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05.08.2019 14:59

„Heute wäre er wahrscheinlich Influencer“ – DSM erforscht fotografische Sammlung von Hanns Tschira

Colleen Lansnicker Kommunikation
Deutsches Schifffahrtsmuseum - Leibniz-Institut für Maritime Geschichte

    Er war einer der berühmtesten Bordfotografen seiner Zeit und ein Wegbegleiter des Norddeutschen Lloyd (NDL). Das Werk von Hanns Tschira (1899 – 1957) steht nun im Mittelpunkt einer Forschungsarbeit am Deutschen Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM).

    Eine junge Dame lehnt sich lächelnd an die Reling eines Schiffes, an der ein Rettungsreifen mit der Aufschrift „Columbus Bremen“ befestigt ist. Auf dem Kopf trägt sie eine Kapitänsmütze. Ihr kurzes, blondes Haar ragt knapp darunter heraus. Sie trägt eine dunkle Marlene-Hose, ein gestreiftes Polo-Shirt und wirft sich für die Kamera in Pose. Sie war die Begleitung des Mannes hinter der Kamera: Hanns Tschira, einer der bekanntesten Bordfotografen des Norddeutschen Lloyd. Das DSM ist seit 2003 im Besitz einer Sammlung seiner Fotografien. Sie umfasst rund 55.000 Negative und Diapositive sowie 850 private Fotoalben mit Bildmaterial, das Hanns Tschira an Bord der Schiffe BREMEN und COLUMBUS aufgenommen hat.

    Anfang des 20. Jahrhunderts war Bordfotografie eine professionell angebotene Dienstleistung für wohlhabende Passagiere. „In der Geschichte der Fotografie stellt die Bordfotogra-fie eine bisher wenig erforschte Nische der angewandten Reisefotografie dar, die sich exklusiv mit maritimen Themen beschäftigt“, erklärt Kunst- und Fotohistorikerin Dr. Hanin Hannouch, die seit Januar 2019 als International Research Fellow im Rahmen eines Forschungsaufenthalts am DSM arbeitet. Als kommerzielle Tätigkeit ist die Bordfotografie an der Grenze zwischen Werbung und Kunst angesiedelt und ein wichtiges Segment eines sich entwickelnden Fotografiemarktes im Zusammenhang mit Schifffahrtsgesellschaften. Bordfotografien vermitteln laut Hannouch einen Eindruck zeitgenössischer Auffassungen von Heimat und Identität. Dadurch spiegeln sich gesellschaftliche Werte wider, aber auch kollektive und persönliche Vorurteile, sowie Wünsche und Träume der Menschen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

    Tschiras Motive während seiner Zeit als Bordfotograf bei der NDL von 1927 bis 1940 bilden das mondäne Leben der Passagiere ab. Darunter berühmte Persönlichkeiten wie Marlene Dietrich, Portraits von Kapitänen, aber auch Fotos von Arbeitern an Bord, von einzelnen Schiffen und speziellen Linienfahrten. „Ganz besonders die letzte Reise der BREMEN, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als das Schiff in einem Tarnanstrich von New York nach Murmansk führ, hat Tschira mit der Kamera begleitet und das Bildmaterial später in dem propagandistischen Buch „Die Bremen kehrt heim; deutscher Seemannsgeist und deutsche Kameradschaft retten ein Schiff“ 1940 veröffentlicht“, berichtet Hannouch.

    Im Fokus von Hannouchs‘ Forschung stehen Tschiras Fotografien, die im Kontext der NS-Zeit verwendet wurden und die „exotischen Motive“ aus europäischen Kolonien. Sie untersucht die visuelle Kultur seiner Zeit, um einen tieferen Einblick in die Ästhetik von Tschiras Bildern zu bekommen sowie ein Verständnis für die Beeinflussung anderer Medien, wie Werbeplakate und Postkarten. Als historische Quellen seien Fotos ein gutes Medium, um Menschen für ein bestimmtes Thema zu interessieren und gesellschaftliche Prozesse zu verdeutlichen, betont Hannouch. „Sie sind aufgrund des unmittelbaren visuellen Eindrucks oft leichter zugänglich als Texte und haben dennoch viele Deutungsebenen. Das macht sie gerade für Museen so wertvoll.“ Allerdings seien gerade deshalb die richtige Interpretation und wissenschaftliche Texte im Zusammenhang mit Fotografien von grundlegender Bedeutung. Das Verfassen solcher Texte ist ein erster Schritt ihrer Forschungsarbeit. Hannouch möchte wissen, was die Fotos aussagen: „Was steckt hinter dem Foto?“, „Was sagt es über die Kommerzialisierung von Menschen anderer Kulturkreise aus?“ „In welcher Verbindung stand Tschira zum Nationalsozialismus?“. Gerade diese Ambivalenz findet Hannouch besonders spannend.

