Die Tram bringt das Paket

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22.04.2020 13:54

Die Tram bringt das Paket

Oliver Klinke Kommunikation und Veranstaltungsmanagement
Frankfurt University of Applied Sciences

    Forschungsprojekt der Frankfurt UAS: Straßenbahn soll als Transportmöglichkeit Innenstädte von Kurierfahrzeugen entlasten

    Wer kennt sie nicht, die in zweiter Reihe parkenden Fahrzeuge der Paketzusteller, oft mit eingeschaltetem Warnblinker? Sie verstopfen den Verkehr und schaden mit ihren Emissionen der Umwelt. Eins ist sicher: Es werden angesichts des rasant wachsenden Online-Handels mehr und mehr von ihnen zu sehen sein, falls es nicht eine bessere Transportlösung gibt. Das Forschungsteam des Research Lab for Urban Transport (ReLUT) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) hat einen ebenso einfachen wie cleveren Lösungsansatz entwickelt: Die Mitarbeiter/-innen analysierten in einem Forschungsprojekt die Integration der Straßenbahn in die Sendungszustellung eines Paketzustellers in der Innenstadt von Frankfurt am Main. Partner beim Projekt waren die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main mbH (VGF) und der Kurier-Express-Paket-Dienst (KEP) Hermes.

    In einem Pilotversuch belieferte Hermes die Tram aus einem firmeneigenen Depot mit einem Elektro-Transporter und verwendete dafür Boxen, die kompatibel mit zwei Lastenradmodellen waren. Beladen wurde die Straßenbahn in einem Straßenbahndepot der VGF. Sie fuhr dann bis zu einer ausgewählten Station im Stadtkern. Dort übernahmen Kuriere mit Elektro-Lastenrädern die Boxen mit den Paketen und stellten sie zu. Da es hier zu drei Transportvorgängen kommt, spricht man von einem dreistufigen Zustellverfahren.

    Um die Prozesse in diesem Zustellverfahren möglichst ungestört untersuchen zu können, hatten die Wissenschaftler/-innen als Be- und Entladestationen Standorte gewählt, die nicht im Regelbetrieb angefahren werden, sodass zuständige Mitarbeiter/-innen ohne Zeitdruck agieren konnten. Wichtig ist auch, dass der Fahrgastbetrieb nicht gestört wird. Daher sind besonders Linien und Haltestellen mit geringer Taktdichte geeignet. Außerdem fanden die Fahrten der Tram außerhalb der Stoßzeiten statt, um das Einfädeln in den Regelbetrieb zu erleichtern. Darüber hinaus fuhren keine Passagiere mit der „Logistiktram“ – das ist rechtlich auch nicht erlaubt.

    Technisch gesehen war der Pilotversuch ein Erfolg: Mithilfe eigens gebauter Rampen sowie von Befestigungsmitteln zur Ladungssicherung konnte die Tram einwandfrei be- und entladen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings ein ebenerdiger Ein- bzw. Ausstieg und eine Niederflurstraßenbahn. Da noch nicht vorhanden, wurde im Projekt eine für den Transport in der Tram geeignete Transportbox entwickelt und getestet. Aber auch Nachteile wurden festgestellt: Das Transportvolumen in der Straßenbahn ist trotz der Mehrzweckabteile beschränkt. „Wir sind trotzdem überzeugt, dass sich auch im Praxisbetrieb der Pakettransport mit der Tram bewähren würde“, sagt Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke vom ReLUT.

    Wirtschaftlich betrachtet gestaltet sich das dreistufige Zustellverfahren dem ReLUT-Team zufolge schon jetzt als erstaunlich wirtschaftlich: Die Zustellung mit diesem Verfahren kostet den KEP im Schnitt 1,93 Euro pro Paket – die Belieferung mit einem Transporter vom Depot bis zur Haustür 1,65 Euro. Allerdings sind hier externe Kosten z. B. durch Umweltverschmutzung und Staus wegen zu vieler Transporter auf den Straßen nicht eingerechnet. Bei den CO2-Emissionen beispielsweise könnte man mit der Tram im dreistufigen Zustellverfahren 57 Prozent einsparen. „Wenn 89 Fahrten pro Tag auf die Schiene verlagert würden, könnte man 199,76 Tonnen CO2 im Jahr einsparen – das entspricht dem Ausstoß von 77 Autos mit einer Jahreslaufleistung von 13.500 Kilometern“, ergänzt Schocke.

    Eine umfassende Analyse der bisher genannten und weiterer Kriterien war Teil des Forschungsprojekts. Für die weitere Forschung ergeben sich folgende Ansätze (Untersuchungsfelder): Die Anforderungen an Tram, Stationen, Container und Nutzer/-innen müssen noch genauer analysiert werden. Die Transportboxen, die kompatibel mit Tram, Lastenrad und Station sind, müssen weiterentwickelt werden. Weitere andere Tramszenarien und deren Auswirkungen auf die Umwelt und das Umfeld sind zu simulieren. Schließlich müssen auch andere Schienennetze (z. B. U-Bahnen) betrachtet werden. Ein entsprechendes Folgeprojekt wurde bereits beantragt.

    Research Lab for Urban Transport (ReLUT)
    Im Research Lab for Urban Transport (ReLUT) der Frankfurt UAS forscht ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaft und Praxis zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Verkehrs im städtischen Raum. Dabei konzentriert es sich primär auf die Entwicklung von wirtschaftlichen und ökologischen Last-Mile-Lösungen für Liefer- und Frachtdienste aus dem Kurier-Express-Paket-(KEP)-Bereich.
    Weitere Informationen unter: http://www.relut.de

    Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 3: Wirtschaft und Recht, Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Telefon: +49 69 1533-3870, E-Mail: schocke@fb3.fra-uas.de

    Weitere Informationen zur Frankfurt UAS unter https://www.frankfurt-university.de.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Verkehr / Transport
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Silke Höhl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ReLUT


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    Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor am ReLUT


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