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08.01.2019 10:13

Posttraumatische Belastungsstörung: Flashbacks durch das Spielen von Tetris abschwächen

Dr. Julia Weiler Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

    Eine Intervention, die das Spielen des Computerspiels Tetris beinhaltet, könnte Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) helfen, unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse abzuschwächen. Zu diesem Schluss kommt ein Team der Ruhr-Universität Bochum zusammen mit einer Forscherin des Karolinska Institutet in Schweden nach einer Studie mit 20 Patientinnen und Patienten mit PTBS. Nach der Intervention ging die Anzahl an sogenannten Flashbacks für die belastenden Ereignisse zurück.

    Das Team um Prof. Dr. Henrik Kessler und Dr. Aram Kehyayan von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im LWL-Universitätsklinikum Bochum berichtet über die Ergebnisse gemeinsam mit Prof. Dr. Emily Holmes vom Karolinska Institutet im Journal of Consulting and Clinical Psychology, online veröffentlicht Ende Dezember 2018.

    Zu wenig Therapieplätze

    Eines der gravierendsten Symptome der PTBS sind unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse. „Die PTBS lässt sich mit den verfügbaren Therapien gut behandeln“, sagt Henrik Kessler, Oberarzt und Traumatherapeut. „Allerdings gibt es viel mehr Patientinnen und Patienten als Therapieplätze.“ Deswegen suchen die Forscher nach Methoden außerhalb der konventionellen Behandlungen, die die Symptome lindern können.

    Vor rund zehn Jahren fand Emily Holmes mit ihrem Team heraus, dass das Computerspiel Tetris durch Horrorfilme ausgelöste Flashbacks bei gesunden Personen unterdrücken kann, wenn es kurz nach dem Betrachten des Filmes gespielt wird. In der aktuellen Studie testeten die Wissenschaftler, ob dieser Effekt auch Patienten mit PTBS helfen kann, bei denen die Ursache der belastenden Erinnerungen oft Jahre zurückliegt.

    Spezielle Intervention

    An der Studie nahmen 20 Patientinnen und Patienten mit komplexer PTBS teil, die zu einer regulären Therapie für sechs bis acht Wochen stationär in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie waren. Neben den üblichen Einzel- und Gruppentherapien absolvierten sie eine spezielle Intervention. Sie schrieben eine ihrer belastenden Erinnerungen auf ein Blatt. Dann zerrissen sie den Zettel – ohne über den Inhalt zu sprechen – und spielten anschließend für 25 Minuten Tetris auf einem Tablet.

    Die Patienten gaben stets mehrere verschiedene Flashbacks an, zum Beispiel Gewalterfahrungen in unterschiedlichen Situationen, deren Auftreten sie über die Wochen in ein Tagebuch notierten. Pro Intervention, die von Woche zu Woche stattfand, fokussierten sie immer nur den Inhalt eines spezifischen Flashbacks.

    Weniger Flashbacks

    Nur die Häufigkeit des Flashbacks, dessen Inhalt in der Woche fokussiert wurde, ging spezifisch in den Tagen und Wochen nach der Intervention zurück. Für die noch nicht fokussierten Flashbackinhalte blieb die Anzahl der Flashbacks relativ konstant. Über die Wochen wurden so nacheinander verschiedene Flashbackinhalte fokussiert, deren Häufigkeit zeitgenau jeweils in der Folge sank. Insgesamt ging die Anzahl der Flashbacks für die jeweils fokussierte Situation um durchschnittlich 64 Prozent zurück. Flashbacks, deren Inhalt nie fokussiert wurde, gingen nur um elf Prozent zurück. Die Intervention wirkte insgesamt bei 16 der 20 getesteten Patienten.

    Vermutete zugrunde liegende Mechanismen der neuen Intervention

    Die Forscher nehmen an, dass der Erfolg der Methode auf folgendem Mechanismus beruht: Wenn Patienten sich detailliert ein Bild der belastenden Erinnerung machen, aktiviert das vermutlich Gebiete für räumlich-bildliche Verarbeitung im Gehirn; vergleichbare Areale könnten auch für das Spielen von Tetris bedeutsam sein. Beide Aufgaben benötigen also vergleichbare und begrenzte Ressourcen, es kommt zur Interferenz.

    Immer wenn ein Patient den Inhalt eines Flashbacks bewusst wiedererinnert, wird die damit verbundene Gedächtnisspur kurzzeitig labil. Wenn in dieser Zeit eine Interferenz stattfindet, könnte die Gedächtnisspur abgeschwächt wieder eingespeichert werden, vermuten die Wissenschaftler.

    Weitere Studien in Arbeit

    „In unserer Studie wurde die Intervention zwar von einem Teammitglied begleitet, aber dieses hat keine aktive Rolle eingenommen und die verschriftlichten traumatischen Erinnerungen nicht gelesen“, erklärt Kessler. „Unsere Hoffnung ist, dass wir eine Behandlung ableiten können, die Menschen auch allein durchführen könnten, wenn kein Therapieplatz verfügbar ist. Die Intervention kann jedoch eine komplexe Traumatherapie nicht ersetzen, sondern lediglich ein zentrales Symptom, die Flashbacks, lindern.“

    Die Forscher weisen außerdem darauf hin, dass weitere Untersuchungen mit Kontrollbedingungen und an einer deutlich größeren Anzahl Patienten notwendig sind, um die Wirksamkeit der Methode zu bestätigen. Diese Studien führt das Team um Kessler und Kehyayan aktuell durch. Außerdem gehen sie in Grundlagenstudien den genauen Mechanismen des Effekts bei gesunden Menschen weiter auf den Grund.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Henrik Kessler
    Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
    LWL-Universitätsklinikum
    Ruhr-Universität Bochum
    Tel.: 0234 50773176
    E-Mail: henrik.kessler@rub.de


    Originalpublikation:

    Henrik Kessler, Emily A. Holmes, Simon E. Blackwell, Anna-Christine Schmidt, Johanna M. Schweer, Anna Bücker, Stephan Herpertz, Nikolai Axmacher, Aram Kehyayan: Reducing intrusive memories of trauma using a visuospatial interference intervention with inpatients with Posttraumatic Stress Disorder (PTSD), in: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 2018, DOI: 10.1037/ccp0000340


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Bochumer Forscherteam: Aram Kehyayan (links) und Henrik Kessler


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