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03.06.2019 17:00

Tübinger Geschichte interaktiv erleben: Neuer Multimedia-Stadtführer im Rathaus

Simone Falk von Löwis of Menar Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Wissensmedien

    Im Rahmen einer Forschungskooperation zwischen dem Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) und der Stadt Tübingen entstand ein interaktives Multimedia-Tool, das Boris Palmer, Oberbürgermeister der Universitätsstadt, jetzt vorgestellt hat. An dem sogenannten Tübinger Tisch, einer Billardtisch-großen Multitouch-Installation, können sich Interessierte im Rathausfoyer die Highlights der Stadt nun intuitiv und interaktiv erschließen – und IWM-Forschende weitere Erkenntnisse über die perfekte Usability sammeln.

    Im 1435 erbauten Tübinger Rathaus wird die Geschichte der Stadt seit Juni 2019 auch digital erzählt. Möglich macht dies eine eigens von IWM-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelte Multimedia-Installation. Der interaktive City-Guide, der ab sofort der Öffentlichkeit im Foyer des Rathauses zur Verfügung steht, baut mit seiner intuitiven Funktionalität Berührungsängste schon mit der ersten Wischgeste ab. Das ist wichtig, da nicht die Hardware, sondern die Vermittlung von Wissen im Mittelpunkt steht.

    Herzstück des Tübinger Tisches ist eine 84 Zoll Multitouch-Oberfläche, auf der sich den Besucherinnen und Besuchern zunächst der Tübinger Stadtplan zeigt. Darauf sind aktuell rund 30 ausgewählte Sehenswürdigkeiten rot markiert. Mit selbstverständlichen Gesten wie Berühren, Bewegen, Rotieren und Skalieren können Interessierte tiefer in die Geschichte der Stadt eintauchen. Tübinger Hotspots wie etwa das Schloss, die Stiftskirche oder die Neckargasse werden damit virtuell erfahrbar. Dabei können jeweils mehrere Dokumente simultan präsentiert werden, so dass der Tisch von verschiedenen Personen gleichzeitig genutzt werden kann, beispielsweise als Ausgangs- oder Endpunkt von Stadtführungen.

    Warum Wissen mit digitaler Unterstützung schneller wächst
    „Das neue Infoangebot im Rathaus ist Produkt gewordene Grundlagenforschung“, betont Prof. Dr. Peter Gerjets, der die Kooperation initiierte und vorantrieb. Die Möglichkeiten, die der Tübinger Tisch bietet, basieren auf langjähriger Forschung des Leibniz-Instituts für Wissensmedien. An dem 2001 in Tübingen gegründeten außeruniversitären Institut erforschen derzeit rund 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie digitale Technologien eingesetzt werden können, um Wissensprozesse zu verbessern. Als Leiter der IWM-Arbeitsgruppe Multimodale Interaktion beschäftigt sich der Psychologe Gerjets im Rahmen des Projektes mit der Frage, wie Wissen mit digitalen Medien so vermittelt werden kann, dass möglichst viel davon erinnert und verstanden wird. „Welche Auswirkungen hat es etwa, wenn Nutzerinnen und Nutzer mit Informationsangeboten interagieren können, beispielsweise durch Berühren, Verschieben oder andere körperliche Steuergesten“, beschreibt er exemplarische Fragestellungen, die im Zentrum seines Forschungsinteresses stehen.

    Die Erkenntnisse der Arbeit fließen kontinuierlich in die Gestaltung digitaler Informationsangebote ein. In Kooperation mit dem Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum entwickelte das IWM etwa bereits ein personalisierbares Besucherinformationssystem, das seit 2016 in Betrieb ist und auf Basis von Besucherstudien und Experimenten permanent weiterentwickelt wurde. Ebenfalls 2016 wurden in gleich acht Museen der Leibniz-Gemeinschaft Multimedia-Tische mit diesem IWM-System platziert und in Kooperation mit dem Münchener Institut für Zeitgeschichte werden derzeit großflächige Interaktionsangebote für eine digitale Ausstellung im Lern- und Erinnerungsort „Dokumentation Obersalzberg“ entwickelt. „Das Angebot, selbst mit den dargebotenen Inhalten zu interagieren, unterstützt Interessierte bei der Auseinandersetzung mit den Inhalten“, betont Prof. Dr. Peter Gerjets. Vereinfacht gesagt: Die Materie wird leichter verdaulich, die Lernmotivation steigt und der digitale Support lässt Wissen schneller wachsen.

