wissenschaftlerteam unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) nutzte das Verhältnis von stabilen Wasserstoffisotopen in kleinsten Fellproben von Fledermäusen, um deren Herkunftsregion zu bestimmen. Auf diese Weise war es ihnen möglich, über mehrere Jahre von über 1.000 Exemplaren des Großen Abendseglers, die in sieben mitteleuropäischen Überwinterungsgebieten angetroffen wurden, zu ermitteln, aus welchen Sommerlebensräumen sie stammten. Die Daten zeigen, dass die Tiere eines Winterquartiers ein sehr unterschiedliches Wanderverhalten aufzeigen können: Die meisten Fledermäuse hielten sich zwar sowohl im Sommer als auch im Winter in derselben Region auf, in jedem Quartier fand sich jedoch auch ein nennenswerter Anteil von Fledermäusen, die weitere Strecken zurückgelegt hatten.

    „Wir konnten damit nachweisen, dass Tiere derselben Überwinterungsgruppe unterschiedliches Migrationsverhalten zeigen“, sagt Christian Voigt vom Leibniz-IZW. „In mitteleuropäischen Winterquartieren durchmischen sich Große Abendsegler aus unterschiedlichen Sommerlebensräumen, wie zum Beispiel Polen, Russland, Baltikum sowie Skandinavien und Deutschland, und verbringen dann den Winter friedfertig im sozialen Winterschlaf.“

    Weiterhin zeigten die Analysen der WissenschaftlerInnen, dass insbesondere weibliche Fledermäuse längere Strecken zurücklegten. Tendenziell kamen weibliche Große Abendsegler eher aus nördlichen Breiten als männliche Artgenossen. Ein Abgleich mit morphologischen Daten zeigte, dass weiblichen Tieren aus den weiten Reisen kein Nachteil entstehen. „Wir haben aus Daten über Gewicht und Flügellänge einen Koeffizienten für die körperliche Verfassung errechnet und konnten zeigen, dass Männchen in besserer körperlicher Verfassung sind, wenn sie nur regional aktiv sind, während bei den Weibchen die weit wandernden in besserer Verfassung sind“, so Linn Lehnert, die Erstautorin der Studie. „Wir vermuten einen Zusammenhang mit dem erheblich besseren Nahrungsangebot für die insektenfressenden Tiere im Sommer in nördlichen Breiten. Für Weibchen mit erhöhtem Energiebedarf durch Trächtigkeit und Stillzeit lohnt sich dann der lange Weg.“ Männchen hingegen wandern in erster Linie in jungen Jahren und neigen später zu einem eher regionalen Lebensstil.

    Nicht zuletzt konnte die Studie Herkunftsdaten von 79 Fledermäusen auswerten, welche die ForscherInnen mehrfach in den Winterquartieren antrafen. Dabei fanden sie heraus, dass ein überwiegender Teil der Großen Abendsegler Gewohnheitstiere sind. 86% der Tiere zeigten dasselbe Wanderverhalten wie bei der ersten Erfassung. Diese festen Gewohnheiten könnten für die Tiere zum Problem werden, schließt das Forscherteam. Wenn sich Ökosysteme rasch änderten, was im Zuge von Erderhitzung und anderen menschlichen Eingriffen immer wahrscheinlicher wird, hätten Individuen mit geringer Flexibilität in ihrem Wanderverhalten Nachteile. Um dies für verschiedene Fledermausarten genau einschätzen zu können, sind jedoch weitere Untersuchungen nötig. „Was wir bereits jetzt ableiten können, ist wie wichtig lokale Winterquartiere des Großen Abendseglers für die gesamteuropäische Population des Großen Abendseglers sind“, schließt Lehnert. „Ein lokales aber auch international koordiniertes Vorgehen zum Schutz der Winterquartiere ist daher dringend nötig.“

    Kontakt:
    Jan Zwilling
    Wissenschaftskommunikation
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
    Alfred-Kowalke-Straße 17
    10315 Berlin
    Tel: +49 (0)30 5168121
    E-Mail: zwilling@izw-berlin.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    PD Dr. Christian Voigt
    Leiter der Abteilung Evolutionäre Ökologie
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Forschungsverbund Berlin e.V.
    Alfred-Kowalke-Straße 17, 10315 Berlin
    Tel: +49 (0)30 5168511
    E-Mail: voigt@izw-berlin.de

    Linn Sophie Lehnert
    Doktorandin in der Abteilung Evolutionäre Ökologie
    Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Forschungsverbund Berlin e.V.
    Alfred-Kowalke-Straße 17, 10315 Berlin
    Tel: +49 (0)30 5168326
    E-Mail: lehnert@izw-berlin.de


    Originalpublikation:

    Lehnert LS et al. (2018) Variability and repeatability of noctule bat migration in Central Europe: evidence for partial and differential migration. Proc. R. Soc. B 20182174. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2018.2174


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Biologie, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) in einer Baumhöhle


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay