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06.05.2019 13:40

Slawistische Sprachwissenschaft 2.0

Stephan Laudien Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Ruprecht von Waldenfels ist neuer Professor für Slawistische Philologie an der Universität Jena

    Wie verändern sich Sprachen? Warum verändern sie sich überhaupt? Fragen wie diese faszinieren Ruprecht von Waldenfels. Der neu berufene Professor für Slawistische Philologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena erkundet neue Wege, um den Sprachwandel zu erforschen. Mit Hilfe der Digitalisierung möchte von Waldenfels den Sprachvergleich automatisieren. Nach Jena ist von Waldenfels von Oslo aus gewechselt, hier gebe es die besseren Studierenden, sagt er augenzwinkernd.

    Schon früh der Blick nach Osten

    „Computer können das nicht besser machen, aber sie sind schneller und verarbeiten gewaltige Datenmengen“, sagt Ruprecht von Waldenfels. Wo bislang mühselig Seite für Seite zwei Texte miteinander verglichen wurden, erkenne die Software rasch Muster und visualisiere sie. Die richtige Einordnung obliegt noch immer dem Wissenschaftler.
    Sprachen haben Ruprecht von Waldenfels bereits als Kind in ihren Bann gezogen. Dabei lenkte der 1973 geborene Nachfahre eines fränkischen Adelsgeschlechts schon früh seinen Blick gen Osten: „Der Krieg bildete für unsere Familie die Hintergrundfolie“, sagt von Waldenfels. Eine starke Prägung habe es durch die Mutter gegeben, die als Jugendliche aus dem Sudetenland vertrieben worden war. Polen war ergo ein Urlaubsland für die Familie, gleichwohl verbrachte von Waldenfels mit sieben und 13 je ein Jahr in Kanada. „Ich wuchs mehrsprachig auf, lernte ein Jahr Japanisch und später noch Russisch.“

    Um sein Russisch zu vertiefen, besuchte Ruprecht von Waldenfels einen Sprachkurs in Tomsk in Sibirien, während zur gleichen Zeit Panzer durch Moskau rollten. „Es gab den Putsch gegen Gorbatschow, einen letzten Versuch, den Zerfall der Sowjetunion aufzuhalten.“ Für Ruprecht von Waldenfels war die Reise nach Tomsk ein Aufbruch ins Unbekannte, ins Spannende: Er beschloss, seinen Zivildienst ebenfalls in Russland zu leisten. Über einen kleinen Verein der evangelischen Kirche arbeitete von Waldenfels zunächst in einem Moskauer Krankenhaus, wo er als Deutscher, noch dazu aus dem Westen, als „bunter Hund“ angesehen wurde. Eine weitere Station war die Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

    Sprachwissenschaft mit Hilfe des Computers

    Nach dem Russland-Aufenthalt wollte Ruprecht von Waldenfels nicht nach Heidelberg zurück. Er ging nach Berlin, nahm dort ein Studium der Politologie, Russistik und Philosophie auf, wechselte später auf Slawistik, Osteuropastudien und Informatik. Um Geld zu verdienen – von Waldenfels war mit 22 das erste Mal Vater geworden – reaktivierte er seine Programmierkenntnisse. Parallel zum Studium arbeitete er bei einer Firma, die automatische Übersetzungssoftware für Englisch-Russisch und Deutsch-Russisch entwickelte. „Erst mit meiner Magisterarbeit bin ich bei der Sprachwissenschaft gelandet“, sagt Ruprecht von Waldenfels. Er schrieb über das Verb „lassen“, seine Arbeit trägt den Titel „Die deutsche analytische Kausativkonstruktion und ihre Äquivalente im Russischen“. Es folgte ein Zwischenspiel in Helsinki – „Finnisch ist eine spannende Sprache!“ – und danach eine Stelle an der Universität Regensburg. Dort entstand die Dissertation „The grammaticalization of give with infinitive complement in Russian, Polish and Czech“. Als Postdoc ging von Waldenfels nach Cottbus, ans Sorbische Institut, von dort aus weiter nach Bern. „In Bern habe ich Methoden für den digitalen Sprachenvergleich weiterentwickelt“, so Ruprecht von Waldenfels. Eine Aufgabe, die ihn auch an der Universität Jena beschäftigt. Weitere Stationen des Wissenschaftlers waren Zürich, Krakau und die University of California, Berkeley.

    „Der Meister und Margarita“ in 26 verschiedenen Versionen

    Zu den Arbeitsgrundlagen von Waldenfels´ gehört zum Beispiel der Roman „Der Meister und Margarita“ digital in 26 verschiedenen Versionen und allen slawischen Sprachen. Mit Hilfe der digitalen Fassungen lassen sich Sprachvergleiche leicht bewerkstelligen. „Wir arbeiten daran, alte theoretische Fragestellungen mit den Möglichkeiten der digitalen Instrumente neu zu beantworten“, sagt von Waldenfels. Ein Ziel sei es, das Arbeitsmaterial als Open Data der Wissenschaftscommunity zur Verfügung zu stellen. Doch die klassische Feldforschung der Sprachwissenschaftler wird damit keineswegs obsolet. Ruprecht von Waldenfels erforscht mit Schweizer Studierenden zusammen innerhalb einer Kooperation der Uni Bern mit Moskau einen russischen Dialekt. Immer wieder fahren die Sprachforscher dafür in ein Dorf, gut tausend Kilometer von Moskau entfernt. Dass die Dialekte auf dem Rückzug sind, ist lange bekannt. „Doch jetzt können wir den Verlust besser dokumentieren und vor allem modulieren und verstehen.“

    In Jena möchte Ruprecht von Waldenfels das Aleksander-Brückner-Zentrum für Polenstudien neu beleben. Er möchte das Interesse von Studentinnen und Studenten für den Osten Europas wecken, für Regionen, die ihn selbst faszinieren, sprachlich und kulturell. Der Vater von drei Töchtern – zwei studieren bereits, die dritte geht nun in Jena zur Schule – hat sich mit der Stadt Jena schon angefreundet. In seiner Freizeit möchte er die Saale erkunden, per Kanu.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Ruprecht von Waldenfels
    Institut für Slawistik und Kaukasusstudien der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Ernst-Abbe-Platz 8, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 944720
    E-Mail: ruprecht.waldenfels[at]uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Informationstechnik, Kulturwissenschaften, Sprache / Literatur
    überregional
    Personalia
    Deutsch


    Prof. Dr. Ruprecht von Waldenfels ist neuer Slawistik-Professor an der Universität Jena.


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