Wirtschaftliche Corona-Folgen noch gar nicht absehbar

idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Science Video Project


Teilen: 
14.02.2020 11:56

Wirtschaftliche Corona-Folgen noch gar nicht absehbar

Stephan Düppe Stabsstelle 2 – Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
FernUniversität in Hagen

    Die Situation in China könnte sich drastisch verschlechtern. Die Befürchtungen von Prof. Helmut Wagner von der FernUniversität in Hagen reichen bis zu einer Finanzkrise. Anlass hierfür sind die vielen Millionen Beschäftigten, die nach dem Neujahrsfest, das sie bei ihren Familien verbracht haben, nun zu ihren Arbeitsstätten zurückkehren. Während die Krise aufgrund der geringen wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt Wuhan und der Provinz Hubei noch sehr begrenzt ist, könnte eine Verbreitung in den Metropolen immense Folgen haben. Zudem könnte das Virus auf der Neuen Seidenstraße zeitverzögert weiterwandern. China war 2018 zum dritten Mal in Folge Deutschlands größter Handelspartner.

    „Bisher gab es in China eine Ausnahmesituation“, sagt Helmut Wagner. Der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie an der FernUniversität in Hagen ist ein ausgewiesener Kenner der Volkswirtschaft im Reich der Mitte und der Pekinger Wirtschaftspolitik. Doch beruhigend klingen die Worte von Prof. Dr. Wagner nicht wirklich, denn er sieht in China aktuell „verhältnismäßig positive“ Umstände, die bald zu Ende sein könnten – mit entsprechenden Folgen für die deutsche Wirtschaft: „Wenn sich das Virus weiter ausbreitet, reden wir über ganz andere Dimensionen.“

    Dagegen ist das Problem jetzt noch begrenzt: „Wuhan mit 12 Millionen und die Provinz Hubei mit 60 Millionen Menschen sind für chinesische Verhältnisse klein, Hubei trägt mit lediglich etwa vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei“, erläutert Prof. Wagner.

    Jedoch kehren nun viele Millionen Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter sowie unzählige Festangestellte, die das chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar bei ihren Familien verbracht haben, an ihre Arbeitsorte zurück. Der Volkswirt: „Alleine nach Peking kommen acht Millionen! Niemand weiß, ob sie das Virus in sich tragen.“ 2018 gab es in China insgesamt rund 288,4 Millionen Wanderarbeiter; davon arbeiteten 172,7 Millionen außerhalb und 115,7 Millionen innerhalb ihrer Heimatprovinz (Quelle: National Bureau of Statistics of China).

    Menschen noch diszipliniert

    Die größte Gefahr ist das Vordringen des Virus in die Hauptproduktionszentren wie Peking und Shanghai oder das Innovationszentrum Shenzhen, wo jetzt, nach dem Fest, die Produktion wieder hochgefahren wird und wo es auch die meisten Verbindungen und Kontakte zu ausländischen Unternehmen gibt.

    Gefährlich wird es auch, wenn es länger dauert, die Krankheit einzudämmen, etwa durch ein Gegenmittel (das es noch nicht gibt). „Noch sind die Menschen diszipliniert, die meisten befolgen die Direktiven und sind auch mit der Isolation einverstanden.“ Wenn jedoch der Erfolg der Maßnahmen zu lange ausbleibt, könnten sie die Gefahrenzonen unkontrolliert verlassen. Unter ihnen viele Infizierte, die jedoch scheinbar gesund sind: „Es lässt sich nichts abschotten, wenn Menschen keine Symptome zeigen.“

    Übergreifen hätte fatale Folgen

    Ein großflächiges Übergreifen auf andere Regionen und insbesondere auf die Metropolen dürfte wirtschaftlich fatale Folgen haben. Angesichts der internationalen Vernetzung könnten sie schnell Deutschland und die ganze Welt in einer noch nicht abschätzbaren Weise betreffen: „Wenn die großen europäischen und amerikanischen Konzerne – unter anderem VW, Apple oder General Motors – ihre Werke dort schließen, gibt es Riesenprobleme!“

    Produktionsausfälle in China würden „ganz schnell zu Engpässen in den Lieferketten führen“, gibt der Volkswirt zu bedenken: „Viele Vor- und Zwischenprodukte, die deutsche Betriebe benötigen, werden heute termingerecht aus China importiert, z.B. Kfz-Elektronikbauteile. Fehlen sie hier, bleiben beim Hersteller hier die Produktionsbänder stehen.“ Er sucht dann fieberhaft nach Ersatzlieferanten – aber viele andere eben auch.

    Nicht nur Industrie eng verflochten

    Wie abhängig die Welt heute von China ist, macht Wagner an einem Beispiel deutlich: Dort werden 80 Prozent der aktiven Ingredienzien für alle Medikamente weltweit hergestellt. Wenn sie nicht mehr geliefert werden, können auch Herz-, Krebs- und viele andere Kranke betroffen sein. Betroffen sind z.B. auch der Konsumgütersektor und der Dienstleistungsbereich. Alleine in Tourismus und Luftfahrtwirtschaft rechnet man heute bereits mit 10 Milliarden Euro an Verlusten.

    Mit früheren Epidemien ist die heutige Situation für Prof. Wagner kaum noch vergleichbar, weil die Weltwirtschaft viel vernetzter ist. Als das SARS-Virus 2002 in 26 Ländern 774 von 8.096 Erkrankten tötete, hatte Chinas Bruttoinlandsprodukt weit unter fünf Prozent Anteil am globalen BIP. Heute sind es fast 17 Prozent.

    Viren über Neue Seidenstraße nach Europa?

    Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie können Deutschland betreffen, auch das Virus selbst kann in viel stärkerem Maß als bisher hierherkommen, etwa über Kontakte mit chinesischen Beschäftigen eines Unternehmens, durch internationale Konferenzen oder durch Touristinnen und Touristen.

    Eine „Zeitbombe“ könnte Chinas Neue Seidenstraße zum Ticken bringen: Auf verschiedenen Wegen zu Land und zu Wasser will China mit diesem gigantischen Projekt seine Waren vermehrt exportieren. Vor allem in Afrika bauen chinesische Unternehmen Straßen und Bahntrassen hierfür: „Auf diesen Wegen könnte das Virus zeitverzögert zu uns kommen, wenn es in China selbst bereits unter Kontrolle ist. Verbreiten könnten es Beschäftigte, die die Neue Seidenstraße bauen“, gibt Wagner zu bedenken. „Die größte Gefahr ist, wenn das Virus in Entwicklungsländer eingeschleppt würde – Isolation ist dort kaum möglich, die medizinische Versorgung ist in manchen Ländern katastrophal.“

    Sinkende Nachfrage

    Selbst wenn die Krise im zweiten Quartal des Jahres 2020 ausgestanden wäre, würde die wirtschaftliche Expansion in China um 1,5 bis 2,0 Prozent im ersten Quartal vermindert werden. Aufs Jahr gerechnet wären es immer noch 0,5 Prozent. Das ist sogar noch die optimistische Erwartungshaltung, von der jedoch immer mehr Fachleute abrücken, so Wagner. Zu befürchten ist also ein Sinken der chinesischen Nachfrage: „Wie hoch die ökonomischen Kosten der Krise sein werden, hängt davon ab, wie lange sie dauert und wann ihr Höhepunkt ist“, so Wagner. „Die chinesischen Ärztinnen und Ärzte haben die Prognose bzgl. des Scheitelpunkts ja bereits von Mitte Februar auf das Monatsende verschoben.“ Mediziner aus Hongkong und London gehen jedoch bereits von April bis Mai aus.

    Die Zuverlässigkeit chinesischer Erfolgsmeldungen sieht Wagner vor dem Hintergrund der Sanktionen Pekings für Warner und Whistleblower zurückhaltend: „Die chinesische Regierung hat große Sorge und versucht, vieles unter der Decke zu halten in der Hoffnung, dass sich die Infektionsrate jetzt abflacht.“ Offensichtlich nimmt jedoch in der Bevölkerung das Misstrauen gegen die Beschwichtigungsversuche zu.

    Droht Finanzkrise?

    Ein weiteres Thema sind die Stützungsmaßnahmen der chinesischen Regierung. Sie könnten zu einer weltweiten Finanzkrise führen: „Man kann davon ausgehen, dass die Regierung das hohe Wachstum mit einer Vielzahl von Maßnahmen stützen will.“ Präsident Xi hat versprochen, dass der Lebenswohlstand pro Kopf bis Ende 2020 im Vergleich zu 2010 verdoppelt wird. „Darauf vertraut die Bevölkerung. Durch die Krise wird das aber nicht mehr erreicht werden können, obwohl Peking es mit allen Mitteln – etwa Zinssenkungen und großzügige Finanzmittel für Unternehmenskredite – noch schaffen will. Eine neue Finanzkrise in China ist nicht auszuschließen, weil sich bereits hochverschuldete Unternehmen noch weiter verschulden. Viele sind ja bereits fast pleite. Das könnte dann auch zu uns ‚überschwappen‘.“

    Zwischen zwei Übeln wählen

    „Wir werden noch Wochen und vielleicht Monate mit der Ungewissheit leben müssen, ob der Höhepunkt der Krankheit überschritten ist. Das macht die Situation für die Politikerinnen und Politiker, die letztendlich entscheiden müssen, noch komplizierter. Vielleicht müssen sie zwischen zwei Übeln wählen: sofort entstehenden Kosten durch die konsequente Abschottung Chinas und damit verbunden geringerem Wachstum oder spätere, vielleicht viel höhere Kosten aufgrund der Erkrankung vieler Menschen in aller Welt.“

    Dabei vergisst der Wissenschaftler aber auch nicht die tragische Seite jedweder Entscheidung: „Wenn es viele Millionen Tote gibt: Was nützen danach der Aufschwung und Nachholeffekte? Den Menschen, die gestorben sind, jedenfalls nichts.“

    200 Milliarden Euro Handelsvolumen

    Deutschland ist mit Abstand Chinas größter europäischer Handelspartner. China war 2018 zum dritten Mal in Folge Deutschlands größter Handelspartner. Im Jahr 2018 belief sich das bilaterale Handelsvolumen auf knapp 200 Milliarden Euro. Auf die deutschen Exporte nach China entfielen rund 93 Milliarden Euro und auf die deutschen Importe aus China knapp 106 Milliarden Euro. Deutsche Exportgüter waren vor allem Maschinen, Kfz und Kfz-Teile, Elektrotechnik und Chemie. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in China betrug im Jahr 2017 81 Milliarden Euro.

    Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2020

    Hinweis: Prof. Dr. Helmut Wagner ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insb. Makroökonomik an der FernUniversität in Hagen und Präsident des Center for East Asian Macroeconomic Studies (CEAMeS, https://www.fernuni-hagen.de/ceames/en/index.shtml).


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Helmut Wagner, helmut.wagner@fernuni-hagen.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    jedermann
    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay