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25.11.2003 09:54

Universität nimmt Aberkennung von Doktorgraden zwischen 1933 und 1945 zurück

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Ergänzung des Senatsbeschlusses von 1947 durch Fakultätsbeschlüsse

    Durch Beschlüsse in fünf Fakultäten hat die Universität Tübingen jetzt den Entzug aller zwischen 1933 und 1945 aus politischen Gründen aberkannter Doktorgrade rückgängig gemacht. Bereits am 14. Oktober 1947 hatte der Kleine Senat der Universität beschlossen, dass die im 3. Reich aus politischen Gründen erfolgten Aberkennungen akademischer Grade als ungültig zu betrachten seien. Unter diesen Beschluss fielen 32 Betroffene. Eine öffentliche Bekanntgabe ist damals allerdings unterblieben.

    Im Sommer 2002 hat die Juristische Fakultät in zwei Fällen, die nicht unter den Senatsbeschluss von 1947 fielen, die Entziehung des Doktorgrades ebenfalls für nichtig erklärt. Ein vom Rektor der Universität eingesetzter Arbeitskreis "Universität im Nationalsozialismus" hat sich mit sieben weiteren Fällen beschäftigt und sich dabei an folgenden Grundsätzen orientiert: Nicht jedes zwischen 1933 und 1945 ergangene Urteil ist ohne weiteres als Urteil eines Unrechtsstaates und damit als nichtig anzusehen. Umgekehrt ist auch die rechtspositivistische Auffassung abzulehnen, wonach jedes zwischen 1933 und 1945 formgerecht ergangene Urteil gültig sei. Der Arbeitskreis hat deshalb beschlossen, die verbleibenden Fälle einzeln zu prüfen. Aufgrund dieser Einzelfallprüfung hat der Arbeitskreis in vier Fällen empfohlen, den Entzug des Doktorgrades zurückzunehmen. In drei weiteren Fällen wurde empfohlen, vorerst nicht zu entscheiden, weil dort sexueller Missbrauch von Kindern oder Frauen als Anschuldigung erhoben wurde. Bei Auffinden neuen Aktenmaterials oder auf Anfrage sollen diese Fälle jedoch erneut behandelt werden.

    Insgesamt wurde zwischen 1938 und 1945 in insgesamt 45 Fällen der Doktorgrad entzogen. Betroffen waren 44 Personen, von denen eine an zwei Fakultäten promoviert worden war. Einer der 44 Betroffenen verlor den Doktorgrad wegen Plagiats bei der Abfassung der Dissertation. Eine Rücknahme des Entzuges kam daher nicht in Betracht. Einem Betroffenen wurde der Doktorgrad 1942 wieder zuerkannt, in einem weiteren Fall wurde der Entziehungsbeschluss im Frühjahr 1947 auf dem Gnadenwege aufgehoben.

    Die Universität wird die durch die Beschlüsse von 1947 und 2003 rehabilitierten Personen in einer Liste sowohl im Internet als auch in ihrer Universitätszeitschrift attempto! und in den Amtlichen Bekanntmachungen veröffentlichen. Die Namensliste ist dieser Pressemitteilung beigefügt.

    Nähere Informationen:
    Prof. Dr. Urban Wiesing, Sprecher des Arbeitskreises Universität im Nationalsozialismus
    Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Tel.: (07071) 29-78015,
    E-Mail: urban.wiesing@uni-tuebingen.de

    Dr. Johannes Michael Wischnath, Leiter des Universitätsarchivs, Tel.: (07071) 29-2857,
    E-Mail: uat@uni-tuebingen.de
    An der Universität Tübingen von 1933 bis 1945 aberkannte Doktortitel:
    Rehabilitierungen gemäß Beschluss des Kleinen Senats vom 14. Oktober 1947 und
    Beschlüssen der Fakultäten in den Jahren 2002 und 2003

    1. 30.11.1938: Dr. rer. pol. h. c. Paul Wilhelm Kaufmann (1883-)

    2. 6.12.1938: Dr. rer. pol. h. c. Richard Heilner (1876-1964)

    3. 29.3.1938: Dr. phil. Johannes Edward Alexander Stilgebauer (1868-1936)

    4. 29.9.1938: Dr. rer. pol. Hermann Budzislawski (1898-1978)

    5. 29.11.1938: Dr. med. dent. Albert Reissner (1883-)

    6. 17.1.1939: Dr. med. Robert Nußbaum (1892-)

    7. 2.2.1939: Dr. med. Max Eisenbach (18

    8. 14.2.1939: Dr. iur. Adolf Löwe (1893-1995)

    9. 14.2.1939: Dr. rer. pol. Josef Schönemann (1885-1970)

    10. 13.3.1939: Dr. iur. Halrald May (1910-)

    11. 23.5.1939: Dr. iur. Paul Tänzer (1897-)

    12. 16.12.1939: Dr. iur. Georg Schwarzenberger (1908-1991)

    13. 24.2.1940: Dr. med. Paul Weil (1894-)

    14. 3.2.1940: Dr. med. dent. Julius Gummerheimer (1903-)

    15. 3.2.1940: Dr. rer. pol. Herbert Kann (1893-1945 Auschwitz)

    16. 8.4.1940: Dr. med. dent. Emil Baer (1882-)

    17. 8.4.1940: Dr. iur. Karl Lieblich (1895-)

    18. 8.4.1940: Dr. rer. pol. Lothar Dessauer (1894-1973)

    19. 8.4.1940: Dr. iur. Siegfried Merzbacher (1898-)

    20. 8.4.1940: Dr. med. Alfred Dannhauser (1894-)

    21. 8.4.1940 Dr. med. dent. Georg Guttmann (1865-)

    22. 9.4.1940: Dr. iur. Richard Schmid (1899-1986)

    23. 23.4.1940: Dr. iur. Hans Funcke (1902)

    24. 12.6.1940: Lic. theol. et Dr. phil. Heinrich Seeger (1888-1945)

    25. 23.9.1940: Dr. med. Julius Mainzer (1875-1944 Auschwitz)

    26. 23.9.1940: Dr. rer. pol. Alfred Isaak Heller (1885-1956)

    27. 18.1.1941: Dr. phil. Immanuel Lewy (1884-)

    28. 18.1.1941: Dr. med. Wilhelm Reutlinger (1897-)

    29. 27.2.1941: Dr. theol. Heinrich Neunobel (1893-)

    30. 12.5.1941: Dr. med. Helmut Beil (1905-)

    31. 13.6.1941: Dr. iur. Maximilian May (1876-)

    32. 13.6.1941/4.7.1941: Dr. med. Artur Goge (1893-)

    33. 13.6.1941: Dr. med. Otto Einstein (1876-)

    34. 25.10.1941: Dr. iur. Heinrich Hayum (1904-1963)

    35. 29.7.1942: Dr. med. Erich Schneider (1887-)

    36. 22.2.1943: Dr. phil. Kuno Herbert Fischer (21.4.1911-)

    37. 24.12.1944: Ehrensenator Dr. iur. h. c. Emil Loeffellad (1879-1945)

    38. 24.3.1945: Dr. iur. Rüdiger Schleicher (1895-1945)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    fachunabhängig
    überregional
    Organisatorisches, Personalia
    Deutsch


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