    Einmaliges Informationsszenario macht Rathaus attraktiver
    In Tübingen angesiedelt, ist das IWM nicht nur bundesweit, sondern insbesondere auch international ausgerichtet. „Doch bei einer an Historie so reichen Stadt wie Tübingen lag es quasi auf der Hand, unsere Forschung auch im Rahmen eines nachhaltigen Projekts vor Ort einzusetzen“, berichtet Prof. Dr. Peter Gerjets, der den Dialog mit der Stadt suchte. 2017 wurde ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungsprojekt in Angriff genommen. Basierend auf der umfangreichen Expertise der IWM-Forscherinnen und Forscher entstand mit dem Tübinger Tisch eine komplett überarbeitete Variante des interaktiven Tools, wobei insbesondere die Integration kartographischen Materials für gleichzeitige Nutzung durch mehrere Personen eine besondere Herausforderung darstellte. Bei der Content-Erstellung brachte unter anderem die langjährige Tübinger Stadtführerin und Buchautorin Andrea Bachmann ihr umfangreiches Wissen ein, das vom IWM digital aufbereitet wurde.

    Learning in Action: Forschung geht weiter
    Der nun im Rathaus für die Öffentlichkeit zugängliche Multimedia-Guide bereichert mit seiner in dieser Form einmaligen Informationsdichte und userfreundlichen Konzeption die Stadt und macht das Rathausfoyer noch attraktiver. Für die Forschenden geht die Arbeit am Projekt indes weiter. „Learning in Action“, das Lernen im alltäglichen Setting zu erforschen, steht für die Bil-dungsexpertinnen und -experten jetzt auf dem Programm. Die tägliche Nutzung des Informati-onstischs im Tübinger Rathaus eröffnet den Fachleuten wichtige Forschungszugänge. „Einerseits zeigen wir mit dem Projekt, wie unsere Forschung in attraktiven Angeboten für die Wissensver-mittlung mündet – andererseits können wir durch den Praxiseinsatz in Zukunft auch besonders belastbare Forschungsergebnisse dazu sammeln, wie umfangreich Besucherinnen und Besucher nach der Nutzung des Tisches über die Geschichte der Stadt informiert sind und wie gut sie sich zurechtfinden“, fasst Prof. Dr. Peter Gerjets zusammen. Dafür werden unter anderem Usability-Tests, Besucherbefragungen und experimentelle Studien sorgen.

    Der Tübinger Multimedia-Tisch – die Fakten im Überblick
    - Maße: 84 Zoll, 2,16 m x 1,35 m
    - Inhalte: Informationen zu 30 sakralen und profanen Sehenswürdigkeiten sowie herausragenden Wohngebäuden zu Themen wie Baugeschichte, ehemalige und aktuelle Funktion, Geschichte zu den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Anekdotisches
    - Bildmaterial: Bis zu 400 Fotos, Innenansichten, Pläne, Zeichnungen, Portraits
    - Bedienung: Multiperspektivisches Multiuser-System (bis zu 12 Personen) durch 100 gleichzeitige Touch-Punkte
    - Sprache: Für zwei Sprachfassungen ausgelegt, installierte Sprache: Deutsch
    - Barrierefreiheit: Zusätzliche barrierefreie Station mit Audioinhalten für Kinder und Menschen mit Behinderungen
    - Mobile Version: Mobile Version für Tablets implementierbar
    - Zugang: Zu den Öffnungszeiten des Rathauses: Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr, Freitag 8 bis 16 Uhr
    - Einführung: Prof. Dr. Peter Gerjets vom Leibniz-Institut für Wissensmedien präsentiert allen Interessierten die Potenziale des Tübinger Tischs am Mittwoch, den 5. Juni um 16 Uhr


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Psychologie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsprojekte
    Deutsch


    Multi-User Oberfläche des Tübinger Tisches


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