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17.01.2019 10:00

Mieser Fraß? Wie Mesozooplankton auf Blaualgenblüten reagiert

Dr. Barbara Hentzsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

    Warnemünder MeeresforscherInnen ist es mithilfe der Analyse von stabilen Stickstoff-Isotopen in Aminosäuren gelungen, das rätselhafte Fressverhalten von Mesozooplankton in Gegenwart von Blaualgenblüten zu entschlüsseln. Sie entdeckten, dass sich Beobachtungen, nach denen sowohl die Dominanz von herbivorer als auch die von carnivorer Ernährung vorkamen, mit der Alterung einer Blüte erklären lassen: Das Stadium einer Blüte bestimmt, ob „Fleisch“ oder „Gemüse“ bevorzugt wird. Da für die Zukunft eine weltweite Zunahme von Cyanobakterienblüten angenommen wird, eröffnen diese Erkenntnisse neue Perspektiven auf potentielle Entwicklungen innerhalb einer Schlüsselgruppe des marinen Nahrungsnetzes.

    Es bildet eine der wichtigsten Säulen des marinen Nahrungsnetzes weltweit: das so genannte Mesozooplankton umfasst im Wasser schwebende Tiere von einer Größe zwischen 0,2 und 20 mm. In ihrer Ernährungsweise sind sie vielfältig. Es kommen sowohl carnivore Tiere als auch „Vegetarier“ vor, die sich direkt am Phytoplankton bedienen. Von Algen und Bakterien bei der Primärproduktion gebildetes organisches Material wird von ihnen entweder direkt oder über mehrere Schritte für die weitere Nutzung im komplexen Nahrungsnetz der Meere aufbereitet. Ihre Ernährungsweise entscheidet, ob höheren trophischen Ebenen – wie Fischen - energiereiche Nahrung zur Verfügung steht oder eher schmale Kost, denn bei jeder Zwischenstufe auf dem Weg vom Phytoplankton zum Mesozooplankton geht Energie verloren, müssen größere Mengen verzehrt werden, um den gleichen Nährwert aufzunehmen. Damit kommt dem Mesozooplankton eine ökologische Schlüsselposition zu und die Frage, ob auf dieser Ebene carnivore oder herbivore Ernährung vorherrscht, kann für das ganze Nahrungsgefüge im Meer entscheidend sein.

    Wie aber das Verhältnis von Fleischfressern zu Vegetariern im Mesozooplankton genau aussieht, ließ sich bislang nur in aufwendigen Experimenten unter Labor- oder Mesokosmenbedingungen erfassen. Natalie Loick-Wilde gelang nun zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen mit einem neuen Ansatz der Sprung in die realen Umweltbedingungen: mithilfe der Analyse stabiler Stickstoff-Isotope in Aminosäuren, konnte sie an Zooplankton-Proben von unterschiedlichen Standorten in der Ostsee das Verhältnis von carnivoren zu herbivoren Vertretern direkt bestimmen und diese Werte mit den vor Ort gemessenen Umweltbedingungen in Beziehung setzen.

    Durch diesen Ansatz lassen sich nun unterschiedlichste Einflussmöglichkeiten auf die Ernährungsweise und damit die Komplexität des Nahrungsnetzes und den Energiegehalt des Mesozooplanktons direkt untersuchen. In einem kürzlich in der internationalen Fachzeitschrift „Global Change Biology“ erschienen Artikel schildert das interdisziplinäre Autorenteam aus Biologen, Chemikern und Physikern, wie sich diese Nahrungsbeziehungen im Mesozooplankton unter dem Einfluss von Cyanobakterienblüten, umgangssprachlich auch Blaualgenblüten genannt, entwickeln.

    Große, filamentöse, Stickstoff-fixierende Cyanobakterien, wie Nodularia oder Trichodesmium, gelten als Profiteure der immer rascheren Erwärmung der Meere. Ihr Einfluss auf das Mesozooplankton wird also in Zukunft zunehmen. „Die Cyanobakterien, von denen wir hier sprechen, sind verhältnismäßig groß und produzieren dann oft auch noch Giftstoffe. Sie sind für Zooplankter als Nahrung eher unattraktiv“, erläutert Natalie Loick-Wilde, die am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) die Arbeitsgruppe „Aquatische Nahrungsnetze“ leitet. „Wie sich ein solches, eher mieses Nahrungsangebot auf das Fressverhalten im Mesozooplankton auswirkt, war bislang unklar. Verschiedene Studien führten zu widersprüchlichen Ergebnissen: mal wurde die Dominanz von carnivorer, mal von herbivorer Ernährung konstatiert.

    Mithilfe ihres neuen Ansatzes konnten Natalie Loick-Wilde und ihr interdisziplinäres Autorenteam nun zeigen, dass die Verschiebung hin zu einer Dominanz der „Fleischfresser“ parallel zu dem Alterungsprozess der Blüte verläuft. Die planktonische Gemeinschaft wurde diverser. Neben den so genannten autotrophen Primärproduzenten, die für ihre Vermehrung nur Licht und Nährstoffe brauchen, nahmen heterotrophe Mikroorganismen, die sich bereits von Algen und Bakterien ernähren, eine größere Rolle im Nahrungsspektrum des Mesozooplanktons ein, das dadurch carnivor statt herbivor wurde. Welche Konsequenzen dies für die biogeochemischen Funktionen des Mesozooplanktons und damit auch für die höheren trophischen Ebenen hat und ob der Mechanismus auch auf die großen, saisonalen Trichodesmium Blüten der tropischen und subtropischen Ozeane übertragbar ist, ist Gegenstand weiterer Forschung. Für Loick-Wilde sind es aber auch die biogeochemischen Modelle, die von ihrer Forschung profitieren können: „Während in den Modellen bislang das Fressverhalten des Mesozooplanktons immer nur entweder herbivor oder carnivor war, können wir jetzt auch die Veränderungen einbauen, die sich bei wechselnden Umweltbedingungen ergeben. Damit sind wir auf dem Ziel, die Dynamik des Nahrungsnetzes zu verstehen, einen großen Schritt weitergekommen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Natalie Loick-Wilde | Tel.: 0381 – 5197 206 | natalie.loick-wilde@io-warnemuende.de
    Sektion Biologische Meereskunde
    Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde


    Originalpublikation:

    Loick‐Wilde N, Fernández‐Urruzola I, Eglite E, Liskow I, Nausch M, Schulz‐Bull D, Wodarg D, Wasmund N, Mohrholz V. Stratification, nitrogen fixation, and cyanobacterial bloom stage regulate the planktonic food web structure. Glob Change Biol. 2019;00:1–17. https://doi.org/10.1111/gcb.14546


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Als Folge des Klimawandels wird weltweit mit einer Zunahme der Blaualgenblüten gerechnet. Die Frage, wie sie im Nahrungsnetz verwertet werden können, wird daher zunehmend wichtig.


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