    Von 1940 bis 1946 arbeitete Tschira in Berlin, wo er mit seinem Kooperationspartner Kurt Kloeppel eine Fotoagentur gründete. Innerhalb dieses Zeitraums porträtierte Tschira verschiedene Akteure des kulturellen Lebens der NS-Zeit. Einige seiner Fotos aus der Sammlung des DSM wurden in nationalsozialistischen Zeitungen und Büchern veröffentlicht. Jedoch wurde bisher weder eine NSDAP-Mitgliedschaft belegt noch Entnazifizierungsakten von Tschira gefunden. Seine persönliche politische Einstellung bleibt für Forscher somit bisher Spekulation. „Fotos haben jedoch eine eigene Biografie, die unabhängig von dem Leben des Fotografen zu verstehen ist“, so Hannouch. Später arbeitete er in Lübchen, einem damaligen preußischen Landkreis in Schlesien.

    „Insgesamt lässt sich seine Arbeit in drei Lebensphasen mit unterschiedlichen ästhetischen Handschriften einordnen: die des Bordfotografen, die des Fotografen verschiedener Akteure des nationalsozialistischen Regimes und die des Theaterfotografen“, so der aktuelle Stand Hannouchs. Denn von 1946 bis 1957 war Tschira schließlich Theaterfotograf in Baden-Baden und gründete das „Fotoatelier Tschira“. Diese Sammlung befindet sich allerdings im Stadtarchiv Baden-Baden. Tschira habe einfach gewusst, wie man Aufmerksamkeit erregt und sich dem jeweiligen Markt anpasst. „Heute wäre er wahrscheinlich Influencer“, so Hannouch.

    Kontakt zum Archiv: http://www.dsm.museum/forschung/archiv-und-magazin

    Pressekontakt:
    Deutsches Schifffahrtsmuseum
    Leibniz-Institut für Maritime Geschichte
    Thomas Joppig
    Leitung Kommunikation
    T +49 471 482 07 832
    joppig@dsm.museum

    Über das Deutsche Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte:
    Die wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Meer zu erforschen und in Ausstellungen erlebbar zu machen – das hat sich das Deutsche Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM) in Bremerhaven zur Aufgabe gemacht. Es ist eines von acht Leibniz-Forschungsmuseen in Deutschland. Mit seinen mehr als 80 Mitarbeitenden und Auszubildenden und rund 8000 Quadratmetern überdachter Ausstellungsfläche zählt es zu den größten maritimen Museen Europas. Zurzeit befindet sich das DSM im Wandel und verbindet eine Gebäudesanierung sowie den Bau eines Forschungsdepots mit einer umfassenden Neukonzeption aller Ausstellungs- und Forschungsbereiche. Während dieser bis 2021 andauernden Phase bleibt das Haus geöffnet – mit einem vielfältigen Programm, wechselnden Sonderausstellungen und Veranstaltungen. Auch die mehr als 600 Jahre alte Bremer Kogge und die Museumsschiffe im Außenbereich können weiterhin besichtigt werden.
    Forschungsprojekte am DSM werden durch namhafte nationale und internationale Förderprogramme unterstützt. Als attraktiver Arbeitsort für junge und berufserfahrene Talente in der maritimen Forschung unterhält das DSM vielfältige Kooperationen mit Universitäten, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.
    Unterstützung erfährt das Museum nicht zuletzt von den fast 3000 Mitgliedern des „Fördervereins Deutsches Schifffahrtsmuseum e.V.“ Dieser sowie das „Kuratorium zur Förderung des Deutschen Schifffahrtsmuseums e.V.“ hatten einst die Eröffnung des Hauses im Jahr 1975 vorangetrieben und begleiten es nun auf seinem Zukunftskurs.
    Für weitere Informationen: https://dsm.museum/ueber-uns


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Hanin Hannouch
    hannoch@dsm.museum
    T +49 471 482 07 19


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Verkehr / Transport
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Hanns Tschiras Begleitung auf der BREMEN


    Zum Download

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    Hanna Tschira


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