Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
16.01.2019 10:00

Mehr Platz für Vögel und Schmetterlinge in der Landwirtschaft

Nathalie Matter Corporate Communication
Universität Bern

    Um den schwindenden Bestand von Vögeln und Schmetterlingen im Schweizer Kulturland wieder zu erhöhen, müssen Biodiversitätsförderflächen vergrössert und deren Qualität verbessert werden. In einer neuen Studie evaluierten Forschende der Universität Bern und der Berner Fachhochschule Massnahmen zur Förderung der Biodiversität in der Landwirtschaft.

    Die Biodiversität im Kulturland hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Mit dem Ziel, diesen Rückgang zu stoppen und umzukehren, wurden in der Schweiz in den 1990er-Jahren die Biodiversitätsförderflächen (BFF, ehemals ökologische Ausgleichsflächen) eingeführt. Biodiversitätsförderflächen sind naturnahe Flächen wie Wiesen und Weiden, Wildblumenstreifen oder Hecken. Sie werden extensiv bewirtschaftet, Dünge- und Pflanzenschutzmittel dürfen also nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Landwirtinnen und Landwirte müssen mindestens 7% ihrer Flächen als Biodiversitätsförderflächen bewirtschaften, um den ökologischen Leistungsnachweis zu erfüllen, der sie zum Bezug von Direktzahlungen qualifiziert.

    Die Wirksamkeit der Biodiversitätsförderflächen wurde wiederholt in Frage gestellt, da auch nach ihrer Einführung der Rückgang der Biodiversität, einschliesslich charakteristischer Zielarten des Kulturlandes, nicht gestoppt werden konnte. Ein Team von Forschenden der Universität Bern und der Berner Fachhochschule hat nun unter der Leitung von Dr. Jean-Yves Humbert vom Institut für Ökologie und Evolution (IEE) der Universität Bern untersucht, welche Eigenschaften der Förderflächen die Biodiversität von Vögeln und Tagfaltern beeinflussen. Es ist eine der ersten Studien, welche die Effekte der Biodiversitätsförderflächen auf Landschaftsebene untersucht. Die Studie wurde im Journal Biological Conservation veröffentlicht.

    Grossflächige Wirkung dank lokaler extensiver Bewirtschaftung

    Die Forschenden haben im Schweizer Mittelland insgesamt 46 Untersuchungsflächen von je 1 km2 auf verschiedene Faktoren untersucht. Erhoben wurde der Anteil der Biodiversitätsförderflächen an der Gesamtfläche sowie die Qualität, die Grösse, die Distanz, die Vielfalt und die Konfiguration der Biodiversitätsförderflächen. Es zeigte sich, dass in Bezug auf die Tagfalter der Anteil Förderflächen im Kulturland der wichtigste der untersuchten Faktoren ist. Artenvielfalt und Dichte der Tagfalter nahmen um 22% bzw. 60% zu, wenn der Biodiversitätsförderflächen-Anteil im Kulturland von 5% auf 15% stieg. Dieser Trend zeigte sich auch bei den Brutvögeln, da die Biodiversitätsförderflächen in der sonst intensiv genutzten Agrarlandschaft Futter- und Nistmöglichkeiten bieten. «Frühere Studien haben gezeigt, dass die extensiv bewirtschafteten Biodiversitätsförderflächen die Biodiversität lokal, das heisst auf Ebene der Parzelle, fördern. Unsere Studie zeigt, dass Förderflächen auch grossflächig, auf Landschaftsebene, positive Auswirkungen auf die Populationen von Brutvögeln und Tagfaltern haben,» sagt Jean-Yves Humbert.

    Kaum Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität im Mittelland

    Die Forschenden konnten zudem zeigen, dass sich Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität positiv auf die Population von charakteristischen und prioritären Brutvogelarten des Kulturlandes und der Roten Liste auswirken. Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität, sogenannte BFF Q2, haben einen höheren ökologischen Wert und botanische Qualität und sind zudem besonders arten- oder strukturreich. «In unserem Studiengebiet hatten nur zwei von 46 Landschaften einen hohen Anteil an Biodiversitätsförderflächen mit hoher Qualität, was den verheerenden Mangel im Schweizer Mittelland verdeutlicht,» sagt Silvia Zingg von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule. Um die «Umweltziele Landwirtschaft» der Bundesämter für Umwelt und Landwirtschaft im Bereich Biodiversität zu erreichen, sollte daher gemäss den Forschungsergebnissen der Anteil Biodiversitätsförderflächen erhöht und die Qualität bestehender Flächen dringend aufgewertet werden. Um seltene oder spezialisierte Arten zu fördern genügten die klassischen Biodiversitätsförderflächen aber nicht: «Leider sind die Populationen vieler Arten, wie beispielsweise des Wiedehopfes oder des Braunkehlchens, im Mittelland bereits stark reduziert oder verschwunden. Zur Förderung solcher Arten müssen weitere gezielte, art-spezifische Massnahmen umgesetzt werden,» sagt Silvia Zingg.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jean-Yves Humbert (français)
    Universität Bern
    Institut für Ökologie und Evolution
    Baltzerstrasse 6, CH-3012 Bern
    Tel. +41 (0)31 631 31 73
    jean-yves.humbert@iee.unibe.ch

    Dr. Silvia Zingg (deutsch)
    Berner Fachhochschule
    Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL
    Länggasse 85
    CH-3052 Zollikofen
    Tel. +41 (0)31 910 21 32
    silvia.zingg@bfh.ch


    Originalpublikation:

    Zingg S., Ritschard, E., Arlettaz R., Humbert, J.-Y. (2019): Increasing the proportion and quality of land under agri-environment schemes promotes birds and butterflies at the landscape scale. Biological Conservation. 231 (2019) 39–48. https://doi.org/10.1016/j.biocon.2018.12.022


    Weitere Informationen:

    https://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2019/medi...


    Anhang
    attachment icon Medienmitteilung Biodiversität Landwirtschaft

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Schachbrettfalter (Melanargia galathea)


    Zum Download

    x

    Extensive Wiese bei Herolfingen BE.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay