Laufkäfer aus der Forschungssammlung des Berliner Naturkundemuseums reflektieren 125 Jahre Berliner Umweltbedingungen

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28.01.2020 13:38

Laufkäfer aus der Forschungssammlung des Berliner Naturkundemuseums reflektieren 125 Jahre Berliner Umweltbedingungen

Dr. Gesine Steiner Pressestelle
Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung

    Umweltveränderungen führen meist dazu, dass ursprüngliche Tier- und Pflanzengemeinschaften durch neue Artengemeinschaften ersetzt werden. Es gibt aber auch Arten die mit den Veränderungen zurechtkommen und bleiben. Dazu müssen sie sich an die neuen Bedingungen anpassen. Ein Team von Forscherinnen und Forschern vom Museum für Naturkunde Berlin konnte nun an einer Laufkäferart zeigen, dass sich die Lebensbedingungen für diesen Käfer über die letzten 125 Jahre in der Stadt zum Besseren geändert haben. Die Studie im Fachmagazin ‚Frontiers in Ecology and Evolution‘ zeigt auch exemplarisch, wie relevant naturkundliche Sammlungen für die Erforschung von Veränderungen über lange Zeiträume sind.

    Menschen verändern die Umwelt permanent. Insbesondere Verstädterung und Landwirtschaft führten und führen zur Entstehung neuer Ökosysteme. Die Artenzusammensetzung in diesen unterscheiden sich oft fundamental von denen der ursprünglichen Lebensräume. Viele Arten verschwinden, neue wandern ein. Es gibt jedoch auch Arten die mit den Veränderungen zurechtkommen und an Ort und Stelle überdauern. Im Berlin-Brandenburgischen Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), einem Zusammenschluss von vier Universitäten und fünf Leibniz-Instituten, untersuchen Forscherinnen und Forscher verschiedenster Disziplinen die Biodiversität und Ökologie von Tieren und Pflanzen in Berlin und Brandenburg. Innerhalb dieses Forschungsverbundes hat es sich ein Team von Forscherinnen und Forschern des Museums für Naturkunde Berlin zur Aufgabe gemacht zu untersuchen, ob und wie sich Arten dieser Region in den letzten 125 Jahren an die Veränderungen angepasst haben. Hierfür nutzen sie insbesondere die Forschungssammlung des Museums für Naturkunde Berlin.

    Für eine jetzt im Fachmagazin ‚Frontiers in Ecology and Evolution‘ veröffentlichte und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Studie, wählten die Forscherinnen und Forscher des Naturkundemuseums eine auch heute noch im Berlin-Brandenburger Raum häufig anzutreffende Laufkäferart aus. Da Vergleiche des Verhaltes oder der Biologie rückwirkend nicht mehr möglich sind, suchten die Forscherinnen und Forscher Merkmale, die über die Lebensweise der Art Aufschluss geben könnten und an altem Sammlungsmaterial noch zuverlässig zu erfassen sind. Die untersuchte Art kann drei unterschiedliche Färbungen aufweisen: grün, bronzen oder gemischtfarbig. Diese Farben sind an präparierten Käfern, auch nach über 100 Jahren, unverändert zu erkennen. Insgesamt standen dem Team 660 Individuen, gesammelt zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Lebensräumen in Berlin und Brandenburg, zur Verfügung. Das älteste Tier kam im Jahr 1893 ins Museum für Naturkunde Berlin.

    Die Autoren konnten zeigen, dass die meisten Tiere grün gefärbt sind. Lediglich Weibchen aus Berlin, die vor oder um den zweiten Weltkrieg gesammelt wurden - also zu einer Zeit, in der die Umweltverschmutzung weit höher war als heute - wiesen vermehrt bronzefarbene Individuen auf. Ab den 1950er Jahren bis heute nahm die Anzahl an bronzefarbenen Weibchen wieder ab und die Zahl grüner Weibchen wieder zu. Bei den männlichen Käfern blieben der Anteil der verschiedenen Farbvarianten über den gesamten Zeitraum, sowohl im ländlichen Brandenburg, als auch im Stadtbereich Berlins kontant. Die Forscherinnen und Forscher des Museums für Naturkunde Berlin interpretieren diese Ergebnisse als Resultat unterschiedlicher Prozesse von natürlicher und sexuellen Selektion. Da die grünen Tiere in (ruß)verschmutzten Lebensräumen auffälliger für Räuber sind als die bronzefarbenen Tiere, überlebten eher bronzene Weibchen die verschmutzte Stadt. Als die Rußverschmutzung in Berlin aufgrund von Umweltschutzmaßnahmen abnahm, setzte sich die grünen Tiere, die auch in eher natürlichen Lebensräumen dominierten, wieder durch. Silvia Keinath, die Erstautorin der Studie erklärt: „Es ist bemerkenswert, dass es zu so deutlichen Anpassungen einer Art innerhalb einer so kurzen Zeitspanne kommen konnte und dass diese Veränderungen geschlechtsspezifisch sind.“ Die Autoren vermuten, dass die weiblichen Käfer eine größere Vorliebe für grüne Männchen haben. Sexuelle Selektion wirkte damit einer Anpassung der Männchen an die verschmutzte Umwelt entgegen. Mark-Oliver Rödel, Leiter der Studie ergänzt: „Diese Arbeit zeigt exemplarisch auf, welch wichtigen Beitrag Forschungssammlungen an Museen leisten können, um Veränderungen von Arten und Ökosystemen über lange Zeiträume zu verfolgen und zu verstehen.“

    Zitat: Keinath S, Frisch J, Müller J, Mayer F and Rödel M-O (2020) Spatio-Temporal Color Differences Between Urban and Rural Populations of a Ground Beetle During the Last 100 Years. Front. Ecol. Evol. 7: 525. doi: 10.3389/fevo.2019.00525

    Die Veröffentlichung ist frei zugänglich: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fevo.2019.00525/full


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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