idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
09.08.2019 10:57

TUB: Digitalisierung: Angebot löst Nachfrage aus

Stefanie Terp Stabsstelle Kommunikation, Events und Alumni
Technische Universität Berlin

    Intelligente Car-Sharing Angebote könnten zum Klimaschutz beitragen – aber nur wenn die Politik richtig steuert

    Medieninformation der TU Berlin Nr. 136 vom 8.8.2019

    Digitalisierung: Angebot löst Nachfrage aus

    Intelligente Car-Sharing Angebote könnten zum Klimaschutz beitragen – aber nur wenn die Politik richtig steuert

    Die Digitalisierung macht den Stadtverkehr grüner – so die weit verbreitete Meinung. „Sharing Apps, E-Mobilität und autonomes Fahren sind drei Trends, die das Potential bergen, das städtische Transportwesen komplett umzukrempeln“, erläutert Prof. Dr. Felix Creutzig, Fachgebiet „Sustainability Economics of Human Settlements“ an der TU Berlin. Aber das muss nicht immer positiv sein. „In einem ungünstigen Szenario könnten diese Trends den öffentlichen Personennahverkehr aushöhlen, die Zersiedelung von Städten fördern und das Verkehrsaufkommen mit seinen schädlichen Folgen stark erhöhen“, so der Wissenschaftler in einem aktuellen Artikel in der Zeitschrift Global Sustainability. Darin fordert er vor allem die kommunale Politik dazu auf, aktiv gestalterisch tätig zu werden. „Die Politik muss die Dynamik der Digitalisierung sinnvoll regulieren und so zu einem Hebel für mehr Nachhaltigkeit machen.“

    Bis 2050 werden zwei Drittel der gesamten Menschheit in Städten leben. Die Struktur dieser Städte und ihre Digitalisierung – inklusive der Nutzung von Datentechnologien, künstlicher Intelligenz und Automatisierung wird die Emission von Treibhausgasen und damit den Klimawandel entscheidend prägen. In einem interdisziplinären Workshop mit Wissenschaftler*innen vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der Technischen Universität München, dem Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und der Humboldt Universität zu Berlin wurden sowohl die Chancen als auch die Risiken dieser Entwicklung diskutiert.

    „Die Problematik lässt sich gerade beim Verkehr sehr gut verdeutlichen“, berichtet Felix Creutzig. So gibt es keinen Zweifel daran, dass die Verwendung von zum Beispiel Sharing Apps auf der einen Seite große Vorteile für den Verbraucher hat, wie zum Beispiel höhere Mobilität bei geringeren Kosten. Zusätzlich könnte die massive Verbreitung solcher Sharing Apps den Bedarf für ein eigenes Auto senken und sich damit positiv auf den Straßenverkehr und die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs auswirken.

    „Studien zeigen aber, dass solche Apps auch das genaue Gegenteil bewirken können“, so Felix Creutzig. „Wenn überall für wenig Geld ein Auto parat steht, nutzen die meisten Menschen eher das Auto als den Bus. Die hohe Verfügbarkeit induziert so überhaupt erst den Bedarf und lässt insgesamt die Anzahl der Autos und der gefahrenen Kilometer steigen.“ So untersuchte Anissa Yuniashaesa Suatmadi, eine Masterstudentin von Prof. Creutzig, die Nutzung eines Motorad-Taxisystems in Jakarta, Indonesien.
    Mit einem überraschenden Ergebnis: Zwar stellten vor allem Berufspendler ihre Mobilität auf den neuen Dienst um“, so Anissa Suatmadi, „aber der Effekt auf die Treibhausgasemissionen war vernachlässigbar oder sogar kontraproduktiv.“ Da der öffentliche Nahverkehr in Jakarta nur begrenzt funktioniert, stellten vor allem die Pendler auf das Motorad-Taxi um, die ansonsten öffentliche Kleinbusse nutzten. „Unser Ergebnis: Nur eine politisch regulierte Elektrifizierung der Motorradflotte als auch eine andere Preisgestaltung für Autofahrten könnten hier zu einem nachhaltigeren Verkehrssystem beitragen“, so Felix Creutzig.

    Daneben kann die unregulierte Ausbreitung von Sharing-Diensten auch unerwünschte soziale Folgen haben. „Studien belegen, dass eine weit verbreitete, billige Tür-zu-Tür Transportmöglichkeit mittels autonomer Fahrzeuge oder Sharing-Apps klimatechnisch nicht unbedingt wünschenswert ist. Diese Angebote halten die Menschen davon ab, aktive Transportmittel wie Gehen oder Radfahren zu nutzen, die nachweislich nicht nur gesundheitliche, sondern auch klimatische Vorteile mit sich bringen“, weiß Prof. Dr. Helga Weisz, Professorin für industrielle Ökologie und Klimawandel an der Humboldt Universität zu Berlin. Ihrer Ansicht nach sollten Kommunalverwaltungen deshalb besonders darauf achten, aktive Verkehrsträger zu fördern.

    Ein weiterer Effekt der ständig wachsenden Nutzung von Sharing-Apps – es kommt zu einer spezifischen digitalen Machtkonzentration: Die Sharing Unternehmen gewinnen aus den Apps eine Unmenge an Daten, mit denen sie ihre Angebote optimieren können. Öffentlichen Verkehrsplanern stehen diese dagegen nicht zur Verfügung.

    „Der technologische Paradigmenwechsel als Folge der Digitalisierung zeigt: Die Risiken sozialer und ökologisch nicht nachhaltiger Ergebnisse sind groß. Aber: Wenn sie richtig verwaltet werden, können Entscheidungsträger Big Data, künstliche Intelligenz und Automatisierung für städtische Nachhaltigkeitsziele nutzen“, fasst Felix Creutzig zusammen.

    Gerade in Städten wie Berlin könnte die Digitalisierung optimal für einen nachhaltigen Stadtverkehr genutzt werden. Um das zu erreichen, schlägt der Wissenschaftler drei konkrete Maßnahmen vor. Erstens: Alle Kommunen sollten eine Querschnittseinheit „Digitalisierung“ etablieren, deren Aufgabe es ist, die Digitalisierung aller Abteilungen zu koordinieren und in engem Kontakt mit externen Partnern wie Unternehmen, NGOs oder auch Software-Entwicklern zu stehen. Zweitens: Der Aufbau von digitalen open-Source Plattformen, die eine nahtlose Integration aller vorhandenen Mobilitätsangebote ermöglichen. Drittens: Städte und Kommunen müssen eine Digitalisierungs-Strategie entwickeln, die sich eng mit den traditionellen Belangen der Stadtplanung verzahnt.

    „Es gibt keinen Grund, Big Data und Künstliche Intelligenz zu verteufeln oder zu verherrlichen“, weiß Felix Creutzig: „Aber Kommunen und andere öffentliche Stellen müssen endlich die Verantwortung übernehmen und die in ihren Städten erzeugten Daten und Technologien regeln, um ihre Vorteile für das Gemeinwohl zu nutzen und ihre Risiken zu minimieren.“

    Weitere Informationen:
    On-demand motorcycle taxis improve mobility, not sustainability
    Anissa Yuniashaes Suatmadia, Felix Creutzig, Ilona M.Otto

    https://doi.org/10.1016/j.cstp.2019.04.005

    Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
    Prof. Dr. Felix Creutzig
    TU Berlin
    Fachgebiet Sustainability Economics of Human Settlements
    Tel.: 030/314 73331
    E-Mail: felix.creutzig@tu-berlin.de


    Weitere Informationen:

    https://doi.org/10.1016/j.cstp.2019.04.005


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Meer / Klima, Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay