Wie Darmbakterien Autoimmunität anstoßen

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04.09.2019 11:15

Wie Darmbakterien Autoimmunität anstoßen

Janina Wetzstein Kongress-Pressestelle
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.

    Bakterien, die über den Darm in die Leber eindringen, könnten an der Entwicklung einer krankhaften Abwehrreaktion des Immunsystems gegen körpereigene Gewebe beteiligt sein. Ein Auslöser der entzündlich-rheumatischen Krankheit „systemischer Lupus erythematodes (SLE)“ etwa könnten Darmbakterien sein, die körpereigenen Strukturen ähneln. Für die Forschung an diesen Vorgängen, zeichnet die Stiftung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) in diesem Jahr Dr. med. Martin Kriegel mit dem Rudolf-Schoen-Preis aus. Der Preis ist mit 15 000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre vergeben.

    Beim systemischen Lupus erythematodes greift das Immunsystem Gewebe und Organe im eigenen Körper an und ruft eine Entzündungsreaktion hervor. Ins Visier dieser fehlgeleiteten Abwehr geraten vor allem die Gelenke, die Niere und die Haut. Betroffen sind meist Frauen im gebärfähigen Alter. Sie leiden unter rheumaartigen Schmerzen, oft mit Fieber verbunden. Im Gesicht kommt es zu der für die Krankheit typischen schmetterlingsförmigen Rötung, auf dem Kopf zu Haarausfall, im Mund zu schmerzhaften Geschwüren. Angegriffen werden aber auch lebenswichtige Organe wie das Herz. Früher endete die Erkrankung oft tödlich. Heute leben die meisten Patienten dank Medikamenten, die die Angriffslust des Immunsystems dämpfen, einen weitgehend normalen Alltag.

    Einer der für SLE typischen Antikörper sind Autoantikörper, die sich gegen das Antigen „Ro60“ richten – Ro60 ist im Prinzip eine harmlose Zellstruktur im Körper. Weshalb diese Autoantikörper entstehen, ist nicht bekannt. Die Forschungsarbeiten von Martin Kriegel deuten überraschenderweise auf eine Beteiligung von Haut- und Darmbakterien hin. Der Anlass für die Immunreaktion ist vermutlich eine Verwechslung: Die Antikörper, mit denen das Immunsystem die Organe angreift, sind eigentlich gegen das Eiweiß Ro60 gerichtet, das bei einigen Bakterien im Darm, aber auch im Mund und auf der Haut vorkommt. Wie Kriegel in einem Beitrag in der Zeitschrift Science Translational Medicine (2018; 10: eaan2306) beschreibt, gleicht diese bakterielle Zielstruktur dem Antigen „Ro60“, das auch in den meisten menschlichen Zellen vorkommt und von den Antikörpern angegriffen wird.

    Im letzten Jahr konnte Kriegel zudem in der Zeitschrift Science (2018; 359: 1156-1161) zeigen, dass ein in der Regel harmloser Darmbewohner, genannt Enterococcus gallinarum, bei anfälligen Menschen in die Leber eindringt. Dort könnten also Immunreaktionen ihren Anfang nehmen, um schließlich den gesamten Körper zu erfassen. Bei Mäusen konnte Kriegel den Ausbruch einer SLE-artigen Erkrankung durch einen Impfstoff gegen dieses Bakterium verhindern. „Ob Impfungen oder andere gezielte Behandlungsansätze gegen Darmmikroben in der Zukunft neue Therapiemöglichkeiten für Patienten mit Rheuma darstellen, muss noch intensiv untersucht werden, könnte aber aufgrund unserer Ergebnisse vorstellbar sein“ sagt Kriegel.

    Aktuell untersucht Kriegel, ob eine Ernährungstherapie den Ausbruch der Erkrankung verhindern könnte. Auffällig ist, dass die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten in den westlichen Ländern mit einer starken Zunahme der SLE- und anderer Autoimmunerkrankungen einhergehen. Ein Mangel an Ballaststoffen könnte dazu geführt haben, dass harmlose Bakterien sich so stark vermehren, dass sie zu „Pathobionten“ werden. Ein solcher „Pathobiont“ könnte Lactobacillus reuteri sein, der auch im Darm von einigen Patienten mit SLE vermehrt vorkommt. In einer neuen Publikation im Magazin Cell Host & Microbe (2019; 25: 1-15) zeigt Kriegel, dass bei Mäusen eine Diät mit einer Art von Ballaststoffen verhindern kann, dass diese Bakterien durch die Darmwand dringen und die Immunreaktion verstärken, die dann zum SLE führt. Ob eine Ernährungsumstellung auch beim Menschen wirksam wäre, wurde bisher noch nicht untersucht.

    Mit dem Rudolf-Schoen-Preis für Rheumatologie ehrt die Stiftung der DGRh hervorragende wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiet der Rheumatologie. Sie möchte damit junge Wissenschaftler in der Rheumaforschung fördern und in ihrer Arbeit unterstützen. Bewerber sollen nicht älter sein als 45 Jahre. Die Höhe des Preisgeldes beträgt 15 000 Euro. Der Vorstand der Schoen-Stiftung begutachtet die eingesandten Arbeiten und entscheidet über die Preisvergabe. Die Preisverleihung für 2019 erfolgt im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 47. Kongresses der DGRh am 4. September 2019 um 18.00 Uhr im Internationalen Congress Centrum Dresden.

    Literatur:
    Manfredo Vieira et al. Translocation of a gut pathobiont drives autoimmunity in mice and humans. Science 2018 Mar 9;359(6380):1156-1161. doi: 10.1126/science.aar7201
    URL
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29590047

    Greiling TM et al. Commensal orthologs of the human autoantigen Ro60 as triggers of autoimmunity in lupus. Science Translational Medicine 2018 Mar 28;10(434). pii: eaan2306. doi: 10.1126/scitranslmed.aan2306.
    URL
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29593104

    Zegarra-Ruiz DF et al. A Diet-Sensitive Commensal Lactobacillus Strain Mediates TLR7-Dependent Systemic Autoimmunity. Cell Host Microbe. 2019 Jan 9;25(1):113-127.e6. doi: 10.1016/j.chom.2018.11.009
    URL
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30581114

    Bei Abdruck Beleg erbeten.

    Kontakt für Journalisten:
    Janina Wetzstein
    Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)
    Kongress-Pressestelle
    Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
    Tel.: 0711 8931-457, Fax: 0711 8931-167
    wetzstein@medizinkommunikation.org
    http://www.dgrh-kongress.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


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